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Full text of "150 Jahre Blindenbildung in Deutschland, 1806-1956 : Festschrift zur 150-Jahrfeier der Blindenbildungsanstalt Berlin-Steglitz"

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150  JAHRE  BLINDENBILDUNG 
IN  DEUTSCHLAND 


1806  - 1956 


FESTSCHRIFT  ZUR  150- JAHRFEIER 
DER  BLINDENBILDUNGSANSTALT  BERLIN-STEGLITZ 


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Herausgeber:  Dr.  Jurczek 

Druck:  Verwaltungsdruckerei  Berlin,  Berlin  SO  36,  Kohlfurter  Straße  41 — 43 

Bildbeiträge:  Landesbildstelle  Berlin 

Umschlag-Entwurf :  Ilse  Hufenbach,  Berlin-Nikolassee,  Prinz-Friedrich-Leopold-Straße  3 


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Grußwort 

Tfäre  es  noch  nötig ,  auf  die  Bedeutung  hinzuweisen ,  die  das  Potential  jener 
Menschen  für  die  Gemeinschaft  dar  stellt,  die  durch  außergewöhnliche  An¬ 
strengungen  einen  Sieg  des  Geistes  über  ihren  Körper  errungen  haben  —  man 
brauchte  nur  den  Kamen  Helen  Kellers  zu  erwähnen. 

Die  Versehrten  zweier  Weltkriege  haben  uns  zum  Bewußtsein  gebracht,  daß 
das  Mitleid  die  unangemessenste  Haltung  ist ,  die  wir  gegenüber  den  Körper¬ 
behinderten  einnehmen  können,  ja  daß  wir  uns  in  der  Beschränkung  darauf 
der  Werte  berauben,  die  in  der  Beife  ihrer  Selbstüberwindung  liegen. 

Aus  diesem  Grunde  vor  allem  so  darf  man  wohl  sagen  —  und  nicht  aus 
kommerziellen  Erwägungen  bemühen  sich  alle  Verantwortlichen  heute  mit 
einigem  Erfolg,  den  Körperbehinderten  durch  sorgsame  Entwicklung  ihrer 
speziellen  Fähigkeiten  das  Selbstbewußt  sein  eines  vollwertigen  Mitgliedes  der 
Gesellschaft  zu  vermitteln . 

Die  hervorragende  Leistung  der  Berliner  Blindenbildungsanstalt  und  ihrer 
E örder er  ist  in  der  Tatsache  zu  sehen,  daß  sie  diesen  Erkenntnissen  in  ihrer 
15  0 jährigen  Tätigkeit  entscheidend  mit  zum  Durchbruch  verholfen  haben _ 
Niemand  wird  diese  Leistung  besser  zu  würdigen  wissen,  als  die ,  die  in  diesem 
Hause  das  seelische  und  geistige  Büstzeug  für  ihr  Bestehen  in  einer  Umwelt 
bekamen,  die  im  allgemeinen  nicht  allzuviel  Rücksicht  auf  das  Individuum 
nimmt.  Besonders  verdienstvoll  ist  die  Arbeit  der  Lehrer  dieser  Anstalt  aber 
auch,  weil  die  pädagogischen  Methoden,  die  sich  aus  der  Betreuung  blinder 
Schüler  entwickeln,  einen  fruchtbaren  Beitrag  zur  pädagogischen  Gesamt¬ 
erkenntnis  dar  st  eilen. 

Mit  aufrichtiger  Hochachtung  beglückwünsche  ich  deshalb  die  Leitung  und 
die  Lehrerschaft  der  Berliner  Blindenbildungsanstalt  zu  dem  Jubiläum,  das 
sie  heute  begehen  können,  und  grüße  die  von  ihnen  Betreuten  mit  der  Ver¬ 
sicherung,  daß  die  Berliner  Verwaltung  auch  in  Zukunft  ihre  Anteilnahme  am 
Schicksal  der  Blinden  tatkräftig  beweisen  wird. 


Senator  für  Volksbildung 


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Der  Blindenbildungsanstalt  Berlin-  Steglitz 
zum  Gruß 

Die  Berliner  Blindenanstalt  als  die  älteste  in  Deutschland  kann  in  diesem 
Jahre  auf  ein  15 0 jähriges  Bestehen  zurückblicken.  Mehr  als  die  Hälfte  dieses 
stattlichen  Zeitraumes ,  fast  80  Jahre ,  hat  sie  ihren  Standort  am  Fuße  des 
Fichtenberges  in  der  Rothenburgstraße  in  Steglitz.  Obwohl  sie  als  eine  staat¬ 
lich-preußische  Anstalt  verwaltungsmäßig  keine  Beziehungen  zu  der  Ge¬ 
meinde  hatte ,  betrachteten  die  Steglitzer  sie  als  ihre  Blindenanstalt.  Die  gelbe 
Armbinde  gehört  zum  Straßenbild ,  und  hilfsbereit  leiht  der  Steglitzer  dem 
Blinden  seinen  Arm ,  um  ihn  über  die  verkehrsreiche  Schloßstraße  zu  geleiten. 
Die  Gemeindeverwaltung  ehrte  das  Andenken  jener  Männer ,  die  als  Päd¬ 
agogen  das  Blindenbildungswesen  gefördert  haben ,  indem  sie  die  Straßen  rund 
um  die  Anstalt  nach  ihnen  benannte  —  von  der  Zeunepromenade  bis  zur 
Braillestraße. 

Direktor  Roesner  hatte  eine  gute  Wahl  getroffen ,  als  er  1872  mit  Hilfe  der 
Pwthenbur gstiftung  das  Gelände  am  Fichtenberg  für  die  wachsende  Anstalt 
erwarb.  Zwar  ist  Steglitz  längst  in  den  brausenden  Verkehr  der  Großstadt 
einbezogen;  aber  zwischen  der  Schloßstraße  und  der  Grunewaldstraße  hat 
der  Fichtenberg  die  beschauliche  Ruhe  bewahrt ,  die  eine  Bildungsanstalt  für 
ihre  Arbeit  benötigt.  Erst  den  Bombenangriffen  des  2.  Weltkrieges  war  es  Vor¬ 
behalten ,  das  friedliche  Idyll  zu  zerstören ,  und  zwar  so  gründlich ,  daß  von 
den  Baulichkeiten  der  Blindenanstalt  nur  ein  Trümmerfeld  übrigblieb. 

Mit  der  Anstalt  war  auch  ihr  Gründer  und  Unterhaltsträger ,  der  Staat  Preu¬ 
ßen,  ein  Opfer  des  großen  Zusammenbruchs  geworden.  Da  erwuchs  der  Stadt 
Berlin  die  Aufgabe ,  das  Werk  Zeunes  und  Roesners  in  ihre  Obhut  zu  nehmen; 
sie  beauftragte  mit  dem  Weder  auf  bau  und  der  Betreuung  der  Anstalt  den 
Bezirk  Steglitz ,  und  so  wurde  sie  auch  verwaltungsmäßig  „ unsere  Blinden¬ 
bildungsanstalt“. 

Das  Bezirksamt ,  insonderheit  das  Schulamt  und  das  Bauamt  betrachteten  es 
als  eine  Ehrenpflicht ,  neben  der  Beseitigung  der  umfangreichen  Kriegsschäden 
an  den  bezirkseigenen  Schulgebäuden  den  Wiederaufbau  der  Blindenbildungs- 
anstalt  zu  fördern  und  den  von  ihrem  Direktor  Dr.  Jurczek  im  Interesse  der 
Blinden  erhobenen  Wünschen  nach  Kräften  zu  entsprechen.  Daß  dies  nicht  in 
einem  Zuge  geschehen  konnte ,  war  schon  in  dem  finanziellen  Ausmaß  des 


Wiederaufbaues  begründet.  Hatte  man  zunächst  behelfsmäßig  unter  Benutzung 
der  Keller  Unterrichts-  und  Unterkunftsräume  geschaffen ,  so  konnte  ab  1950 
der  systematische  Wiederaufbau  des  Hauptgebäudes  —  wenn  auch  aus  finan¬ 
ziellen  Gründen  in  drei  T  eilab  schnitten  —  vor  genommen  werden.  Maßgebend 
war  dabei  der  Raumbedarf,  der  sich  aus  der  Konzentration  der  verschiedenen 
Berliner  Blindenbildungseinrichtungen  in  Steglitz  ergab ;  doch  wurden  die 
Bemühungen  durch  den  Wunsch  beflügelt,  1956  zum  150jährigen  Bestehen 
der  Jubilarin  und  ihren  Gästen  ein  würdiges  Heim  bieten  zu  können,  das  die 
äußere  Form  des  alten  Baues  nach  Möglichkeit  wahrt,  aber  in  der  inneren 
Ausgestaltung  die  Vorteile  moderner  Bauweisen  nutzt  und  so  Arbeitsmöglich¬ 
keiten  schafft,  die  Lehrern  und  Schülern  zugute  kommen.  Die  Haushalts¬ 
mittel,  die  das  Land  Berlin  für  den  Wiederaufbau  seit  der  Währungsreform 
zur  Verfügung  gestellt  hat,  erreichen  die  stattliche  Summe  von  807  000  DM. 
Dem  Bezirksamt  Steglitz  gereicht  es  zur  freudigen  Genugtuung,  daß  es  ge¬ 
lungen  ist,  den  Wiederaufbau  im  wesentlichen  bis  zum  Jubiläumsjahr  fertig¬ 
zustellen.  Möchte  das  als  ein  Zeichen  gelten  für  unsern  guten  Willen,  mit¬ 
zuarbeiten  an  dem  Werk  christlicher  N ächstenliebe  und  praktischer  Hilfs¬ 
bereitschaft  für  unsere  blinden  Mitmenschen,  damit  das  innere  Licht  echter 
Menschenbildung  ihr  dunkles  Dasein  freundlich  erhellt. 


Bezirks stadt rat  für  Volksbildung 


Vorwort 


Mit  den  Vorbereitungen  zur  150- Jahrfeier  der  früheren  Königlich  Preu¬ 
ßischen,  späteren  Staatlich  Preußischen  und  jetzigen  Blindenbildungsanstalt 
war  auch  die  Frage  nach  der  Art  und  Gestaltung  der  Festschrift  verbunden. 
Mir  war  klar,  daß  es  diesmal  unter  keinen  Umständen  eine  lokale  Schilde¬ 
rung  der  Steglitzer  Blindenbildungsanstalt  geben  durfte;  denn  das  geschah 
in  Wort  und  Bild  zum  75jährigen  Ortsjubiläum  vor  vier  Jahren  und  hätte 
nur  eine  Wiederholung  in  variierter  Form  bringen  können. 

Die  Gründung  der  Berliner  Anstalt,  der  ersten  Blindenanstalt  in  Deutschland, 
ist  für  das  gesamte  Blindenbildungswesen  so  bedeutsam,  der  Einfluß  auf 
zahlreiche  Blindeninstitute  so  evident,  daß  eine  Festschrift  neben  der  Wür¬ 
digung  der  eigenen  Geschichte  auch  einen  Teil  der  Entwicklung  der  Blinden - 
bildung  in  Deutschland  in  den  letzten  150  Jahren  bringen  muß.  Unter  diesem 
Aspekt  wurden  die  Themen  von  mir  ausgewählt.  Bewußt  habe  ich  für  die 
einzelnen  Kapitel  junge  aufstrebende  Blindenpädagogen  und  bewährte  ältere 
Kräfte  herangezogen.  Die  Koordinierung  der  einzelnen  Kapitel  war  nicht 
leicht,  weil  Überschneidungen  vermieden  werden  mußten. 

Die  Geschichte  der  Blindenanstalten,  auf  die  ich  auf  keinen  Fall  verzichten 
wollte,  mußte  wegen  des  sonst  allzugroßen  Umfanges  in  einem  Anhang  zur 
Festschrift  erscheinen.  Unter  von  mir  herausgegebenen  Richtlinien  haben 
sich  alle  Bildungsanstalten  zur  Mitarbeit  zur  Verfügung  gestellt.  Dabei 
wurde  von  mir  auf  die  lokale  und  eigenartige  Entwicklung  jeder  Anstalt 
gebührende  Rücksicht  genommen.  Allen  Kolleginnen  und  Kollegen  danke  ich 
an  dieser  Stelle  für  ihre  Mitarbeit. 

Aus  dieser  Festschrift  soll  hervorgehen,  wie  die  Probleme  auf  dem  Gebiet 
der  Blindenbildung  in  den  letzten  150  Jahren  angefaßt,  gelöst  oder  der 
Lösung  näher  gebracht  wurden.  Aus  dem  ,,fiat  lux“,  das  im  Jahre  1806  in 
leuchtenden  Lettern  über  der  Blindenbildung  stand,  ist  im  Jahre  1956 
,,in  mente  et  labore  lux“  geworden.  Fürwahr  ein  großer  Erfolg  der  Blinden¬ 
pädagogen,  der  Augenärzte  und  nicht  zuletzt  der  Blinden  selbst. 

Berlin -Steglitz,  im  Juli  1956. 


Dr.  Franz  J  u  r  c  z  e  k 
Direktor  der  Blindenbildungsanstalt 


Aus  der  Geschichte  der  Blindenbildungsanstalt 
Berlin  -  Steglitz 

Von  Elisabeth  Hoff  mann-Halbach,  Blindenoberlehrerin 

„Sterben  ist  nichts  —  doch  leben  und  nicht  sehen,  das  ist  Unglück.“  Die 
Situation  der  Blinden  zur  Zeit,  als  Schiller  diese  Worte  in  seinem  „Wilhelm 
Teil“  (1804)  schrieb,  ist  damit  gekennzeichnet.  Blindsein  war  Unglück;  das 
größte  Unglück,  das  dem  Menschen  widerfahren  konnte.  Es  bedeutete  lebens¬ 
länglichen  Tod.  Blindsein  schloß  aus  der  menschlichen  Gesellschaft  aus  und 
versagte  die  Teilnahme  an  ihren  Kulturgütern.  Der  Blinde  lebte  in  geistiger, 
sozialer  und  wirtschaftlicher  Isolierung,  für  Sehende  ein  Objekt  des  Mitleids, 
des  Almosens,  sogar  des  Spottes,  der  Verachtung.  Zwar  nahm  sich  die  Kirche 
bereits  sehr  früh  der  Blinden  an1).  Sie  gestand  ihnen  das  Privileg  des  Betteins 
zu.  Blindsein  war  folglich  gleichbedeutend  mit  Bettler-sein.  Sie  versuchte 
weiter  das  Los  der  Blinden  zu  erleichtern,  indem  sie  diese  in  Spitälern  unter¬ 
brachte.  Daß  der  Blinde  aber  auch  ein  Mensch  war  mit  geistigen  Gaben, 
sozialen  Gefühlen,  mit  Wünschen  und  Streben,  blieb  den  sehenden  Mit¬ 
menschen  lange  Zeit  unbekannt.  Erst  der  französische  Philosoph  und  Schrift¬ 
steller  Denis  Diderot  (1713 — 1784)  wies  in  seinem  „Lettre  sur  les 
Aveugles  ä  l’usage  de  ceux,  qui  voient“,  London  1749,  darauf  hin,  daß  auch 
im  blinden  Menschen  Fähigkeiten  und  Seelenkräfte  vorhanden  sind,  die  ge¬ 
fördert  werden  könnten.  Er  erkannte  die  Bildungsfähigkeit  und  Bildungs¬ 
bedürftigkeit  der  blinden  Menschen,  als  noch  niemand  an  eine  Unterweisung 
Blinder  dachte.  Das  ist  das  Verdienst  dieses  Enzyklopädisten,  daß  er  mit 
seinem  „lettre“  der  Idee  einer  allgemeinen  Blindenerziehung  den  Weg 
bereitete. 

Einzelne  Blinde  erregten  zwar  zu  allen  Zeiten  die  Aufmerksamkeit  und  Be¬ 
wunderung  ihrer  Zeitgenossen.  Sie  erwarben  sich  Kenntnisse,  Fähigkeiten, 
Fertigkeiten  und  leisteten  oft  Bedeutendes  auf  geistigem,  künstlerischem  oder 
praktischem  Gebiet.  Klein  nennt  als  Beispiele  u.  a.  den  ordentlichen  Pro¬ 
fessor  der  Mathematik  in  Cambrigde  Saunderson  (1682 — 1739),  die 
Konzertpianistin  Maria-Theresia  von  Paradies  (1759 — 1824),  den  Holz¬ 
schnitzer  Joseph  Kleinhans  (geb.  1777)  2). 

Ihr  Beispiel  ermutigte  die  Pioniere  der  Blindenbildung,  an  die  Bildungs¬ 
möglichkeit  Blinder  überhaupt  zu  glauben.  Sie  alle  bewiesen  ja,  daß  der 
„homo  caecus  etiam  homo“.  Daß  dieses  „Mensch-sein“  nicht  einigen  wenigen, 
geistig  und  meist  auch  sozial  Hervorragenden  Vorbehalten  war,  galt  es  zu 
beweisen.  Es  mußten  Mittel  und  Wege  gefunden  werden,  allen  Blinden  die 

*)  Kretschmer:  Geschichte  des  Blindenwesens,  Ratibor,  1925  S.  32  ff. 

2)  Klein:  Lehrbuch  zum  Unterrichte  der  Blinden,  Wien  1819,  S.  417  ff. 


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Welt  des  Geistes  und  damit  die  Welt  der  Sehenden  zu  erschließen,  sie  zu 
lösen  aus  ihrer  sozialen  Isolierung  und  hineinzuführen  in  die  Gemeinschaft 
der  Sehenden,  sie  aus  ihrem  lebenslangen  Tod  ins  wirkliche  Leben  zurück¬ 
zuführen. 

Valentin  Hauy  (1745 — 1829)  gründete  1784  in  Paris  die  erste  Blinden¬ 
anstalt  der  Welt.  Es  erscheint  uns  notwendig,  auf  Hauy  näher  einzugehen, 
da  wesentliche  Anregungen  und  großer  Einfluß  auf  Z  e  u  n  e  ,  den  Gründer 
der  Berliner  Blindenanstalt,  zu  verzeichnen  sind. 

In  den  ,, Historischen  Nachrichten  von  dem  Unterrichte  der  Taubstummen 
und  Blinden“,  Leipzig  1793,  lesen  wir,  daß  „man  anfangs  in  der  Meinung 
war,  daß  der  LTnterricht  nur  für  einen  oder  den  anderen  Blinden,  den  die 
Natur  besonders  mit  einem  feinen  Gefühle  ausgerüstet  hätte,  nützlich  sein 
würde,  da  aber  von  vierzehn  Blinden,  die  sich  bald  nach  der  Errichtung  des 
Instituts  im  LTnterricht  befanden,  nur  drei  davon  hinter  den  übrigen  zurück¬ 
blieben,  so  gewann  dieser  Umstand  das  Zutrauen  des  Publikums,  und  man 
wurde  von  der  allgemeinen  Anwendbarkeit  und  von  dem  Nutzen  dieses 
Unterrichts  je  mehr  und  mehr  überzeugt“  3). 

Hauy  umreißt  das  Ziel  seines  Unterrichts  in  einem  ,, Essai  sur  l’Education 
des  Aveugles“,  Paris  1786:  ,,Die  Blinden  das  Lesen  zu  lehren  mit  Hilfe  von 
Büchern  in  Hochdruck  und  sie  mittels  des  Lesens  die  Buchdruckerei,  das 
Schreiben,  das  Rechnen,  die  Sprachen,  die  Geschichte,  die  Geographie,  die 
Mathematik,  die  Musik  etc.  zu  lehren; 

diese  Unglücklichen  in  Künsten  und  Handwerken  zu  beschäftigen,  z.  B.  in 
Goldstickerei,  Stricken,  Büchereinbinden,  Spitzenklöppeln,  im  Spinnen  etc.; 
erstens:  um  angenehm  die  von  ihnen  zu  beschäftigen,  die  in  guten  Verhält¬ 
nissen  leben; 

zweitens:  um  vor  dem  Betteln  die  zu  bewahren,  die  vom  Glück  nicht  be¬ 
günstigt  sind,  indem  wir  ihnen  die  Mittel  zum  Lebensunterhalte  geben  und 
ihre  Arme  sowie  die  ihrer  Führer  für  die  Gesellschaft  nützlich  machen 
—  das  ist  das  Ziel  unserer  Anstalt“  4). 

Hauy  arbeitete  mit  seinen  Schülern  stofflich-methodisch  in  enger  Anleh¬ 
nung  an  den  Unterricht  Sehender.  Er  fertigte  tastbare  Lehrmittel  an  und 
unternahm  Leseversuche  mit  einer  Reliefschrift.  LTm  Raum  zu  sparen,  führte 
H  auy  bereits  Kürzungen  ein.  Durch  das  Lesen  sollten  die  Blinden  1.  die 
Elemente  der  Wissenschaften  erlernen,  2.  ein  Mittel  gegen  Langeweile 
finden5).  Alle  Blinden,  die  ,,mit  dem  Finger  lesen  gelernt  haben“,  konnten 
die  bei  Hauy  gedruckten  Bücher  benutzen6).  Die  Musik  wurde  als  Neben¬ 
fach,  als  Erholung,  betrachtet.  Da  sie  aber  eine  wesentliche  Erwerbsquelle 

s)  Historische  Nachrichten  von  dem  Unterrichte  der  Taubstummen  und  Blinden,  Leipzig 
1793,  S.  159. 

4)  Hauy,  zitiert  nach  Michel,  Blfrd.  1883,  S.  11. 

6)  Hauy,  a.  a.  O.,  S.  16. 

6)  Historische  Nachrichten,  a.  a.  O.,  S.  162. 


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bedeutete,  wurde  sie  mehr  in  den  Mittelpunkt  gerückt 7).  Die  Schüler  wurden 
vom  7.  Lebensjahre  ab  in  die  Anstalt  aufgenommen.  Hauy  plante  sogar 
eine  Vorschule  für  Kinder  vom  4.  Lebensjahre  an,  die  unter  der  Leitung 
seiner  Frau  stehen  sollte. 

Die  politischen  Verhältnisse  in  Frankreich  gestatteten  Hauy  nicht  —  er 
war  bei  Napoleon  in  Ungnade  gefallen  — ,  seine  Tätigkeit  an  der  Anstalt 
ungehindert  fortzusetzen,  aber  er  arbeitete  als  Idealist  unter  schwierigsten 
Umständen  weiter.  Im  Jahre  1806  folgte  er  einem  Rufe  des  Zaren 
Alexander  I.,  in  St.  Petersburg  eine  Blindenschule  einzurichten.  Dies  hatte 
höchste  Bedeutung  für  die  Berliner  Blindenanstalt. 

Im  Juli  1806  traf  Hauy  in  Begleitung  seiner  Frau  und  seines  blinden 
Schülers  Fournier  in  Berlin  ein.  Er  hielt  sich  einige  Zeit  hier  auf, 
demonstrierte  vor  verschiedenen  Gremien,  der  Akademie  der  Wissenschaften, 
der  philomatischen  Gesellschaft,  am  Hofe  des  Prinzen  Ferdinand,  vor  der 
Öffentlichkeit  usw.,  seine  Unterrichtsweise,  und  F  ournier  legte  Proben 
seines  Wissens  und  Könnens  ab.  Hauy  kam  in  Beziehung  zum  literarischen 
Salon  der  Henriette  H  e  r  z  ,  in  dem  sich  hervorragende  Vertreter  aus  Wissen¬ 
schaft  und  Kunst  versammelten:  Die  Brüder  Humboldt,  Schleier¬ 
macher,  Reich  ardt,  Schadow  waren  Gäste  und  Freunde  der 
feingebildeten  Frau.  Auch  der  Gymnasiallehrer  Johann  August  Z  e  u  n  e 
war  häufig  Gast  bei  Henriette  Herz.  Bei  ihr  begegneten  sich  Hauy  und 
Z  e  u  n  e  durch  Vermittlung  des  damals  berühmten  Augenarztes  Grapen- 
g  i  e  s  s  e  r  ,  und  sie  tauschten  Gedanken  über  den  Unterricht  von  Blinden 
aus.  Z  e  u  n  e  war  begierig,  die  Methoden  und  Erfolge  von  Hauy  kennen¬ 
zulernen. 

Am  14.  Juli  1806  war  Hauy  die  ,, Auszeichnung  zuteil  geworden,  Sr. 
Majestät,  dem  König,  seine  Methode  nach  den  Haupttheilen  darlegen  zu 
dürfen“  8). 

Das  ,, Intelligenzblatt  der  Allgemeinen  Literatur- Zeitung“  vom  6.  August 
1806  schreibt  darüber:  Hauy  ,,ward  nachmittags  um  4  Uhr  nach  Char¬ 
lottenburg  beschieden,  wo  er  im  Beysein  der  Königl.  Familie,  ingleichen  des 
Prinzen  Heinrich,  .  .  .  den  Gang  des  Unterrichts  und  den  Geist  seiner  Me¬ 
thode  anschaulich  machte.  Der  gewandte  Vortrag  des  Lehrers  sowie  die 
Fertigkeit  und  Geschicklichkeit  des  Schülers  gewährten  eine  trostreiche  An¬ 
sicht  einer  schweren  und  gemeinnützigen  Lehrkunst.  Die  Unterhaltung 
dauerte  beynahe  zwey  Stunden.  Des  Königs  Fragen  und  Äußerungen  be¬ 
zeugten  den  innigsten  Antheil  an  der  Sache  selbst.  Se.  Majestät  der  König 
übersandten  darauf  Hn.  Hauy  eine  goldene,  mit  Höchstdero  in  Brillanten 
gefaßtem  Namenszuge  gezierte  Tabatiere  zum  Geschenk,  .und  zwar,  wie  das 
dabey  befindliche  gnädige  Cabinetsschreiben  Sr.  Majestät  sich  ausdrückt: 
»damit  Hr.  Hauy  sich  vermittelst  dieses  Geschenkes  erinnern  möge,  wie 

7)  Hauy,  a.  a.  O.,  S.  47. 

8)  Intelligenzblatt  der  Allgemeinen  Literatur-Zeitung  vom  6.  August  1806. 

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großes  Interesse  Se.  Majestät  an  der  Darlegung  seiner  Methode  genommen 
habe,  welche  Allerhöchst  Dieselben  unverzüglich  in  Berlin  in  Anwendung 
bringen  zu  lassen  beschlossen  hätten«  . 

Bereits  am  11.  August  1 806  veranlaßte  König  FriedrichWil  heim  III. 
mit  „Cabinetsorder“  die  Gründung  einer  Blindenanstalt  in  Berlin  und  betraute 
—  auf  Empfehlung  von  H  a  u  y  —  Johann  August  Z  e  u  n  e  mit  der  Leitung 
der  Anstalt. 

Johann  August  Zeune  war  damals  28  Jahre  alt.  1778  in  Wittenberg  als 
Sohn  eines  Universitätsprofessors  für  alte  Sprachen  geboren,  studierte  er 
1798  bis  1802  in  Wittenberg,  promovierte  1802  mit  einer  Dissertation 
„de  historia  geographiae“,  erhielt  1805  einen  Ruf  als  Hilfslehrer  ans  Ber¬ 
linische  Gymnasium  zum  Grauen  Kloster,  war  nach  Gründung  der  Berliner 
Universität  1810  Ordinarius  für  Geographie,  später  (1811 — 1823)  auch 
Dozent  für  Germanistik,  insbesondere  Literatur.  In  seiner  Disziplin  trat  er 
mit  mehreren  Schriften  hervor: 

1802  De  Historia  geographiae,  Viteberg 

1808  Gea,  Versuch  einer  wissenschaftlichen  Erdbeschreibung,  Berlin 

1809  Über  Basaltpolarität,  Berlin 
1815  Erdansichten,  Berlin 

1842  Über  Erdbildung,  Berlin 

1844  Die  drei  Stufen  der  Erdkunde,  Berlin 

Zeune  leistete  Bedeutendes  als  Vorläufer  von  Carl  Ritter  und  war 
mitbeteiligt  an  der  Gründung  der  „Geographischen  Gesellschaft“  in  Berlin 
1828.  Seine  Liebe  zur  deutschen  Sprache  führte  er  gern  auf  seinen  mütter¬ 
lichen  Ahn  Wolfram  von  Eschenbach  zurück.  Als  Fachgelehrter  in  der  Ger¬ 
manistik  erreichte  er  zwar  nicht  viel.  Aber  er  begeisterte  als  glühender 
Patriot  in  seinen  Vorlesungen  über  das  Nibelungenlied,  die  er  im  Auditorium 
maximum  halten  mußte,  seine  Zuhörerschaft.  Zeune  war  bedeutenden 
Männern  seiner  Zeit  sehr  verbunden.  So  zählte  er  u.  a.  Fichte  und  Jahn 
zu  seinen  Freunden.  Die  Vielseitigkeit,  Interessiertheit  und  geistige  Auf¬ 
geschlossenheit  wirkte  sich  in  seinem  Unterricht  aus  und  kam  seinen  Schü¬ 
lern  zugute. 

Zeune  begann  seinen  Blindenunterricht  am  13.  Oktober  1806  mit  einem 
Schüler,  dem  pommerschen  Pfarrerssohn  Wilhelm  Engel.  Am  Ende  seiner 
Amtszeit  hatte  er  etwa  250  Schüler  betreut. 

In  der  Schrift  „Beiisar“9),  die  sieben  Auflagen  erfuhr  (7/1846),  gibt 
Zeune  das  Programm  seiner  Unterrichtsarbeit:  Er  will  „den  Blinden 

9)  Zeune  nennt  seine  Schrift  nach  dem  Feldherrn  Belisarius,  der  nach  der  Sage  auf  Be¬ 
fehl  von  Kaiser  Justinian  (527 — 565)  geblendet  wurde.  Der  blinde  Beiisar,  Sinnbild 
schnellen  Glückswechsels,  „stellt  sich  als  schuldloses  Opfer  eines  großes  Neides  dar.;< 
(Zeune,  Vorrede  zu  Beiisar,  7/1846). 


16 


nicht  nur  die  allgemeine  menschliche  Bildung,  sondern  auch  solche  Fertig¬ 
keiten  verschaffen,  wovon  sie  beim  Austritte  aus  der  Anstalt  sich  ihren 
Erwerb  einigermaßen  sichern  können;  so  ist  hiernach  der  Unterricht  ein 
dreifacher:  1.  Handarbeiten,  2.  Tonkunst,  5.  Wissenschaft“.  Diese  Drei- 
Teilung  des  Blindenunterrichts  bleibt  erhalten.  Sizeranne  formuliert 
1900  die  Gebiete  des  Unterrichts  als  Schul-,  Musik-  und  Arbeitsunterricht10). 
Es  ist  nur  eine  Akzentverschiebung  im  Verlauf  der  fast  100  Jahre  erfolgt; 
während  bei  Z  e  u  n  e  die  Handarbeiten  als  Existenzgrundlage  an  erster 
Stelle  stehen,  nennt  Sizeranne  als  das  Fundamentalste  den  Schulunter¬ 
richt,  bei  Z  e  u  n  e  Wissenschaften  genannt,  zuerst.  Im  Vorwort  zur  Schrift 
von  Freudenberg  „Zur  Klärung  des  Urteils  über  Blinde“,  Berlin  1847, 
spricht  Zeune  „den  Grundsatz  aus,  daß  die  Blindenunterrichts- Anstalten 
nicht  einseitig  verfahren  dürfen  und  entweder  Handarbeiten  oder  Tonkunst 
oder  Wissenschaft,  sondern  alle  drei  Fächer  zugleich  ausbilden  müssen“. 

Zeune  stand  in  Beziehung  zu  den  pädagogischen  Zentren  seiner  Zeit.  Er 
besuchte  während  einer  Schweizer  Reise  .(1824)  Pestalozzi  und  setzte 
sich  mit  seiner  Unterrichtsmethode  auseinander.  Er  erklärte  sich  in  allen 
die  Zahlenverhältnisse  betreffenden  Fächern  mit  „Pestalozzi,  dem  Tief¬ 
denkenden“  einverstanden.  Aber  in  der  Erdkunde  ging  er  eigene  Wege.  Er 
glaubte,  daß  Pestalozzi  hier  den  eigenen  Grundsätzen  untreu  geworden 
sei,  indem  er  „den  einpfropfenden  und  tötenden  Weg  statt  des  entwickelnden 
und  lebendigen  )  ging.  Zeune  forderte  Anschauung  statt  Theorie,  ent¬ 
wickelnde  Beobachtung  und  Erkennen  der  Zusammenhänge  an  Stelle  von 
Auswendiglernen  von  Namen  und  Daten.  Er  erkannte  die  Wichtigkeit  des 
Heimatprinzips  in  der  Erdkunde  und  verlangte  einen  stufenweisen  Aufbau 
von  der  Kenntnis  des  Vaterorts  zur  Kunde  des  Vaterlandes  und  endlich  zur 
Anschauung  des  ganzen  Erdballes1").  Für  die  Unterrichtspraxis  hatte 
Zeune  einen  tastbaren  Stadtplan  von  Berlin,  eine  Karte  von  Preußen  und 
einen  Reliefglobus  ausgearbeitet.  Diese  Lehrmittel,  besonders  der  Globus, 
fanden  auch  Verwendung  im  Unterricht  Sehender.  Zeune  kann  als  der 
erste  Erdkundemethodiker  bezeichnet  werden. 

Ebenso  wie  für  die  Erdkunde  forderte  Zeune  auch  für  den  Naturkunde¬ 
unterricht  Anschauungsmaterial.  In  Geschichte,  Sprachkunde,  Religion 
wendete  er  dagegen  keinerlei  Veranschaulichung  an.  Hier  glaubte  er  allein 
durch  mündlichen  Vortrag  Kenntnisse  vermitteln  zu  können. 

Die  Berliner  Anstalt  unter  Zeune  wurde  Zentrum  —  Bildungs-  und 
Arbeitszentrum  für  die  Blinden  von  Berlin  und  Umgebung  und  für  die 
norddeutsche  Blindenpädagogik  im  allgemeinen.  Von  Berlin  aus  führten 
Verbindungen  zu  den  meisten  deutschen  und  vielen  ausländischen,  sogar 
überseeischen  Blindenanstalten:  Im  Jahr  1809  tritt  der  blinde  Johann  Knie 
als  Schüler  in  Zeune’s  Anstalt  ein.  Er  war  der  bedeutendste  aller  Schüler. 

10)  Sizeranne,  zitiert  nach  Watzel,  Blfrd  1900,  S.  169. 

n)  Zeune:  Über  Blindenunterricht,  in  „Neue  Berlinische  Monatsschrift“,  Februar  1808 
zitiert  nach  Blfrcl.  1904,  S.  104. 

12)  Zeune:  Beiisar  oder  über  Blinde  und  Blindenanstalten,  Berlin  7/1846,  S.  93. 


17 


1819  gründete  Knie  die  Breslauer  Blindenanstalt  und  leitete  als  erster 
Blinder  eine  deutsche  Blindenschule.  Ein  anderer  Zeune-Schüler,  Krause, 
war  Mitbegründer  der  Anstalt  in  Halle.  Die  Anstaltsgründer  Flemming, 
Vollrath,  von  Mallinkrodt  und  Bartholdy  hatten  den  Un¬ 
terricht  von  Z  e  u  n  e  kennengelernt,  bevor  sie  ihre  Anstalten  in  Dresden 
(1809),  Weimar  (1825),  Paderborn  (1842)  und  Düren  (1845)  gründeten. 
Stüber  (Freising-München),  H  a  u  g  (Gmünd)  und  Jülich  und  Stol¬ 
tenberg  (Hamburg)  besuchten  die  Berliner  Anstalt,  um  die  Arbeit  dort 
kennenzulernen.  Z  e  u  n  e  selbst  hatte  nicht  nur  viele  deutsche,  sondern 
auch  ausländische  Anstalten  gesehen:  Er  war  in  Wien  und  Zürich,  in  Brügge 
und  Amsterdam.  Manche  ausländischen  Blindenlehrer  waren  auch  seine 
Gäste  in  Berlin:  Guillie  aus  Paris,  ein  Nachfolger  von  Hauy,  trug 
sich  am  14.  August  1854  ins  Gästebuch  ein.  Der  Rektor  der  Warschauer 
Taubstummenanstalt  kam,  um  einen  blinden  Lehrer  aus  Zeunes  Anstalt 
nach  Warschau  zu  holen.  Howe  aus  Boston  informierte  sich  eingehend 
bei  Zeune,  ehe  er  die  Leitung  der  Bostoner  Anstalt  1852  übernahm.  Er 
sandte  regelmäßig  die  Bostoner  Anstaltsberichte,  und  es  fand  ein  frucht¬ 
barer  Briefwechsel  zwischen  Berlin  und  Boston  statt.  Im  ,, Beiisar“  schrieb 
Zeune  über  den  Einflußbereich  und  die  Bedeutung  seiner  und  der  Wiener 
Anstalt  (gegründet  1804):  ,,Die  beiden  Anstalten  zu  Wien  und  Berlin  haben 
für  den  Blindenunterricht  in  ganz  Deutschland  segensvoll  gewirkt,  • —  die 
Wiener  für  Errichtung  ähnlicher  Anstalten  in  Süddeutschland,  so  wie  die 
Berliner  für  das  nördliche  Vaterland.  Selbst  aufs  Ausland  haben  beide 
Anstalten  gewirkt,  und  so  wie  ein  alexandrinischer  Blinder  in  der  Wiener, 
so  sind  Zöglinge  aus  Gibraltar  und  Petersburg  in  der  Berliner  Anstalt  unter¬ 
richtet  und  erzogen  worden.  Ja,  mittelbar  stehen  beide  Anstalten  sogar  jenseits 
des  Meeres  mit  den  Anstalten  der  neuen  Welt  in  Verbindung,  die  Wiener 
mit  Philadelphia,  die  Berliner  mit  Boston“13). 

Im  Namen  der  „Sektion  im  Ministerio  des  Innern  für  den  öffentlichen  Unter¬ 
richt“  schreibt  Wilhelm  von  Humboldt  am  20.  Juli  1809  aus  Königs¬ 
berg  an  Zeune:  Die  Sektion  „erwartet  mit  voller  Zuversicht  von  Ihnen, 
daß  Sie  der  Ihrer  Bildung  anzuvertrauenden  Menschenklasse,  welche  durch 
ihr  trauriges  Los  von  dem  vollen  tätigen  Leben  getrennt  ist,  nach  Möglich¬ 
keit  dieses  wiederzugeben,  alles  aufbieten  werden“.  Zeune  hat  diese  Er¬ 
wartungen  von  Humboldt  in  vollem  Umfang  gerechtfertigt:  Er  entriß 
die  Blinden  dem  Zustand  der  Untätigkeit  und  führte  sie  in  die  menschliche 
Gesellschaft  ein,  in  der  sie  Rechte  und  Pflichten  übernehmen  sollten.  Er 
versuchte,  ihnen  das  Leben  inmitten  der  Sehenden  zu  erleichtern,  indem  er 
sie  weitgehend  wie  Sehende  behandelte14),  und  war  bemüht,  die  Wechsel¬ 
wirkung  zwischen  Blinden  und  Sehenden  überall  herzustellen. 

Zeunes  Einfluß  wirkte  bis  ins  20.  Jahrhundert.  Seine  Ideen  waren  seinen 
Nachfolgern  grundlegend  und  richtungweisend.  Hoffnungen  und  Ziele,  die 
ihm  unerfüllt  blieben,  konnten  unter  seinen  Nachfolgern  verwirklicht  werden. 

13)  Zeune:  Beiisar  a.  a.  O.,  S.  57  f. 

14)  Freudenberg:  J.  A.  Zeune  in  Blfrd.  1896,  S.  146. 


18 


So  z.  B.  sein  größtes  Anliegen,  daß  allen  Blinden  ein  Schulunterricht  zuteil 
werden  könnte  oder  daß  der  Staat  das  Fortkommen  der  Blinden  fördere.  Die 
Sicherung  der  selbständigen  Existenz  der  Blinden,  um  die  er  sich  sorgte, 
wurde  erreicht.  Die  schulischen  Hilfsmittel,  um  die  er  sich  bemühte,  fanden 
Verbesserung  und  Vervollkommnung. 

Wir  versuchen  nun  aufzuzeigen,  wie  der  Einfluß  von  Z  e  u  n  e  unter  seinen 
Nachfolgern  gewirkt  und  wie  seine  Arbeit  weiterentwickelt  und  vervoll¬ 
kommnet  wurde. 

Die  Forderung,  daß  alle  Blinden  beschult  werden  sollten,  war  bis  zur  ihrer 
gesetzlichen  Regelung  Hauptanliegen  der  Blindenpädagogen.  H  a  u  y  hatte 
sie  als  erster  aufgestellt.  Der  6.  Blindenlehrerkongreß  in  Köln  1888  forderte, 
daß  alle  jugendlichen,  bildungsfähigen  Blinden  in  Blindenanstalten  erzogen 
werden  sollten.  Er  beschloß,  sich  deswegen  an  die  Landesregierungen  und 
Provinzialverwaltungen  zu  wenden.  Durch  die  Gesetzgebung  wurde  eine 
Verbesserung  der  schulischen  Situation  der  Blinden  erreicht:  1875  wurde 
mit  einer  gesetzlichen  Regelung  der  Fürsorgepflicht  auch  die  provinzielle 
Selbstverwaltung  auf  diesem  Gebiete  eingeführt.  Die  Provinzial -Verwal¬ 
tungsorgane  wetteiferten  in  der  Fürsorge  für  die  Versehrten.  Nach  Gesetz 
vom  11.  Juli  1891  verteilten  sich  die  Kosten  der  Unterbringung  eines  Gebrech¬ 
lichen  auf  Provinz,  Kreis  und  Gemeinde.  Eine  Anstaltserziehung  stand  da¬ 
durch  jedem  Blinden  offen.  Fast  wäre  bereits  1891  erreicht  worden,  daß 
blinde  Kinder,  für  die  auch  der  allgemeine  Schulzwang  galt,  in  beson¬ 
deren  Schulen  unterrichtet  und,  falls  notwendig,  als  Internatsschüler 
in  Blindenanstalten  untergebracht  werden  müßten.  Aber  erst  am  1.  April 
1912  trat  in  Preußen  das  ,, Gesetz  über  die  Beschulung  blinder  und  taub¬ 
stummer  Kinder“  in  Kraft.  Z  e  u  n  e  s  Ziel,  allen  blinden  Kindern  eine 
Beschulung  zuteil  werden  zu  lassen,  war  damit  erreicht. 

Die  zweite  Forderung  von  Zeune,  daß  der  Staat  das  Fortkommen  der 
Blinden  fördere,  konnte  erst  viel  später  verwirklicht  werden. 

Unter  Wulff  (1883  1897)  wurde  das  Bemühen  um  ,, nachgehende  Für¬ 

sorge“  sehr  intensiviert. 

Wulff  erstrebte  die  „wirtschaftliche  Selbständigkeit  der  Blinden“  und 
gründete  deshalb  im  Oktober  1886,  80  Jahre  nach  der  Anstaltsgründung 
durch  Zeune,  den  „Verein  zur  Beförderung  der  wirtschaftlichen  Selb¬ 
ständigkeit  der  Blinden“.  Aber  erst  mit  der  gesetzlichen  Gewährung  eines 
Pflegegeldes  für  alle  Blinden15)  in  Verbindung  mit  der  gesetzlich  geregelten 
Unterbringung  Schwerstbeschädigter  in  Betrieben  16)  kann  diese  Forderung 
Z  e  u  n  e  s  ,  daß  der  Staat  das  Fortkommen  der  Blinden  fördere,  als  erfüllt 
betrachtet  werden. 


15)  Im  Land  Berlin  wird  nach  Gesetz  vom  4.  August  1954  Pflegegeld  für  alle  Blinden 
vom  16.  Lebensjahre  an  gewährt. 

16)  Schwerbeschädigtengesetz  vom  Juni  1953. 


19 


Zu  Beginn  der  Blindenbildung  wurde  den  Schülern  eine  Ausbildungszeit  in 
der  Anstalt  für  3  bis  6  Jahre  zugesichert.  Die  Eltern  mußten  sich  schriftlich 
verpflichten,  ihr  Kind  nach  Ablauf  dieser  Zeit  zu  sich  zurückzunehmen. 
Während  der  Ausbildungsjahre  sollten  im  blinden  Kinde  die  geistigen  An¬ 
lagen  entfaltet  werden,  es  sollte  außerdem  im  Handwerk  derart  ausgebildet 
sein,  daß  es  darin  eine  Existenz  finden  könnte,  und  dazu  sollte  es  auch  in  der 
Musik  geübt  sein.  Eine  „gute  Allgemeinbildung“  in  dem  Sinne,  daß  der 
Mensch  durch  sie  befähigt  ist,  sich  in  jeder  Lebenssituation  zurechtzufinden 
und  im  Daseinskampf  zu  bestehen,  kann  in  solch  kurzer  Schulzeit  nie  erreicht 
werden,  weder  bei  Sehenden,  noch  viel  weniger  bei  Blinden.  R  o  e  s  n  e  r 
(1872 — 1883)  schuf  die  äußeren  Voraussetzungen  für  eine  erweiterte,  gründ¬ 
lichere  Ausbildung:  Unter  seiner  Leitung  wurde  die  Anstalt  1877  aus  der 
Berliner  Innenstadt  nach  Steglitz  verlegt.  Die  Anstalt  war  1806  in  Miet¬ 
räumen  in  der  Gipsstraße  11,  dann  in  der  Alexanderstraße  unter  gebracht. 
1812  wurde  ihr  ein  ehemaliges  Militärlazarett  auf  dem  Georgenkirchhof 
angewiesen.  1838  kaufte  Zeune  das  Haus  der  „Plamann’schen  Erziehungs¬ 
anstalt“  in  der  Wilhelmstraße  139.  Die  Mittel  dazu  waren  durch  die  v. 
Rothenburg  -  Erbschaft  vorhanden.  Der  Rittmeister  a.  D.  Freiherr 
von  Rothenburg  vermachte  der  Blindenanstalt  sein  ganzes  Vermögen 
von  etwa  88  000  Talern  17).  1874  konnte  Roesner  aus  diesem  Ver¬ 

mächtnis  das  1,75  ha  große  Gelände  in  Steglitz  kaufen  und  bebauen.  In 
den  neuen  Gebäuden  war  Raum  genug  vorhanden,  um  eine  schärfere  Tren¬ 
nung  der  Berufs-  und  Schulbildung  durchzuführen,  wobei  dem  eigentlichen 
Schulunterricht  ein  stärkeres  Gewicht  beigelegt  wurde.  Roesner  er¬ 
strebte  das  Niveau  einer  ,, gehobenen  Volksschule“.  Seine  Schule  umfaßte 
vier  äufsteigende  Klassen.  Er  gab  das  erste  Lesebuch  für  Blinde  in  Linien¬ 
schrift  heraus  und  ließ  auch  das  erste  deutsche  Punktschriftbuch,  den  2.  Band 
der  Gedichte  von  Schiller,  drucken.  Auf  seine  Veranlassung  stellte  ein  Buch¬ 
drucker  die  erste  geographische  Papierkarte,  eine  Flußkarte  von  Deutsch¬ 
land  her.  Sein  Nachfolger.  W  ul  ff  baute  die  Schule  weiter  aus:  Eine  Vor¬ 
schule  für  die  5  bis  9jährigen  sowie  eine  Hilfsklasse  für  die  Schwach¬ 
begabten  wurden  eingerichtet.  Die  Schule  wurde  später  noch  stärker  ge¬ 
gliedert.  Neue  Unterrichtsgegenstände  wurden  in  den  Lehrplan  auf  genommen. 
Der  Ruf  nach  einer  „Pädagogik  vom  Kinde  aus“  fand  auch  in  der  Blinden¬ 
anstalt  Widerhall.  Die  Bedeutung  von  Friedrich  F  r  o  e  b  e  1  für  die  Blinden¬ 
schule  wurde  erkannt.  Man  hob  hervor,  daß  es  die  Hauptaufgabe  des  Unter¬ 
richts  sei,  produktive  Kräfte  im  Kinde  zu  wecken.  Man  begann,  sich  mit  den 
psychologischen  Problemen  des  Blindenunterrichtes  auseinanderzusetzen  und 
das  pädagogische  Tun  entsprechend  auszurichten. 

Einen  „Neuen  Schwung“  erlebte  der  Blindenunterricht  bei  Zeune  durch 
Heranziehen  „gedruckter  Bücher“.  Zeune  zählt  im  „Beiisar“  alle  im 
Hochdruck  erschienenen  Bücher  auf18). 

1832  gründete  er  an  seiner  Anstalt  eine  Druckerei.  In  Berlin  wurden  „ein 
deütsches  Sprachthum,  eine  deütsche  Leselehre,  eine  deütsche  Geschichte, 

17)  Zeune:  Beiisar,  a.  a.  O.,  S.  76. 

18)  Zeune:  Beiisar,  a  a.  O.,  S.  88. 


20 


eine  Weltgeschichte,  eine  Naturbeschreibung,  eine  christliche  Sittens-  und 
Glaubenslehre  in  zwei  Quartbänden  und  eine  Erdkunde  in  vier  Quartbänden“ 
gedruckt.  Einige  dieser  Werke  sind  im  Museum  der  Blindenbildungsanstalt 
\orhanden.  Unter  den  Nachfolgern  von  Z  eune  wurde  die  Druckerei  zum 
Teil  als  Anstalts-,  zum  Teil  als  Privatdruckerei  weitergeführt.  1899  wurde 
sie  auf  Punktschriftdruck  umgestellt.  Die  ersten  Werke  waren  ein  „Jugend¬ 
album  für  Klavier“  und  „Ergänzungen  zum  Brailleschen  Musikschriftsystem 
mit  Beispielen  .  Bücher,  Wochen-  und  Monatszeitschriften  verbreiteten  sich 
von  hier  aus  und  gaben  den  blinden  Lesern  „neuen  Schwung“. 

Z  e  u  n  e  meinte,  daß  eine  rein  geistige  Ausbildung  im  allgemeinen  nicht 
zur  Sicherung  einer  Existenz  führen  könnte.  Die  Erfolge  seiner  Nachfolger 
beweisen  aber,  daß  dem  Blinden  bei  entsprechendem  Unterricht  auch  auf 
geistigem  Gebiete  die  Berufe  offenstehen,  die  nicht  vorwiegend  auf  optischer 
Leistung  aufgebaut  sind. 

Die  Frage  nach  der  Ausbildung  von  Blindenlehrern  war  bei  Z  e  u  n  e  ein¬ 
fach  gelöst:  Der  Blindenlehrerkandidat  hospitierte  in  verschiedenen  An¬ 
stalten  oder  auch  nur  in  einer  einzigen  und  ließ  sich  vom  „Meister“ 
praktisch  in  die  Unterrichtskunst  einführen.  Häufig  waren  Seminaristen  bei 
Zeune,  die  auf  diese  Weise  einen  Eindruck  vom  Unterricht  Blinder  ge¬ 
wannen.  Sie  sollten  ihre  Erfahrungen  dann  auswerten,  wenn  sich  in  ihrer 
Dorfschule  einmal  ein  blindes  Kind  befände.  Zeune  schlug  sogar  vor, 
daß  jeder  Seminarist  in  Preußen  vorübergehend  in  einer  Blindenschule  prak¬ 
tizieren  sollte.  Seit  1886  fanden  in  Steglitz  auf  Staatskosten  1  bis  2jährige 
\  orbereitungskurse  zur  Ausbildung  von  Blindenlehrern  statt.  Beim  8.  Blin¬ 
denlehrerkongreß  1895  in  München  wurde  ein  Antrag  eingebracht,  Blinden¬ 
lehrer-Prüfungen  abzuhalten.  Es  wurde  heftig  dagegen  protestiert,  weil  man 
befürchtete,  daß  Lehrer  in  die  Anstalten  hineinkämen,  „die  immer  am  Tische 
sitzen  und  theoretisch  arbeiten.  Ich  will  praktische  Leute  mit  gutem  Urteil 
haben.  Das  kann  man  in  der  Regel  nicht  in  der  Prüfung  feststellen,  und 
wir  werden  auf  solche  Weise  keine  so  guten  Blindenerzieher  bekommen,  wie 
wir  sie  haben“19). 

1900  legte  Sizeranne  einen  „Entwurf  zur  Prüfungs- Ordnung  für 
Blindenlehrer"  vor.  Die  erste  Prüfung  fand  am  13.  Oktober  1913  in  Berlin- 
Steglitz  statt.  ' 

Im  Laufe  der  Jahrzehnte  hatten  sich  die  Lehr-  und  Lernmittel  im  Blinden¬ 
unterricht  gewandelt.  Man  begann,  sich  auf  den  Anfang  zurückzubesinnen 
und  die  Arbeitsmittel  der  ersten  Blindenlehrer  als  historisch,  darum  wert¬ 
voll  zu  sammeln.  In  Paris  wurde  1887  ein  Museum  eröffnet,  in  welchem  in 
ziemlicher  Vollständigkeit  „alle,  bisher  zum  Gebrauch  für  Blinde  erfundenen 
Gegenstände  vorhanden  waren20).  1890  wurde  das  Blindenmuseum  in 
Berlin -Steglitz  angelegt.  Bei  der  100-Jahr-Feier  1906  waren  die  Samm¬ 
lungen  so  umfangreich,  daß  sie  in  einem  eigenen  Gebäude  untergebracht 
wurden. 


19)  Büttner,  in  Kgr.  Ber.  1895,  S.  147. 

20)  Blfrd.  1887,  S.  52. 


21 


Wie  schon  zu  Z  e  u  n  e  s  Zeiten  nahmen  die  Behörden  und  die  Öffentlich¬ 
keit  stets  Anteil  an  der  Arbeit  in  der  Blindenanstalt.  Das  beweisen  die 
Fremdenbücher  und  die  Berichte  von  den  Anstaltsfesten.  Es  waren  besondere 
Tage,  wenn  Glieder  der  kaiserlichen  Familie  der  Anstalt  einen  Besuch  ab- 
statteten  oder  sich  die  Arbeiten  Blinder  vorlegen  ließen.  Z  e  u  n  e  war  er¬ 
füllt  von  väterlichem  Stolz,  als  er  in  einem  königlichen  Schreiben  Anerken¬ 
nung  für  seine  Zöglinge  Engel  und  G  r  o  t  h  e  fand.  Ebenso  stolz  wird 
sein  Nachfolger  Matthies  (1898 — 1920)  gewesen  sein,  als  er  Kaiser 
Wilhelm  II.  die  für  die  Weltausstellung  in  St.  Louis  (1904)  bestimmten 
Lehr-  und  Lernmittel  zeigen  durfte,  die  die  äußeren  Einrichtungen  und 
den  inneren  Betrieb  der  Anstalt  und  damit  zugleich  den  gegenwärtigen  Stand 
des  deutschen  Blindenwesens  veranschaulichen  sollten. 


Unter  der  wohlwollenden  Aufsicht  der  staatlichen  Behörden  entfaltete  sich 
aus  kleinsten  Anfängen  die  Anstalt  von  Johann  August  Z  e  u  n  e.  Seine 
Ideen,  Wünsche  und  Hoffnungen  wirkten  über  Jahrzehnte  hinaus.  Doch  dem 
ruhigen  Weitergedeihen  seines  Werkes  wurden  durch  äußere  Einwirkungen 
Halt  geboten.  Schon  unter  Z  e  u  n  e  drohte  der  Anstalt  durch  politische 
Ereignisse  der  Ruin.  Z  e  u  n  e  konnte  der  finanziellen  Not  durch  Einsatz 
seines  eigenen  Vermögens  entgegentreten.  Die  Schwierigkeiten,  die  durch 
die  beiden  Weltkriege  über  die  Blindenbildungsanstalt  kamen,  waren  durch 
den  persönlichen  Einsatz  eines  einzelnen  nicht  zu  meistern.  Der  erste  Welt¬ 
krieg  mit  seinen  vielen  Kriegsblinden  brachte  der  Anstalt  neue  Aufgaben, 
die  gelöst  werden  mußten.  Der  zweite  Weltkrieg  hinterließ  ein  Chaos,  innen 
und  außen,  von  dem  man  kaum  glaubte,  daß  es  je  wieder  zu  ordnen  sei. 


Das  Blindenbildungswesen  erfuhr  schon  einmal  durch  die  Kriegsfolgen  neue 
Impulse.  In  den  Freiheitskriegen  erblindeten  über  500  preußische  Krieger. 
Die  junge  Berliner  Anstalt  nahm  sich  ihrer  an.  Z  eun  e  nahm  10  Kriegs¬ 
blinde  auf.  Er  bildete  Werklehrer  aus,  die  die  kriegsblinden  Soldaten  unter¬ 
richten  sollten,  und  er  sammelte  27  000  Taler  zur  Errichtung  von  Kriegs¬ 
blindenanstalten.  Um  alle  erblindeten  Soldaten  betreuen  zu  können,  wurden 
besondere  Werkschulen  eingerichtet  mit  der  Bestimmung,  so  lange  zu  be¬ 
stehen,  ,,bis  alle  erblindeten  Krieger  in  nützlichen  Handwerken  unterrichtet 
waren  ) . 


Aus  der  Breslauer  Werkschule  erwuchs  die  Schlesische  Blindenanstalt.  Auch 
die  Königsberger  sollte  bestehen  bleiben,  wofür  sich  besonders  der  Philosoph 
und  Kant-Schüler  von  B  aczko  einsetzte.  Nach  18jährigem  Bestehen  ging 
sie  als  Unterrichtsanstalt  jedoch  vorübergehend  ein.  Die  Erfahrungen,  die 
im  Umgang  mit  den  erblindeten  Freiheitskämpfern  gewonnen  wurden,  konn¬ 
ten  zugunsten  aller  Blinden  ausgenutzt  werden. 


Die  unvergleichlich  höhere  Zahl  der  erblindeten  Soldaten  des  ersten  Welt¬ 
krieges  stellte  die  Blindenlehrer  vor  weitaus  größere  Aufgaben  und  Schwierig¬ 
keiten.  Die  Blindenanstalten  reichten  nicht  aus,  um  allen  Kriegsblinden  eine 
Einführung  in  die  Blindentechniken  und  Berufsausbildung  bzw.  Umschulung 


21)  Zeune:  Beiisar,  a.  a.  O.,  S.  61. 


22 


zu  gewähren.  Manche  Anregung  und  Unterstützung  kam  von  außen.  An 
erster  Stelle  ist  Silex  zu  nennen,  der  als  Augenarzt  engen  Kontakt  mit 
den  Erblindeten  hatte  und  sich  nicht  nur  um  ihr  physisches,  sondern  auch 
um  ihr  psychisches  Ergehen  kümmerte.  Er  forderte  „neue  Wege  in  der 
Kriegsblindenfürsorge  .  Da  die  Erträgnisse  im  Blindenhandwerk  sehr  be¬ 
scheiden  waren  und  die  blinden  Arbeiter  schwer  um  den  Absatz  ihrer 
Waren  ringen  mußten,  war  Silex  bestrebt,  die  Kriegsblinden  möglichst 
wenig  in  den  üblichen  Blinden -Handwerken  auszubilden,  sondern  ihnen 
neue  Berufe  zu  erschließen.  Er  versuchte,  jeden  Erblindeten  nach  Möglichkeit 
seinem  ehemaligen  Beruf  wiederzuzuführen. 

Schon  beim  13.  Blindenlehrerkongreß  1910  in  Wien  wurde  die  Frage  auf¬ 
geworfen,  ob  die  an  den  Blindenanstalten  gelehrten  Berufe  noch  lohnend 
genug  wären  und  wenn  nicht,  welche  anderen  Berufe  in  Betracht  gezogen 
werden  könnten.  Durch  die  fortschreitende  Technisierung  und  Industriali¬ 
sierung  wurde  das  Verlangen  nach  neuen  Blindenberufen  immer  berechtigter. 
Silex  sah  in  der  Industrie -Arbeit  günstige  Möglichkeiten.  1916  bildete 
sich  ein  „Ausschuß  zur  Untersuchung  der  Arbeitsmöglichkeiten  für  Blinde“, 
der  sich  um  Klärung  der  Fragen  bemühte:  1.  Welche  Arbeiten  können 
Blinde  und  Halbblinde  dauernd  leisten?  2.  In  welchem  Verhältnis  stehen 
ihre  Leistungen  zu  denen  der  Sehenden?  30  Betriebe  erklärten  sich  bereit, 
solche  Versuche  durchzuführen. 

Seit  der  Erfindung  der  Punktschrift-Steno-Maschine  durch  Picht  1909 
waren  die  technischen  Voraussetzungen  für  die  Tätigkeit  Blinder  in  Büro¬ 
berufen  geschaffen  worden.  Silex  ließ  einen  Teil  seiner  Patienten  als 
Stenotypisten,  Telefonisten  und  Aktenhefter  ausbilden. 

Die  Frage  nach  einer  „Höheren  Lehranstalt  für  Blinde“,  die  schon  seit 
längerer  Zeit  die  Blindenpädagogen  beschäftigte,  fand  durch  die  Kriegs¬ 
blinden  ihre  Lösung.  Bis  dahin  hatte  man  die  Notwendigkeit  einer  solchen 
abgelehnt,  denn  „man  sollte  den  Blinden  ihren  Weg  nicht  zu  leicht 
machen“22).  Man  hörte  auch  immer  wieder  von  Blinden,  die  ihre  Matura 
ablegten.  Durch  die  Kriegsblinden  war  eine  neue  Situation  gegeben.  Sie 
sollten  ihren  angefangenen  Bildungsweg  fortsetzen  können.  Wenn  ihrer 
Ausbildung  durch  die  Errichtung  einer  besonderen  „Höheren  Lehranstalt 
für  Blinde  Schwierigkeiten  aus  dem  Wege  geräumt  werden  konnten, 
„so  ist  es  eine  Ehrenpflicht  .  .  . ,  ihnen  eine  solche  Bildungsgelegenheit 
zu  schaffen  ).  Die  Blindenstudienanstalt  in  Marburg/Lahn  wurde  am 
31.  März  1917  gegründet. 

Die  großen  Schwierigkeiten  und  seelischen  Nöte  der  kriegsblinden  Soldaten 
bewegten  die  Menschen  sehr.  Helen  Keller  schreibt  darüber:  „Sie 
müssen  das  Leben  ganz  von  vorn  wieder  anfangen  in  einer  Welt,  die  ihnen 
völlig  fremd  ist.  Von  neuem  müssen  sie  anfangen  zu  arbeiten,  ihr  eigenes 
Leben  zu  leben,  wenn  sie  je  wieder  ein  gewisses  Maß  von  Freude  und  Seelen¬ 
frieden  erlangen  sollen.  Ich  kann  nicht  rasten,  bis  ich  alles  getan  habe,  was 

22)  Matthies:  Das  Blindenbildungswesen  im  deutschen  Reich,  Berlin  1904  S  452 

23)  Lembke,  in  Blfrd.  1916,  S.  2. 


23 


ich  kann,  um  sie  auf  richten  zu  helfen  aus  Elend  und  Verzweiflung“24).  Sie 
stellte  die  Einkünfte  aus  den  deutschen  Ausgaben  ihrer  Bücher  zur  Unter  - 
stützung  der  kriegsblinden  deutschen  Soldaten  zur  Verfügung.  Durch  das 
Mitfühlen  aller  mit  den  Kriegsblinden  wurden  die  Anteilnahme  und  das 
Verständnis  für  die  ganze  Blindenarbeit  verstärkt.  Das,  was  für  die  Kriegs¬ 
blinden  erreicht  wurde,  —  vermehrte  Arbeitsmöglichkeiten,  Recht  auf 
Arbeit,  Höhere  Schulen,  konnte  später  allen  Blinden  zuteil  werden. 

Neue  Arbeitsplätze  in  Fabrik  und  Büro  und  die  Höhere  Schule  für  Blinde 
mit  akademischer  Beratungsstelle  und  Hochschulbücherei  waren  das  Resultat 
aus  den  Aufgaben,  die  durch  den  ersten  Weltkrieg  an  die  Blinden -Anstalten 
und  Blindenfreunde  gestellt  waren.  Daß  diese  Erfolge  den  Blinden  erhalten 
blieben,  gepflegt  und  weiter  gefördert  wurden,  war  nunmehr  Aufgabe  der 
Anstalten. 

Die  Zeit  nach  dem  ersten  Weltkrieg  war  fruchtbar  in  der  pädagogischen 
Forschung.  Auch  in  der  Blindenpädagogik  und  in  der  Blindenpsychologie 
gab  es  einen  bedeutenden  Aufschwung.  Es  erschienen  viele  Schriften,  die 
sich  mit  Grundproblemen  des  Blindenwesens  befaßten.  In  Steglitz  war 
es  P  eis  er  (1953 — 1939;  1945 — 1947),  der  mit  psychologischen  Abhand¬ 
lungen  hervortrat.  Seine  wissenschaftliche  Einstellung  veranlaßte  ihn,  von 
allen  Blindenlehrern  ein  exaktes  wissenschaftliches  Bemühen  zu  fordern. 
Er  reformierte  die  Prüfungsordnung  für  Blindenlehrer  von  1912  und  er¬ 
reichte  eine  Akademisierung  der  Ausbildung.  Er  arbeitete  in  enger  Ver¬ 
bindung  mit  der  Friedrich-Wilhelm-Universität.  In  der  Prüfungskommission 
war  von  nun  an  ein  Universitätsprofessor  vertreten. 

1926  war  der  Steglitzer  Anstalt  als  einziger  in  Deutschland  der  Titel 
,, Blindenlehrer-Bildungsanstalt“  zuerkannt  worden. 


Durch  die  Ereignisse  des  zweiten  Weltkrieges  wurde  der  weiterführenden 
Arbeit  im  Blindenbildungswesen  ein  Ende  gesetzt. 


Die  Steglitzer  Anstalt  litt  schwer  unter  den  Kriegseinwirkungen.  Bei  einem 
Bombenangriff  in  der  Nacht  vom  25.  August  1943  wurden  fast  alle  Gebäude 
getroffen  und  zum  Teil  stark  beschädigt.  Die  Schule  und  der  Werkstätten¬ 
betrieb  mußten  evakuiert  werden.  Die  blinden  Kinder  und  ihre  Lehrer 
fanden  Aufnahme  in  der  Blindenanstalt  Aussig/Sudetenland.  In  den  letzten 
Kriegstagen  —  am  25.  April  1945  —  wurde  das  bis  dahin  noch  nicht  ge¬ 
troffene  Vorschulgebäude  durch  Bomben  zerstört. 

Nach  der  Rückführung  der  Kinder  aus  der  Evakuierung  im  Mai  1945  mußte 
mit  primitivsten  Mitteln  und  auf  engstem  Raum  die  Arbeit  aufgenommen 
werden.  Bereits  1946  begann  man  mit  Bauarbeiten  an  der  ehemaligen  Vor¬ 
schule.  Ein  planvoller  Wiederaufbau  setzte  nach  der  Übernahme  der  An¬ 
staltsleitung  durch  Jurczek  (1.  Juni  1948)  ein. 

24)  Keller,  in  Blfrd.  1917,  S.  63. 


24 


Die  1946/47  provisorisch,  aufgebaute  Vorschule  mußte  renoviert  werden. 
Sie  diente  zunächst  gleichzeitig  Schul-,  Verwaltungs-  und  Internatszwecken. 
Während  der  Berliner  Blockade  wurden  das  Werkstättenhaus  und  das  ehe¬ 
malige  Museumsgebäude  wiederhergestellt.  Die  Bedeutung  solcher  Bau¬ 
arbeiten  während  der  Blockade-Zeit  kann  nur  der  ermessen,  der  die  Berliner 
Situation  zu  dieser  Zeit  des  Abgeschlossenseins  und  der  Versorgung  aus  der 
Luft  kennengelernt  hat.  1948  waren  die  Kellerräume  des  Hauptgebäudes, 
in  denen  die  Arbeitsbetriebe  untergebracht  waren,  wegen  Einsturzgefahr 
baupolizeilich  gesperrt  worden.  Im  Januar  1949  konnten  die  blinden  Hand¬ 
werker  in  ihr  eigenes  Werkstättenhaus  einziehen. 

Auch  die  Schule  bekam  im  Juni  1949  eigene  Bäume  im  ehemaligen 
Museumsgebäude.  Im  oberen  Stockwerk  lagen  die  Klassenräume  und  der 
Musiksaal,  im  Hochparterre  die  Punktschriftbücherei  —  sie  ist  in  ihren 
Räumen  geblieben  ,  die  Museums-  und  Lehrerbücherei.  Im  Keller  waren 
die  Unterrichtszimmer  der  Silex- Handelsschule  (s.  u.).  Die  Vorschule  wurde 
Mädchenhaus. 

Der  Wiederaufbau  des  Hauptgebäudes  erfolgte  in  drei  Bauabschnitten:  Der 
erste  Abschnitt,  am  9.  Januar  1951  fertiggestellt,  umfaßte  den  rechten 
Flügel  mit  den  Verwaltungsräumen,  dem  Knabeninternat,  der  Hausmeister¬ 
wohnung  und  den  Räumen  der  Klavierstimmer-Ausbildung.  Der  zweite 
Abschnitt  mit  den  Klassen-  und  Fachräumen  und  der  Aula  wurde  im  Juli 
1954  beendet.  In  den  linken  Flügel  —  letzte  Bauetappe  —  konnte  im  De¬ 
zember  1955  das  Mädcheninternat  einziehen.  Im  Keller  befinden  sich  weitere 
Werkstättenräume.  In  der  ehemaligen  Vorschule  liegt  heute  die  Whhnung 
des  Anstaltsleiters.  Außerdem  soll  dort  für  den  Direktor -Stellvertreter  eine 
Wohnung  eingerichtet  werden.  Die  übrigen  Räume  sind  für  das  Museum 
vorgesehen.  Die  durch  den  Umzug  der  Schule  freigewordenen  Räume  im 
ehemaligen  Museumsgebäude  stehen  heute  der  Silex-Handelsschule  zur  Ver¬ 
fügung.  Im  Keller  befindet  sich  die  Druckerei,  die  seit  1955  wieder  im 
Gange  ist. 

Dem  äußeren  Aufbau  entsprechend  sollte  der  innere  Aufbau  verlaufen. 
Doch  wieder  wirkten  äußere  Geschehnisse  hemmend  ein.  Bei  der  Spaltung 
der  Stadt  Berlin  in  einen  östlichen  und  westlichen  Einflußbereich  und  der 
Trennung  aller  Verwaltungsorgane  drohte  auch  dem  Blindenwesen  Spaltung 
und  Zersplitterung.  J  u  r  c  z  e  k  erkannte,  daß  dies  zum  Nachteil  aller 
Blinden  sein  müßte.  Er  forderte  darum  energisch  die  Zentralisierung  des 
Blindenwesens  in  West-Berlin  und  erreichte  die  Zusammenlegung  der  „Silex- 
Handelsschule  für  Blinde“25),  die  bis  dahin  der  Wirtschaftsschule  Kreuzberg 
unterstand,  mit  der  Blindenbildungsanstalt  in  Steglitz  am  1.  April  1949. 
Ebenso  wurden  damals  die  Berufsschule  für  Blinde  und  die  Klavierstimmer¬ 
ausbildung  der  Blindenbildungsanstalt  angegliedert.  Die  Vereinigung  aller 
die  Blindenbildung  betreffenden  Institutionen  an  einer  zentral  geleiteten 
Stelle  erwies  sich  in  der  Folgezeit  als  sehr  glücklich. 

25)  Bergmann:  Die  Silex-Handelsschule  für  Blinde,  Anhang  zur  Festschrift  zum  150jäh- 
rigen  Jubiläum  der  Blindenbildungsanstalt  Berlin-Steglitz,  Berlin  1956. 


25 


Das  Jahr  1950  brachte  einen  bedeutenden  Einschnitt  in  den  Schulbetrieb: 
Im  Osten  wurde  am  15.  Dezember  1950  ein  Gesetz  herausgebracht,  dem¬ 
zufolge  der  Besuch  westlicher  Schulen  allen  Schulpflichtigen  untersagt  ist. 
Hatte  die  Blindenbildungsanstalt  bis  dahin  bis  zu  110  Schülern  gehabt,  so 
mußten  auf  Grund  dieses  Gesetzes  mehr  als  die  Hälfte  die  Anstalt  verlassen. 
Die  7klassige  Schule  mit  ihren  3  Berufsschulabteilungen  wurde  reduziert 
auf  eine  3klassige  Grundschule  mit  einer  Aufbauklasse  und  zwei  Berufs  - 
schulabteilungen  bei  47  Kindern.  Die  Anstalt  erhielt  durch  diese  Verände¬ 
rung  vorwiegend  Externatscharakter.  Nur  12  Knaben  und  16  Mädchen  sind 
zur  Zeit  im  Internat  untergebracht.  Der  Rückgang  der  Schülerzahl  in  den 
letzten  Jahren  konnte  jedoch  den  inneren  Schulbetrieb  nur  am  Rande  be¬ 
rühren.  Auch  unter  diesen  erschwerenden  Verhältnissen  ist  das  Ziel  der 
Anstalt  das  ,, Niveau  der  gehobenen  Volksschule“  geblieben. 

Der  Unterricht  kann  nach  neuen  Erkenntnissen  pädagogischer  Wissenschaft 
erteilt  werden.  Durch  den  großzügigen  Wiederaufbau  sind  die  äußeren 
Voraussetzungen  dazu  geschaffen  worden.  J  u  r  c  z  e  k  legte  größten  Wert 
auf  die  Ausgestaltung  der  Fachräume:  Ein  Werkraum,  ein  Raum  für  Lehr¬ 
mittelbau,  ein  Modellierzimmer,  für  welches  die  Aufstellung  eines  Brenn¬ 
ofens  geplant  ist,  ein  Physikraum,  an  dessen  Arbeitstischen  Gas-,  Wasser- 
und  Elektroanschluß  vorhanden  sind,  ein  Turnsaal  mit  allen  Turngeräten, 
eine  Lehrküche  mit  Kohle-,  Gas-  und  Elektroherden  sind  nach  ganz  mo¬ 
dernen  Gesichtspunkten  eingerichtet  worden. 

Die  Lehrmittelsammlung,  die  vollkommen  vernichtet  war,  verfügt  wieder 
über  eine  ansehnliche  Zahl  schöner  Anschauungsobjekte.  Die  Bestände  der 
Lehrer-  und  Schülerbücherei  konnten  ergänzt  werden. 

Ein  seit  langem  gehegter  Plan  von  J  u  r  c  z  e  k  ,  ein  Schullandheim  für 
blinde  Kinder,  soll  in  diesem  Jahre  verwirklicht  werden:  Auf  einem  Grund¬ 
stück  in  Berlin-Wannsee,  direkt  am  Walde,  unweit  des  Wassers,  soll  das 
Heim  errichtet  werden. 

Die  Schäden,  die  der  zweite  Weltkrieg  der  Anstalt  brachte,  sind  behoben. 
Ein  bedeutendes  Werk,  der  Wiederaufbau,  ist  trotz  schwerer  Verhältnisse 
gelungen.  Der  Anschluß  an  die  Zeit  ruhiger,  friedlicher  Arbeit,  die  durch 
den  Krieg  und  seine  Folgen  unterbrochen  war,  ist  gefunden. 

Über  die  Wünsche  und  kühnsten  Hoffnungen  des  Anstaltsgründers  Z  eun  e 
hinausgehend,  konnten  die  Blinden  in  den  150  Jahren  der  Blindenbildung  dem 
schrecklichen  Los  des  Betteins  entrissen  und  als  vollgültige,  gleichwertige 
Mitglieder  in  die  menschliche  Gesellschaft  eingereiht  werden,  mit  gleichen 
Rechten,  aber  auch  gleichen  Pflichten.  Möge  das  Wort,  das  der  Leiter 
unserer  Berliner  Blindenbildungsanstalt,  Direktor  Dr.  J  u  r  c  z  e  k  ,  als  Leit¬ 
wort  für  die  Arbeit  an  den  Blinden  wählte,  ein  Trost  und  zugleich  Aufgabe 
und  Lebensinhalt  für  alle  Blinden  sein: 


In  mente  et  labore  lux! 


26 


Drei  Schritte 

in  der  Entwicklung  des  Blindenbildungsgedankens 

Von  Josef  Bischofs,  Blindenoberlehrer1) 
Der  Sinn  der  geschichtlichen  Überschau. 

Wo  auch  immer  Fragen  des  Historisch-Pädagogischen  gestellt  werden,  da 
sehen  wir  uns  in  jedem  Falle  zwei  Elementen  gegenüber,  von  denen 'jede 
Fragestellung  ihrer  Natur  nach  bestimmt  sein  muß:  der  historischen  Tat¬ 
sache  und  dem  pädagogischen  Prinzip.  Ohne  den  Maßstab  des  pädagogischen 
Systems  ist  das  Zeitgeschichtliche  nicht  überschaubar,  ohne  ihn  bliebe  der 
wesentliche  Sinn  des  Historisch-Pädagogischen  unerfüllt:  das  geschichtlich 
Bedeutsame  vom  Zufälligen  zu  lösen  und  es  dadurch  dem  Fortschreiten  des 
pädagogischen  Denkens  dienstbar  zu  machen. 

Niemals  wäre  es  möglich,  lediglich  aus  geschichtlichen  Tatsachen  fest¬ 
zustellen,  ob  unser  pädagogisches  Tun  und  schließlich  unsere  Theorie  des 
ädagogischen  sich  auf  dem  Wege  des  Fortschritts  oder  des  Zurückgehens 
befinden,  ob  sie  in  der  Gefahr  der  Verarmung  stehen  oder  an  geistiger  Klar¬ 
heit  und  an  Zielgerichtheit  reicher  wurden.  Erst  der  Maßstab  der  pädago¬ 
gischen  Systematik  bringt  diese  Fragen  zur  Beantwortung. 

Wenn  nun  im  folgenden  150  Jahre  Blindenbildung  überschaut  werden 
sollen,,  so  stehen  wir  vor  einer  so  großen  Fülle  von  Einzeltatsachen  des 
Historischen,  daß  wir  von  vornherein  einer  deutlichen  Begrenzung  und 
einer  klaren  gedanklichen  Ordnung  bedürfen,  falls  wir  überhaupt  eine  ver¬ 
bindliche  Aussage  zustande  bringen  wollen.  Wir  bedürfen  dieses  systema¬ 
tischen  Maßstabes  um  so  mehr,  als  bisher  nur  sehr  wenige  exakte  Beiträge 
zur  Geschichte  der  Blindenbildung  vorliegen  und  gerade  diese  wenigen 

Beiträge  notwendigerweise  nur  einen  begrenzten  historischen  Ausschnitt 
erfassen  konnten. 

Es  erschien  deshalb  im  Hinblick  auf  den  vorliegenden  Beitrag  notwendig 
und  sinnvoll,  abzusehen  von  allen  konkreten  Formen  des  Organisatorischen 
(so  wertvoll  die  daraus  gewonnenen  Gesichtspunkte  auch  sein  können),  ab¬ 
zusehen  auch  von  lokalen  Verhältnissen  (also  etwa  der  sächsischen,  rhei- 

x)  Die  folgende  Abhandlung  stützt  sich  ausschließlich  auf  Originalquellen  der  Geschichte 
der  Blmdenhildung.  Die  Auswertung  wurde  dem  Verfasser  möglich  durch  Auswahl 
und  Interpretation  einer  größeren  geordneten  Sammlung  aller  verfügbaren  literari- 
schen  Quellen.  Diese  wurde  im  Rahmen  des  Ausbildungslehrganges  für  Blindenlehrer 
an  der  Rheinischen  Landes-Blindenbüdungsanstalt  Düren  von  folgenden  Herren  zu¬ 
sammengestellt:  Werner  Bol  dt,  Soest;  Helmut  Gut  kn  echt,  Hannover;  Rolf 

Horstmeyer,  Hannover;  Hans-Joachim  Lenkeit,  Berlin-Steglitz;  Franz 
Mersi,  Ilvesheim.  ° 


27 


nischen,  österreichischen  Blindenbildung),  von  technischen  Einzelheiten,  be¬ 
sonderen  Geprägtlieiten  der  jeweiligen  Bildungsformen,  aber  auch  von  einer 
spezifisch  blindenpsychologischen  Durchschau  und  Fundierung  und  als  Kon¬ 
sequenz  dessen  wiederum  auch  abzusehen  von  allen  Fragen  der  Unterrichts - 
technik  und  Methode.  Gerade  dieses  Weglassen  des  blindenpsychologischen 
Gesichtspunktes  birgt  eine  große  Schwierigkeit  in  sich:  die  Blindenpsychologie 
ist  und  war  ja  begründend  für  den  speziellen  Blindenunterricht.  Unterricht 
aber  ist  der  konkrete  Bereich,  in  dem  sich  Bildung  vollzieht!  Wird  also  nicht 
durch  das  Weglassen  des  speziell  Blindenpsychologischen  jedes  Gespräch  über 
Bildung  Blinder  gegenstandslos? 

Die  nachstehenden  Ausführungen  sollen  beweisen,  daß  eine  derartige  Aus¬ 
grenzung  der  Blindenpsychologie  weder  unmöglich  noch  sinnlos  zu  sein 
braucht.  Ein  solches  Weglassen  kann  sogar  zur  theoretischen  Klärung  einmal 
notwendig  werden,  und  keinewegs  wird  damit  die  große  Bedeutung  der 
Blindenpsychologie  für  den  Unterricht  und  die  Erziehung  Blinder  im  ge¬ 
ringsten  eingeschränkt.  Es  soll  ja  überhaupt  der  Gesichtspunkt  des  Wertes 
und  des  Werfens  gar  nicht  in  Erscheinung  treten. 

Es  gilt  vielmehr,  das  Werden  des  Blindenbildungsgedankens  in  seinen  ein¬ 
zelnen  Phasen  zu  kennzeichnen.  Dabei  ist  an  den  reinen  Bildungsgedanken 
gedacht,  nicht  unmittelbar  an  Ausbildung,  nicht  an  Schule.  Es  kommt  darauf 
an,  den  jeweiligen  Grad  zu  erfahren,  der  dem  Blinden  grundsätzlich  zu- 
erkannt  wurde  in  bezug  auf  sein  Gebildet- Werden  im  umfassenden  Sinne 
der  Erziehung. 

Wir  stehen  also  vor  der  Frage,  die  einzelnen  Stadien  der  Blindenbildung 
einzuordnen  in  den  Gesamt-Erziehungsprozeß,  oder  anders  ausgedrückt: 
Maß  stab  unserer  Ehitersuchung  ist  schließlich  die  Allgemeinpädagogik ,  sind 
die  Ziele  menschlicher  Bildung.  Die  Blindenbildung  bewegt  sich  ja  in  ihrer 
letzten  Zielsetzung  auf  die  Allgemeinpädagogik  hin,  sie  wird  final  von  ihr 
bestimmt.  Und  auf  diesem  Weg  sind  geschichtlich  abgrenzbare  Schritte 
erkennbar,  Entwicklungsschritte  in  der  Theorie  der  Blindenbildung.  Diese 
Schritte  werden  erst  von  der  Gegenwart  her  sichtbar,  sie  können  erst  aus 
der  ordnenden  Rückschau  formuliert  werden,  weil  erst  die  Gegenwart  das 
pädagogische  Prinzip  in  ihrer  Theorie  genannt  hat:  daß  der  Blinde  als 
Mensch  in  unausweichlichem  Bezug  steht  zur  Welt  der  Sehenden,  von  ihrer 
Kultur  mitbestimmt  ist  und  deshalb  ihrem  Bildungsgeschehen  unterliegt. 
Allgemeinpädagogik  und  Blindenpädagogik  haben  schließlich  das  gleiche 
Bildungsziel.  Damit  wird  die  Eigengesetzlichkeit  des  blindenpädagogischen 
Prozesses  keineswegs  aufgehoben  oder  auch  nur  berührt.  Im  Gegenteil:  die 
Eigengesetzlichkeit,  das  besondere  Geschehen  der  Blindenbildung,  empfängt 
erst  vom  Bildungsziel  der  Allgemeinpädagogik  ihren  Sinn. 

Der  Weg  unserer  Untersuchung  ist  damit  vorgezeichnet:  Das  im  Laufe  von 
150  Jahren  immer  wieder  neu  und  anders  formulierte  Bildungsziel  der 
Blindenpädagogik  —  oder  besser  gesagt:  zunächst  der  Blindenschule  —  soll 
in  seiner  Aussage  verstanden  werden;  dabei  werden  wir  sowohl  den  Formu- 


28 


lierungen  nachzugehen  haben,  die  den  ursprünglichen  Persönlichkeits- 
anspruch  des  Blinden  auf  Bildung  nennen,  als  auch  allen  Gedanken,,  die  das 
Verhältnis  des  Blinden  zur  Welt  der  Sehenden  und  entsprechend  die  Be¬ 
ziehung  zwischen  Blindenpädagogik  und  Allgemeinpädagogik  kennzeichnen. 
Nachdem  wir  diese  Analyse  des  Erziehungszieles  der  Blindenbildung  in  ihren 
einzelnen  Stufen  aufgezeigt  haben,  wäre  es  notwendig,  sie  am  materialen 
Umkreis  der  Bildung,  also  an  den  einzelnen  Bildungsbereichen  (soziale,  reale, 
ästhetische,  religiöse  Bildung  usf.)  in  der  Form  eines  Längsschnittes  noch 
einmal  zu  bestätigen  und  inhaltlich  zu  belegen.  Da  diese  an  sich  sinnvolle 
Ergänzung  das  Ausmaß  der  vorliegenden  Abhandlung  weit  überschreiten 
würde,  kann  sie  in  unserer  Darstellung  nicht  ausgeführt  werden. 

Die  Anregung,  möglichst  viele  Quellen  der  Geschichte  des  Blindenwesens 
in  der  hier  angewandten  Gliederung  auszuwerten,  entnahm  ich  einer  Arbeit 
von  Aloys  K  r  e  m  e  r.  In  seinem  Beitrag:  ,,Der  blindseinsgemäße  didaktische 
Dreischritt  im  Blindenunterricht“ 2)  gibt  Kremer  den  Hinweis,  daß  sich 
die  drei  von  ihm  formulierten  „Hauptglieder  der  Blindseinsgemäßheit“  auch 
in  der  Geschichte  der  Blindenbildung  seit  dem  Ende  des  18.  Jahrhunderts 
aufweisen  lassen.  Kremer  unterscheidet  hier  die  „äußere“,  die  „innere“  und 
die  „pädagogische  Eigenlage“  des  blinden  Schülers.  Im  Blindenunterricht 
entsprechen  diesen  drei  Gliedern  die  zugeordneten  drei  Schritte  oder  Stufen 
der  Blindseinsgemäßheit,  die  Kremer  so  formuliert:  peripher ,  zentral , 
pädagogisch. 

Nehmen  wir  den  Dreischritt  nun  für  unser  Vorhaben  zu  Hilfe,  so  sei  auch 
hier  noch  einmal  in  dem  von  Kremer  verstandenen  Sinne  darauf  hingewiesen, 
daß  „peripher“  und  „zentral“  keine  W ertungen  von  pädagogischen  Systemen 
und  Auffassungen,  etwa  von  Klein  oder  Heller,  darstellen  sollen, 
sondern  lediglich  wiederum  als  pädagogische  Kriterien  für  den  Entwicklungs¬ 
grad  der  Bildungsauffassung  zu  verstehen  sind.  Auch  sei  gesagt,  daß  gerade 
in  der  geschichtlichen  Wirklichkeit  systematische  Trennungslinien  nicht  im 
generellen  Sinne  gezogen  werden  können.  Es  soll  in  den  drei  Schritten  ledig¬ 
lich  zum  Ausdruck  kommen,  was  das  Kennzeichen  eines  in  etwa  geschlossenen 
Zeitabschnittes  ist  und  war,  und  es  werden  sich  dabei  tatsächlich  die  Stufen 
und  Schritte  deutlich  aufweisen  lassen. 

Die  äußere  Eigenlage  des  Blinden  als  Bestimmungsmerkmal 
des  Bildungszieles . 

Es  sei  in  unserem  Zusammenhang  darauf  verzichtet,  die  historische  Be¬ 
gründung  der  Blindenbildung  im  einzelnen  aufzuzeigen.  Bauers  Schrift3), 
die  ausführlichste  Quellenarbeit  in  der  Geschichte  der  Blindenbildung,  weist 
die  historischen  Grundlagen  der  deutschen  Blindenpädagogik  deutlich  auf. 
Das  pädagogische  System  von  Klein  findet  eine  eingehende  Analyse. 

2)  Kremer:  Pädagogiscche  Rundschau  Jg.  2,  Heft  4  (April  1948);  S.  159  IT. 

3)  Bauer:  Johann  Wilhelm  Klein  und  die  historischen  Grundlagen  der  deutschen  Blin- 
denpädagogik,  Bamberg  1926. 


29 


So  beschränken  wir  uns  zunächst  darauf,  das  Bildungsziel  von  Klein  und 
seiner  Zeit  generell  zu  nennen.  Die  sich  begründende  Blindenbildung  (1804) 
ist  vom  Fürsorgegedanken  noch  kaum  zu  trennen,  und  wir  werden  uns  weiter 
unten  mit  dieser  Berührungsebene  von  Fürsorge  und  Bildung  noch  zu  be¬ 
fassen  haben. 

Bei  Klein  begegnet  uns  als  Bildungsziel  immer  wieder  die  Formulierung: 
bürgerliche  Brauchbarkeit 4).  Sie  ist  die  Grundforderung  an  die  Blinden¬ 
bildung.  Durch  angemessene  Beschäftigung  soll  der  Blinde  zur  „Erleichte¬ 
rung  seines  Zustandes“5)  gelangen  und  dadurch  „sich  und  den  Seinigen 
Trost  und  Beruhigung“6)  geben.  Ganz  ähnlich  sind  die  Worte,  mit  denen 
Knie  das  von  ihm  erkannte  Bildungsziel  nennt:  „Bildung  zu  verständigen 
und  für  das  bürgerliche  Leben  hinreichend  unterrichteten  Menschen“7),  die 
in  der  Lage  sind,  ihren  Unterhalt  selbst  zu  erwerben  und  „sich  selbst  und 
den  anderen  etwas  nütze  werden“8).  In  fast  gleicher  Weise  ist  D  u  f  a  u  zu 
verstehen,  wenn  er  es  als  Bildungsziel  für  den  Blinden  hinstellt,  „der  mensch¬ 
lichen  Gesellschaft  ein  für  sich  selbst  und  andere  nutzbar  gemachtes  Wesen 
zurückzugeben“9 10) . 

Z  e  u  n  e  spricht  bereits  von  einer  „allgemeinen  menschlichen  Ausbil¬ 
dung“  ),  zu  der  sich  Fertigkeiten  zur  Erwerbsbefähigung  gesellen  sollen: 
„Der  Zweck  der  Erziehung  bei  den  Blinden  und  bei  Sehenden  ist  derselbe: 
Entwicklung  aller  ihrer  Kräfte;  nur  in  Hinsicht  der  Art  des  Erziehens  sind 
bei  jenen  die  übrigbleibenden  Sinne  desto  mehr  zu  schärfen“.  Dabei  hält 
Zeune  „die  Handarbeiten  für  sehr  nötig;  einmal  weil  sie  das  Getast  aus¬ 
bilden,  den  Hauptstellvertreter  des  Gesichts;  dann  weil  sie  den  Blinden 
Quelle  des  Erwerbs  werden  können“  n). 

Erwerbsfähigkeit  und  Selbständigkeit ,  bürgerliche  Brauchbarkeit ,  Unab¬ 
hängigkeit  —  das  sind  die  Grundgedanken,  unter  die  sich  auch  alle  weiteren 
Aussprüche  über  das  Bildungsziel  ordnen  lassen,  ob  wir  die  Gedanken  von 
Klar  hinzunehmen,  von  Pablasek,  Freudenberg,  Scherer- 
Hall,  Ruppert  und  anderen.  Eine  deutliche  Akzentverlagerung  ist 
nicht  zu  spüren. 

Aus  all  diesen  Zielsetzungen  spricht  der  Grundcharakter  des  Sachlichen, 
der  Sorge  um  die  soziale,  praktische  Eingliederung  des  Blinden  in  die  bürger¬ 
liche  Umwelt.  Es  ist  in  der  Tat  etwas,  das  an  der  Peripherie  des  blinden 
Menschen  geschieht  —  etwas  notwendig  Peripherisches.  Dieser  Grundzug 
wird  noch  erhärtet,  wenn  wir  einen  Blick  werfen  auf  die  mannigfachen 
Bildungsformulierungen  dieser  Zeit,  in  denen  ausgesprochen  oder  imaus¬ 
gesprochen  der  Fürsorgegedi&nke  deutlich  zutage  tritt. 

4)  Klein:  Lehrbuch,  1819,  Vorrede  S.  III. 

5)  Klein:  Lehrbuch,  1819,  Vorrede  S.  VI— VII. 

6)  Klein:  Lehrbuch,  S.  12. 

7)  Knie:  Pädagogische  Reise,  1837,  S.  85. 

8)  Knie:  Uber  die  Behandlung  blinder  Kinder,  o.  J.,  S.  31. 

9)  Dufau:  Versuch  über  den - Zustand  der  Blindgeborenen,  1838,  S.  103. 

10)  Zeune:  Beiisar,  1838,  S.  72. 

-11)  Zeune,  zitiert  nach  Blindenfreund  1904,  S.  104. 


30 


Das  ist  der  Kall,  wenn  Klein  und  Z  e  u  n  e  als  Anschluß  an  die  Erziehungs¬ 
anstalt  eine  weitere  Anstalt  fordern,  durch  die  das  Unglück  des  Blinden 
erleichtert  und  seine  Fähigkeiten  und  Kräfte  sinnvoll  verwendet  werden 
sollen.  Klein  versteht  diese  Versorgungs-  und  Beschäftigungsanstalt  als  den 
„Schlußstein  des  schützenden  Gewölbes  .  .  .  unter  welchem  die  armen 
Blinden  ein  sicheres  Asyl  vor  den  Gefahren  finden,  denen  sie  auf  den 
finsteren  Wegen  der  für  sie  fremden  Welt  ausgesetzt  sind“  12).  In  ähnlicher 
Weise  ist  Z  e  un  e  der  Meinung,  daß  den  Blinden  in  der  Versorgungsanstalt 
„ein  besseres  leibliches  Dasein  gewährt  wird,  insofern  selbige  von  den  Stö¬ 
rungen  sehender  Menschen  entfernt  leben“. 

Auch  D  u  f  a  u  spricht  in  diesem  Sinne  von  dem  Recht  des  Blinden,  Gegen¬ 
stand  der  „gesellschaftlichen  Wohltätigkeit“  zu  werden,  und  von  dem  Zweck 
der  Erziehung  zur  Höflichkeit,  der  darin  bestehe,  „Merkmale  von  Theil- 
nahme  und  eine  nützliche  Gönnerschaft  zu  erlangen“  13). 

Libanski  erkennt  die  pädagogische  Zeittendenz  nach  Unabhängigkeit 
und  Selbständigkeit  an,  hält  ihr  aber  eine  zweite  Pflicht  entgegen:  den 
Blinden  lebenslänglich  in  einer  Anstalt  zu  versorgen.  —  In  ähnlicher  Weise 
fordert  Moldenhawer  Fürsorge  für  weibliche  Blinde,  kommt  Rup  - 
p  e  r  t  bei  der  Auseinandersetzung  mit  den  drei  möglichen  Formen  der 
Blindenbildung  dem  technischen,  dem  intellektuellen,  dem  philantro- 
pischen  Prinzip  zu  der  Auffassung,  das  philantropische  Prinzip  der 
lebenslänglichen  Versorgung  sei  das  erstrebenswerteste. 

Pflege  und  Unterricht ,  Erziehung  und  Versorgung  gehen  Hand  in  Hand, 
und  sie  werden  in  dieser  notwendigen  Verbindung  gefordert.  Fürsorge  er¬ 
gänzt  das  Bildungsbemühen.  Aber  es  ist  eine  Fürsorge  aus  der  praktischen 
Not  der  Zeit  heraus,  aus  der  Sorge  um  das  Nahziel,  das  es  zu  erreichen  gilt: 
der  sozialen  Behauptung  des  Blinden.  Man  weiß  noch  keinen  anderen  Weg, 
auf  dem  die  einmal  begonnenen  Bildungsbemühungen  gewahrt  und  fort¬ 
geführt  werden  können.  Aber  man  sucht  eine  andere  Vervollkommnung  und 
Erfüllung  des  Bildungsgedankens.  Ruppert  erhofft  sie  z.  B.  von  der 
Familie,  die  allerdings  dieser  Aufgabe  „noch  nicht  gewachsen“  ist. 

Daß  dieser  Ansatz  zum  eigentlich  Pädagogischen  ideell  vorhanden  ist,  wird 
nachweisbar,  wenn  wir  einen  Blick  auf  die  Quellen  werfen,  die  über  das  ge¬ 
dachte  Verhältnis  des  Blinden  zur  Welt  der  Sehenden  aussagen.  Zwar  finden 
wir  noch  viele  Belege,  die  auf  eine  Isolierung  hinzielen  und  insofern  den 
oben  ausgeführten  Fürsorgegedanken  erhärten,  so  etwa  Klein  :  „Man 
führe  Blinde  nicht  viel  unter  Fremde".  „Große  Gesellschaften,  öffentliche 
Orte  sind  nicht  für  sie  .  .  .“14).  —  Der  Blinde  „taugt  nicht  zum  Verkehr 
und  zur  gemeinschaftlichen  Beschäftigung  mit  Sehenden“15).  Es  ist  die  „für 
ihn  nicht  passende  sehende  Welt"16).  Ähnlich  spricht  Freudenberg 
es  aus. 

12)  Klein:  Uber  das  Verhältnis  des  Blinden  zu  der  ihn  umgebenden  Welt,  1850,  S.  11. 

13)  Dufau:  Versuch  über  den  .  .  .  1859,  S.  11. 

14)  Klein:  Lehrbuch,  1819,  S.  42. 

15)  Klein:  Beschreibung  eines  gelungenen  Versuchs  .  .  .  1822,  S.  44. 

16)  Klein:  Ebenda,  S.  44/45. 


31 


Aber  wir  finden  gleichzeitig  Hinweise,  die  über  das  Konkrete,  Zeitnotwendige 
hinausweisen,  wenn  wiederum  Klein  den  Blinden  durch  die  Arbeit  sich 
neben  den  Sehenden  stellen  sieht,  wenn  er  fordert,  man  solle  den  Blinden 
wie  einen  Sehenden  behandeln  und  ihn  nicht  an  seine  Verschiedenheit  er¬ 
innern,  wenn  er  davon  spricht,  daß  der  Blinde  den  Sehenden  braucht,  damit 
er  „manchen  Anstoß  und  manche  schmerzhafte  Erinnerung  an  seinen  Zu¬ 
stand“17)  sich  erspare.  —  Und  Freudenberg  möchte,  daß  der  Blinde  die 
Sitten  und  Gebräuche  „beim  Umgang  mit  anderen“18)  kennenlerne.  Er  bezeich¬ 
net  es  sogar  als  die  Bestimmung  des  Blinden  wie  die  jedes  Menschen,  „sich  an 
die  menschliche  Gesellschaft  anzureihen“19).  Sie  sollen  „nach  dem  Willen 
Gottes,  der  sie  unter  die  Menschen  setzte,  mit  denselben  immer  in  Berührung 
gebracht  werden“20).  Und  wenn  Freudenberg  durch  den  Umgang  mit  den 
Sehenden  das  Urteilsvermögen  des  Blinden  wachsen  und  das  Mißtrauen 
schwinden  sieht,  so  spricht  er  damit  im  Grunde  Gedanken  aus,  die  bereits 
über  die  Stufe  der  peripherischen  Blindseinsgemäßheit  hinausreichen  in  die 
zentrale  Blindseinsgemäßheit,  die  bei  Simon  Heller  Glied  des  intentionalen 
pädagogischen  Prozesses  wird. 


Als  weiterer  Ordnungsgesichtspunkt  drängen  sich  Kennzeichnungen  auf, 
die  den  ideellen  Anspruch  des  Blinden  auf  Bildung  und  die  ideelle  Notwen¬ 
digkeit  einer  Blindenbildung  zur  Sprache  bringen.  Sie  machen  die  Bildungs¬ 
struktur  der  Gründungszeit  noch  klarer  und  deutlicher,  weil  sie  bewußt  vom 
konkreten  Gebot  der  Stunde  wegsehen  auf  das  gedachte  Ziel  hin.  Wenn 
Klein  davon  spricht,  daß  „jedes  vernünftige  Wesen  auf  die  Entwicklung 
und  Ausbildung  der  in  ihm  liegenden  Fähigkeiten  gerechten  Anspruch 
hat  .  .  .  “  ),  wenn  er  dem  blinden  Kind  eine  „seinen  Talenten  angemessene 
Ausbildung  und  Unterricht“  grundsätzlich  zuerkennt,  wenn  Freudenberg 
sogar  sagt,  der  Blinde  sei  Mensch  und  besitze  gleiche  Rechte  wie  der  Sehende, 
wenn  Scherer  und  Hall  diese  Forderung  noch  verstärken  durch  den 
Ruf  nach  der  „vollkommenen  Würdigung“22)  des  Rechtes  und  der  Pflicht 
zur  Bildung  und  Erziehung  Blinder  und  wenn  schließlich  Moldenhawer 
aus  den  beiden  Gliedern,  der  Bildungsfähigkeit  und  der  Erwerbsfähigkeit,  den 
Anspruch  des  Blinden  auf  Bildung  ableitet,  dann  ist  der  ideelle  Ring  zu 
Simon  Heller  (1880)  und  damit  zur  zentralen  Stufe  der  Blindseinsgemä߬ 
heit  geschlossen,  dann  ist  Hellers  Forderung  nur  noch  eine  Bestätigung  des 
bereits  Gedachten  und  Gewollten:  daß  der  Blinde  ein  „unveräußerliches 
Recht“  auf  Bildung  besitze,  einen  Anspruch,  „die  ihm  von  Gott  geschenkten 
wunderbaren  Kräfte  und  Anlagen  zur  Gestaltung  eines  edlen  Menschentums 
auszubilden“23). 

17)  Klein:  Lehrbuch,  1819,  Vorrede,  S.  V. 

18)  Freudenberg:  Gründliche  Hülfe  für  Blinde  .  .  .  1848,  S.  7. 

19)  Ebenda,  S.  12/13. 

20)  Ebenda,  S.  50/51. 

21)  Klein:  Lehrbuch,  1819,  S.  12/13. 

22)  Scherer/Hall:  Die  Zukunft  der  Blinden,  1852,  S.  10. 

S.  Heller:  Blindenfreund  7  und  8,  1892,  S.  99. 


32 


Suchen  wir  nun  noch  einen  Bereich,  der  den  bisher  gewonnenen  Aufriß 
bestätigt,  so  scheint  er  nirgendwo  besser  auffindbar  als  in  den  Gedanken, 
die  das  Verhältnis  der  sich  begründenden  Blindenpädagogik  zur  Allgemein¬ 
pädagogik  kennzeichnen. 

Die  historisch  erste  Sorge  mußte  dem  Unterricht  gelten.  Bauer  hat  uns 
in  seiner  o.  a.  Schrift  Aufschluß  gegeben  über  die  Beziehung  Kleins  zu 
Pestalozzi.  Sie  betrifft  weitgehend  die  U'nXexTichX.smethode  Pestalozzis, 
die  ,,ganz  auf  die  Natur  und  die  allmähliche  Entwicklung  des  menschlichen 
Geistes“24)  gegründet  ist.  Knie  bestätigt  uns  den  Wert  dieser  Methode  für 
den  Blindenunterricht  ausdrücklich. 

Aber  der  allgemeinpädagogische  Einfluß  reicht  noch  tiefer.  Wir  verdanken 
ihm  schließlich  einen  bedeutenden  Impuls  für  das  pädagogische  Struktur¬ 
werden  der  Blindenbildung:  Durch  das  Anwachsen  der  allgemeinen  Volks¬ 
bildung  ,,ist  auch  die  Kluft  zwischen  dem  Wissen  und  dem  Können  der  Voll¬ 
sinnigen  und  der  unter  ihnen  lebenden  Blinden“25)  größer  und  spürbarer 
geworden.  Die  Idee  des  Philantropischen  soll  diese  Lücke  schließen.  — 
D  u  f  a  u  und  R  u  p  p  e  r  t  sprechen  beiden  Formen  des  Pädagogischen 
Gleichheit  im  Zweck,  Verschiedenheit  nur  in  den  Mitteln  zu. 

Als  die  weitestgehende  Formulierung  dieser  Zeit  kann  die  von  Pablasek 
angesehen  werden.  Er  spricht  von  dem  großen  moralischen  Wert  der  allge¬ 
meinen  Bildung  für  den  Blinden.  Sie  werde  für  ihn  zur  „lautersten  Quelle 
irdischen  Glückes“26),  sie  lasse  ihn  seine  eigene  Bildungsfähigkeit ,  sein 
eigenes  Bildungsziel  erfahren,  führe  ihn  zu  dem  Gefühl,  nicht  mehr  ab¬ 
hängige s,  sondern  nützliches  Glied  der  Gesellschaft  zu  sein,  lasse  ihn  sich 
selbst  in  steigendem  Maße  als  Persönlichkeit  erleben  und  ihn  so  zum  Dienst 
an  seiner  Umgebung  kommen. 

In  diesem  Gedanken  liegt  bereits  eine  relativ  vollkommene  Bildungsstruktur 
der  „ersten  Stufe“  ausgesprochen.  Sie  ist  gedachte,  noch  nicht  ins  Werk 
gesetzte  Bildungsstruktur.  Zur  Konkretisierung  bedurfte  es  eines  entschei¬ 
denden  historischen  Schrittes,  der  in  der  Folgezeit  unter  Führung  Simon 
Hellers  vollzogen  wurde. 

Die  Entdeckung  der  inneren  Eigenlage  des  Blinden  und  die 
Begründung  einer  speziellen  Blindenpädagogik. 

Bemüht  man  sich  um  eine  Überschau  der  Literatur  des  nächsten,  in  etwa 
geschlossenen  Zeitabschnittes  der  Blindenbildung  (etwa  von  1880  bis  1920), 
so  findet  man  als  kennzeichnendes  Merkmal  die  Begründung  einer  speziellen 
Blindenpsychologie.  Simon  und  Theodor  Heller  ragen  dabei  aus  einer 
Anzahl  von  Autoren  hervor.  Ihr  psychologischer  Beitrag  soll  an  anderer 
Stelle  ausgeführt  werden.  Für  unseren  Zusammenhang  sind  die  pädago- 

24)  Klein:  Beschreibung  eines  gelungenen  Versuchs  .  .  .  1822,  S.  10. 

25)  Knie:  Pädagogische  Reise,  1837,  S.  274/275. 

26)  Pablasek:  Die  Fürsorge  für  die  Blinden,  1867,  S.  153. 

83 


gischen  Konsequenzen  dieser  Forschungsarbeit  wesentlich.  Und  diese  sind 
außerordentlich  bedeutend. 

i 

Es  sei  mir  der  Versuch  gestattet,  unter  Begrenzung  auf  das  Werk  von 
Simon  Heller  die  neue  blindenpädagogische  Struktur  zu  skizzieren. 
Wir  können  sie  grundsätzlich  als  zentrale  Struktur  im  Hinblick  auf  die 
Blindseinsgemäßheit  kennzeichnen.  Manches  bereits  in  der  ersten  Stufe  Ge¬ 
dachte  und  Ausgesprochene  erhält  jetzt  eine  konkrete  Form  dadurch,  daß  die 
Psychologie  die  inneren  Eigengesetzlichkeiten  des  Blinden  zu  entdecken,  zu 
ei  forschen  und  vor  allem  für  die  Blindenpädagogik  auszuwerten  beginnt. 
Das  Ergebnis  ist  ein  in  sich  geschlossener,  spezifischer  Aufriß  des  blinden¬ 
pädagogischen  Geschehens. 

Dieser  spezielle  Charakter  der  eigengesetzlichen,  vom  Blindenpsychologischen 
fundieiten  Blindenpädagogik  ist  so  sehr  formend,  daß  wir  alle  in  der  ersten 
Stufe  angewandten  Ordnungsgesichtspunkte  (Verhältnis  zur  Welt  der  Se¬ 
henden,  Anspruch  auf  Bildung,  Blindenpädagogik  und  Allgemeinpädagogik, 
Bildungsziel)  jetzt  in  einem  anderen  logischen  Verhältnis  zu  sehen  haben: 
Zwar  sind  alle  vorhanden  und  auffindbar,  jetzt  aber  eindeutig  geordnet  und 
bestimmt  von  den  besonderen  Bedingungen  der  Blindenpsyche.  So  ist  es  not¬ 
wendig,  die  Eigengesetzlichkeit  der  Blindenpädagogik  im  Sinne  Hellers 
aufzuzeigen,  um  von  ihr  aus  auch  die  anderen  zum  Teil  schon  bekannten 
Ordnungsmomente  zu  verstehen. 

Vor  allem  ist  bemerkenswert,  daß  sich  bei  Heller  zunächst  eine  Abkehr  von 
dem  bisher  relativ  unkritisch  ausgesprochenen  Gedanken  vollzieht,  Blinden - 
Pädagogik  sei  im  Grunde  ein  Zweig  der  Allgemeinpädagogik  mit  peripheren 
Abweichungen.  Die  wesentliche  Unterscheidung,  die  er  trifft,  liegt  vielmehr 
darin,  ,,daß  die  psychologische  Grundlage  der  Blindenpädagogik  in  mehr¬ 
facher  Beziehung  eine  abweichende  ist“27).  —  „Wir  müssen  in  das  Innere, 
in  die  Seele  des  blinden  Kindes  eindringen  .  .  .  Unsere  Aufgabe  ist  also  eine 
spezifische,  welche  auch  besondere  und  eigenartige  Einrichtungen  er¬ 
fordert“28).  Jeglicher  Erscheinung  in  der  Entwicklung  des  Blinden  haben  wir 
unsere  Aufmerksamkeit  zuzuwenden,  um  so  „geeignete  Mittel  für  die  Blin¬ 
denbildung  zu  gewinnen“29). 

Unter  den  Kriterien  dieser  Eigengesetzlichkeit  wird  Blindenpädagogik  zur 
Heilpädagogik.  Das  blinde  Kind  bedarf  mancher  Dinge,  deren  vollsinnige 
Kinder  nicht  bedürfen,  so  ,,wie  die  Bedürfnisse  eines  kranken  Menschen  von 
denen  des  gesunden  wesentlich  verschieden  sind“30).  Es  fällt  das  Wort  von 
der  , :aus gleichenden  Erziehung,  welche  den  Blinden  zu  einem  harmonischen 
Zusammenleben  mit  dem  Sehenden  befähigen“31)  soll.  So  haben  wir  durch 
die  Blindenpädagogik  „den  Endzweck  aller  heilpädagogischen  Bestrebun- 

27)  S.  Heller:  VI.  Kongreßbericht,  1888,  S.  100. 

28)  S.  Heller:  1.  österreichischer  Blindenlehrer-Tag,  1889  S.  58. 

")  S.  Heller:  V.  Kongreßbericht,  1885,  S.  132. 

30)  S.  Heller:  1.  österreichischer  Blindenlehrer-Tag,  1889,  S.  58. 

31)  Ebenda. 


34 


gen“32)  zu  erreichen.  Unsere  Aufgabe  ist  Korrektur  einer  „Abnormität  .  .  . , 
welche  sowohl  in  der  Natur  des  blinden  Kindes  als  auch  in  der  Richtung 
begründet  ist,  welche  seiner  geistigen  Entwicklung  gegeben  wird“33).  — 
Hier  sind  deutlich  die  Formulierungen  vorgezeichnet,  die  Krem  er  später 
ausspricht,  wenn  er  Blindsein  ein  „Faktum“  und  ein  „Fadens“  nennt  und 
„Tendenzen“34)  im  Seelenleben  des  Blinden  herausstellt,  von  denen  die 
zentrale  Blindseinsgemäßheit  des  pädagogischen  Tuns  bestimmt  wird. 

Diese  Ausnahmestellung  des  Blinden  ist  nach  Heller  außer  vom  Psycho¬ 
logischen  auch  vom  Sozialen  bestimmt,  und  zwar  durch  die  „Gegensätze, 
welche  sich  im  Leben  zwischen  den  Blinden  und  den  Sehenden  heraus¬ 
bilden“35).  Auch  darin  ist  eine  bis  heute  gültige  Akzentuierung  und  Kenn¬ 
zeichnung  der  Blindenpädagogik  ausgesprochen.  Es  sei  nur  hingewiesen  auf 
die  von  K  r  e  m  e  r  formulierte  Konstituante  des  „Eingewiesenseins  in  die 
Welt  der  Sehenden“36)  und  den  unausweichlichen  „Visualisationsbezug“,  der 
im  Sinne  von  P  e  t  z  e  1 1  das  eigentlich  pädagogische  Moment  in  der  Blinden¬ 
bildung  darstellt. 

Unter  diesem  Ordnungsgesichtspunkt  der  heilpädagogischen  Eigengesetzlich¬ 
keit  gewinnt  der  Gedanke  des  Bildungs<znspmcAs  des  Blinden  insofern  einen 
neuen  Akzent,  als  Heller  nicht  nur  den  menschlichen  Bildungsanspruch 
des  Blinden  schlechthin  stellt,  sondern  im  pädagogischen  Geschehen  einen 
Ausgleich  für  die  „psychische  Unzulänglichkeit“  fordert,  welcher  durch 
„erhöhte  Intensität  geistigen  Schaffens“37)  gegeben  werden  soll. 

Auch  die  Frage  der  Abgrenzung  von  Bildung  und  Fürsorge ,  die  auf  der 
ersten  Stufe  noch  nicht  gelöst  werden  konnte,  klärt  sich  unter  dem  so 
dringend  gewordenen  Bildungsanspruch  fast  von  selbst.  Die  Fürsorge  hat  nur 
noch  „Übergangsstadium“  zu  sein  zwischen  der  einstigen  „vollständigen 
Passivität  .  .  .  und  jener  freien  Selbstbestimmungsfähigkeit  ...  in  dem 
Kreise  der  wirkenden  Menschheit“38).  Die  Notwendigkeit  der  Fürsorge  wird 
dadurch  beschränkt  und  überwunden,  daß  „Erziehung  und  Unterricht  die 
Bildungselemente  des  Blinden  vollständig  in  Anspruch  nehmen“39). 

Blicken  wir  nun  auf  die  sehr  große  Zahl  von  Formulierungen  Hellers, 
die  das  BildungsziW  im  eigentlichen  Sinne  betreffen,  so  stehen  wir  deutlich 
zwei  Gruppen  gegenüber,  bei  denen  wir  zunächst  gewisse  Widersprüche  fest¬ 
zustellen  glauben.  Der  Widerspruch  erweist  sich  jedoch  als  ein  nur  schein¬ 
barer.  Die  erste  Gruppe  nämlich  ist  wiederum  unmittelbar  aus  dem  oben 
dargelegten  Gedanken  der  Eigengesetzlichkeiten  der  Blindenpsyche  zu  ver¬ 
stehen  und  aus  einer  zeitbefangenen  Tendenz,  diese  Eigengesetzlichkeiten 

32)  S.  Heller:  IX.  Kongreßbericht,  1898,  S.  55. 

33)  S.  Heller:  IV.  Kongreßbericht,  1882,  S.  115/116. 

34)  A.  Kremer:  Über  den  Einfluß  .  .  .  Düren  1953. 

35)  S.  Heller:  IX.  Kongreßbericht,  1898,  S.  56. 

36)  A.  Kremer:  Uber  den  Einfluß  .  .  .  Düren  1933. 

37)  S.  Heller:  V.  Kongreßbericht,  1885,  S.  131. 

38)  S.  Heller:  VIII.  Kongreßbericht,  1895,  S.  203. 

39)  Ebenda. 


35 


(Passivität,  Neigung  zum  Abstrakten,  Hemmnisse  auf  dem  Weg  in  die  Welt 
der  Sehenden)  derart  überzubewerten  und  sie  in  der  Praxis  als  derart  schwer 
überwindbar  anzusehen,  daß  Heller  zu  einer  Forderung  nach  Beschrän¬ 
kung  im  Umkreis  des  Bildungszieles  kommen  mußte.  Hier  liegt  eine  Parallele 
vor  zu  der  Verkettung  von  Bildung  und  Fürsorge  in  der  konkreten  pädago¬ 
gischen  Struktur  der  Zeit  Kleins  und  Z  e  u  n  e  s. 

Die  zweite  Gruppe  von  Formulierungen  des  Bildungszieles  ist  ideell  be¬ 
stimmt.  Sie  weist  —  wiederum  ähnlich  der  ersten  Stufe  und  im  unmittel¬ 
baren  Anschluß  an  sie  —  über  die  Zeitgebundenheit  hinaus  in  die  gültige 
Idee  des  Blindenpädagogischen.  Schließen  wir  (da  der  Umfang  dieser  Arbeit 
weitere  Bestätigungen  im  Bereich  des  Unterrichtlichen  und  des  inhaltlichen 
Umkreises  der  Bildung  nicht  zuläßt)  den  kurzen  Blick  auf  die  pädagogische 
Struktur  des  Lebenswerkes  Simon  Hellers  ab,  indem  wir  einige  kenn¬ 
zeichnende  Belege  für  die  beiden  verschieden  akzentuierten  Bildungsziele 
auswählen : 

Heller  fordert,  ,,auf  unserem  Arbeitsfelde  jene  Beschränkungen  anzu¬ 
erkennen,  welche  unabänderliche  Konsequenzen  der  Blindheit  sind“  und 
nicht  „künstliche  Behelfe“  für  das  zu  suchen,  „was  die  Natur  versagt  hat“40). 
Wir  sollten  unsere  Schüler  nicht  „über  das  gewöhnliche  Maß  hinaus“  führen, 
sondern  „ein  streng  abgegrenztes  Wissensgebiet“41)  zum  Inhalt  der  Bildung 
erheben,  aber  „innerhalb  dieser  Grenzen  ein  eigenartiges  Leben  zu  gestalten“ 
versuchen,  welches  „die  Bedingungen  des  Glücks  durch  Schaffensfreudigkeit 
und  innere  Befriedigung“4^)  erzeugt.  Aus  dieser  Erkenntnis  soll  der  Grund¬ 
satz,  der  Blinde  sei  dem  Sehenden  möglichst  zu  nähern,  nur  insoweit  erfüllt 
werden,  „als  er  nicht  in  Widerspruch  tritt  zu  dem  bedeutungsvollen  Prinzip: 
Der  Blinde  ist  für  seine  eigene  Welt  zu  bilden“43). 

Ideell  und  vom  Wesen  des  Pädagogischen  bestimmt  ist  das  Bildungsziel  von 
Heller,  wenn  er  folgende  Formulierung  nennt: 

1.  „Ausgestaltung  der  Persönlichkeit  .  .  .“ 

2.  „Freie  Selbstbestimmungs-  und  Leistungsfähigkeit“ 

3.  „Empfänglichkeit  für  alles,  was  wahrhaft  gut  und  edel  ist“44). 

Bedeutend  ist  auch  der  Gedanke,  daß  die  Blindenbildung  befähigt  ist,  „das 
lichtberaubte  Kind  mit  seinem  Geschicke  auszusöhnen  .  .  .  “  und  es  mit  einem 
reichen  inneren  Besitz  „in  die  Gemeinschaft  der  nützlich  wirkendeii  Mensch¬ 
heit,  welche  ihm  sein  Gebrechen  verschlossen  hat,  wieder  zurückzu¬ 
führen  ,..“45). 

So  kann  man  schließlich  ein  Wort  Hellers  als  charakterisierend  hin¬ 
stellen  für  das  blindenpädagogische  Ziel  seiner  Zeit: 

„Besiegung  des  Unglücks  durch  die  Liebe  und  die  Lehre!“46). 

40)  S.  Heller:  XII.  Kongreßbericht,  1907,  S.  283. 

41)  S.  Heller:  V.  Kongreßbericht,  1885,  S.  133. 

42)  Ebenda,  S.  131. 

43)  S.  Heller:  IV.  Kongreßbericht,  1882,  S.  120. 

44)  S.  Heller:  XII.  Kongreßbericht,  1907,  S.  283. 

45)  S.  Heller:  Blindenfreund  7  und  8,  Jg.  12,  1892,  S.  99. 

S.  Heller:  IX.  Kongreßbericht,  1898,  S.  56. 


36 


Der  Gedanke  der  Arbeitsschule  als  Bindeglied  zwischen  dem  zweiten  und 
dritten  Schritt. 

Wer  ohne  Kenntnis  der  von  S.  Heller  vollzogenen  Begründung  einer 
spezifischen  Blindenpädagogik  die  Abhandlungen  des  Blindenpädagogen 
F.  Z  e  c  h  liest,  der  könnte  darin  zunächst  eine  unmittelbare  Fortführung  und 
Modernisierung  der  Gedanken  Kleins  und  Z  e  u  n  e  s  erblicken;  denn 
auch  bei  Zech  findet  man  das  Schwergewicht  auf  der  lebenspraktischen  Seite 
und  stößt  man  überwiegend  auf  Gedanken  zum  Unterricht  der  Blinden.  Sieht 
man  aber  Z  e  c  h  s  Werk  aus  dem  geschichtlichen  Zusammenhang,  so  muß 
ihm  eine  noch  maßgeblichere  Stellung  in  der  Entwicklung  des  Blinden¬ 
bildungsgedankens  gegeben  werden. 

Ich  möchte  die  von  ihm  vollzogene  Synthese  von  Blindenpädagogik  und  All¬ 
gemeinpädagogik  eine  kritische  Synthese  nennen  —  im  Gegensatz  zu  der 
noch  notwendig  unkritischen  Einheit  bei  Klein  —  und  zwar  kritisch  in¬ 
sofern,  als  der  geistige  Entwicklungsstand  der  Blindenpädagogik  es  dieser 
Persönlichkeit  erlaubt,  im  Wissen  um  die  Eigengesetze  des  besonderen 
blindenpädagogischen  Tuns  eine  Verbindung  zu  Reformbestrebungen  der 
Allgemeinpädagogik  zu  finden  und  so  der  Blindenpädagogik  aus  der  Gefahr 
einer  Selbstisolierung  herauszuhelfen. 

Dieser  neue  Schritt,  den  wir  im  Zusammenhang  unserer  Übersicht  einen 
Zwischenschritt  nennen  wollen,  vollzieht  sich  im  konkreten  Bereich  des 
Unterrichtes. 

Wir  müssen  uns  mit  einer  kurzen  Kennzeichnung  dieser  Synthese  Z  e  c  h  s 
begnügen.  Er  nennt  zwei  Grundideen  der  allgemeinpädagogischen  Reform¬ 
bestrebungen:  die  ,, gesteigerte  Wertschätzung  der  Persönlichkeit“,  als  deren 
pädagogische  Konsequenz  ,,das  Kind  auf  dem  Wege  individueller  Kraft¬ 
betätigung  seinen  Geist  und  seinen  Charakter  entwickele“;  als  zweite  Grund¬ 
idee  ist  ein  ,, realer,  praktischer  Zug“  in  der  Pädagogik  der  Zeit  festzustellen. 
Dieser  fordert  im  Bildungsstoff  und  im  Unterricht  „ weitgeh  ende  Zugeständ¬ 
nisse  an  das  praktische  Leben“47). 

Diese  Grundideen  sind  Wesensmerkmale  der  sich  begründenden  Arbeits¬ 
schule;  immer  wieder  finden  wir  die  Namen  von  Kerschensteiner 
und  P  a  u  1  s  e  n.  Ihr  Bildungsziel  wird  Bildungsziel  auch  der  Blindenschule: 
„Wahrhaft  gebildet  ist  der  Mensch,  der  die  Fähigkeit  gewonnen  hat,  sich 
von  dem  Punkte  aus,  auf  den  er  von  Natur  und  Schicksal  gestellt  ist,  in 
Wirklichkeit  zurechtzufinden  und  sich  seine  eigene  in  sich  zusammen- 
stimmende  Welt  zu  bauen,  sie  mag  groß  oder  klein  sein“  ). 

Dieses  allgemeine  Bildungsziel  differenziert  sich  nun  in  die  pädagogischen 
Akzente  der  Arbeitsschule:  Selbsttätigkeit,  Aktivierung  des  Kindes,  Erfah- 
rungsbezogenheit  und  reale  Struktur  des  LTnterrichtes.  Und  gerade  darin 
zeigt  sich  die  kritische  Synthese  Z  e  c  h  s  :  Er  erkennt  in  diesen  Bestrebungen 

47)  F.  Zech:  XIV.  Kongreßbericht,  1915,  S.  69. 

48)  Fr.  Paulsen,  zitiert  von  F.  Zech,  XIII.  Kongreßbericht,  1910,  S.  201. 

37 


der  Arbeitsschule  eine  besondere  Bedeutung  für  die  Blindenpädagogik:  „Sie 
gibt  uns  die  Möglichkeit,  die  Entwicklung  unserer  Schüler  von  einem  un¬ 
fruchtbaren  und  gefährlichen  Wege  abzuleiten  und  in  die  rechte  Bahn  zu 
lenken“49). 

Zech  nennt  nun  vor  allem  die  Neigungen  des  Blinden  zum  Abstrakten 
und  Passiven  und  leitet  aus  ihnen  die  besondere ,  der  Arbeitsschule  ent¬ 
sprechende  Struktur  des  Blindenunterrichtes  ab.  Darin  liegt  eine  bewußte 
unterrichtliche  Konkretisierung  der  Forderungen  Hellers,  und  zwar 
Konkretisierung  auf  die  Zukunft  hin :  Zech  schlägt  auf  diese  konkrete 
Weise  die  Brücke  zur  ideellen  Klärung  des  blindenpädagogischen  Prozesses 
in  der  Gegenwart. 

Merkmale  der  pädagogischen  Blindseins  gemäß  heit  der  Gegenwart. 

W  ollten  wir  eine  Analyse  der  blindenpädagogischen  Struktur  unserer  Gegen¬ 
wart  durchführen,  so  ständen  wir  vor  der  Notwendigkeit,  vor  allem  das 
Lebenswerk  von  3  Autoren  in  seinen  Grundzügen  aufzuzeigen:  J.  I.  Bauer, 
A.  K  r  e  m  e  r  und  A.  P  e  t  z  e  1 1.  Der  Versuch  einer  solchen  Darstellung 
müßte  notwendig  den  Umfang  unserer  Abhandlung  weit  überschreiten. 
Er  stieße  zudem  auf  die  große  Schwierigkeit,  über  einen  noch  in  der  Klä¬ 
rung  befindlichen  Prozeß  aussagen  zu  müssen. 

So  begnügen  wir  uns  in  unserem  Zusammenhang  damit,  Merkmale  dieser 
blindenpädagogischen  Gegenwart  insoweit  zu  nennen,  als  sie  Maßstab  unseres 
geschichtlichen  Überblickes  waren.  Daraus  mag  uns  ein  dritter  Entwick¬ 
lungsschritt  sichtbar  werden,  auf  den  bereits  unsere  gesamte  Abhandlung 
hingeordnet  war  und  der  so  im  Grunde  bereits  zur  Sprache  kam. 

W7ieder  zeichnen  sich  die  beiden  großen  Ordnungsbereiche  ab:  blinden¬ 
pädagogische  Eigengesetzlichkeit  und  Bestimmtsein  vom  Allgemein  pädago¬ 
gischen,  aber  sie  treten  zum  ersten  Male  in  ein  absolut  logisches  Verhältnis 
zueinander:  Die  Allgemeinpädagogik  wird  zur  Dominante,  sie  wird  kon¬ 
stitutiv  für  den  blindenpädagogischen  Prozeß.  Ohne  den  allgemeinpädago¬ 
gischen  Bezug  gäbe  es  wohl  noch  ein  fürsorgendes  und  pflegendes  Verhalten 
gegenüber  dem  Blinden,  nicht  aber  ein  pädagogisches.  Es  kann  —  ,,wie  es 
nur  eine  Wahrheit  gibt  —  auch  nur  eine  , Erziehung’,  nur  einen  , Unterricht’ 
geben  .  .  .  das  pädagogische  Geschehen  auch  in  der  Blindenschule  erhält 
seinen  tiefsten  Sinngehalt  und  seine  Urbestimmtheiten  aus  der  allgemein¬ 
gültigen  Idee  der  Erziehung  und  des  Unterrichtes“50).  —  „Das  Idealziel  der 
Blindenpädagogik  dürfte  .  .  .  immer  mehr  mit  dem  Idealziel  der  Allgemein¬ 
oder  Normalpädagogik  zusammenfallen“51). 

Diese  Gleichheit  im  primären  Erziehungsziel  gründet  sich  auf  das  uneinge¬ 
schränkte  Menschsein  des  Blinden:  „Alles  erziehliche  Tun  beim  Blinden 
hat  zuerst  und  wesentlich  den  Menschen  im  Blindseienden  zu  suchen  und 

49)  F.  Zech:  XIV.  Kongreßbericht,  1913,  S.  74. 

50)  A.  Kremer:  „Deutsche  Blindenfürsorge“,  1935,  S.  215. 

51)  J.  I.  Bauer:  Hauptprobleme  der  Blindenpädagogik,  1928,  S.  14. 


38 


zu  bilden“52).  So  bleiben  von  einer  fundamentalen  Andersgestaltung  in  der 
Blindenpädagogik  folgende  Bereiche  ausgeschlossen:  das  allgemeine  primäre 
Erziehungsziel,  die  Auswahl  der  Lehrgüter  an  sich  und  der  grundsätzliche 
didaktische  Gehalt  der  Lehrweisen.  Neben  diesen  primären  Allgemein¬ 
bestimmungen  zeichnet  sich  eine  umfangreiche  Gliederung  des  spezifischen 
blindenpädagogischen  Prozesses  ab.  Sie  gründet  sich  weitgehend  auf  die  von 
K  r  e  m  e  r  formulierten  T endenzen  im  Seelenleben  des  Blinden  63). 

Es  sei  nun  betont,  daß  ein  gültiges  logisches  Verständnis  dieses  spezifischen 
blindenpädagogischen  Prozesses  —  auf  dessen  Nachzeichnung  wir  hier  ver¬ 
zichten  müssen  —  erst  dann  möglich  ist,  wenn  wir  unseren  Blick  noch  einem 
dritten  Gedanken  zuwenden,  der  das  völlig  Neue  in  der  Blindenpädagogik 
darstellt:  ich  möchte  von  der  pädagogischen  Synthese  sprechen,  in  welcher 
die  Brücke  geschlagen  wird  von  der  Eigenstruktur  der  Blindenpädagogik  zum 
Erziehungsziel  des  Allgemeinpädagogischen.  Diese  pädagogische  Synthese 
wird  möglich  aus  der  Erkenntnis,  daß  das  Wissen  des  Blinden  dem  des 
Sehenden  ,, grundsätzlich  gleichartig“54)  ist. 

Dieses  grundsätzliche  Einbezogensein  des  Blinden  in  das  Wissen  des  Sehenden 
ermöglicht  die  Einordnung  in  die  Gemeinschaft  der  Sehenden.  Aus  diesem 
Wissen  —  Können  leitet  sich  das  neue  Bildungsziel  ab :  Der  Blinde  muß  ,,die 
Kultur  der  gegebenen  Gemeinschaft  der  Sehenden  kennen  und  verstehen 
lernen,  und  zwar  in  einer  Weise,  daß  er  sich  über  seinen  Wissensbesitz  mit 
Sehenden  eindeutig  zu  verständigen  weiß“55).  Petz  eit  nennt  diesen  not¬ 
wendigen  Bezug  auf  die  Welt  der  Sehenden  den  ,,Visualisationsbezug“56). 
Mit  seiner  Verwirklichung  steht  und  fällt  die  Frage  ,,der  Einordnung  des 
Blinden  in  das  ganze  Volk“57). 

Sollten  wir  nun  zum  Abschluß  noch  andeuten,  wie  sich  dieser  Visualisations- 
bezug  in  dem  spezifisch  blindenpädagogischen  Prozeß  auswirkt,  so  wäre  zu 
sagen : 

1.  Ideell  ist  die  Gefahr  einer  Isolierung  der  Blindenbildung  damit  über¬ 
wunden  und  mit  ihr  auch  die  Gefahr,  den  Blinden  von  der  Teilhabe  an 
der  Kultur  auszuschließen. 

2.  Zu  einem  Konzentrationskern  der  Blindenschule  wird  das  ,, Prinzip  der 
räumlichen  Gliederung  unter  der  Forderung,  sich  mit  Sehenden  zu  ver¬ 
ständigen“53).  Diese  Forderung  betrifft  besonders  das  Ertasten  und  das 
unanschauliche  Wissen  des  Blinden69). 

3.  Der  Blindenpädagogik  sind  Ziel  und  Lösungswege  gegeben,  die  negative 
Bezeichnung  ,, Sinnesausfall“  zu  einer  positiven  pädagogischen  Aufgabe 
umzugestalten. 

52)  A.  Kremer:  XXI.  Kongreßbericht,  1951,  S.  25. 

A.  Kremer:  Uber  den  Einfluß  .  .  .,  Düren  1935. 

54)  Petzelt:  XVI.  Kongreßbericht,  1924,  S.  135. 

&5)  A.  Kremer:  „Deutsche  Sonderschule“,  1941,  S.  171. 

56)  Petzelt:  XVI.  Kongreßbericht,  1924,  S.  138. 

57)  Petzelt:  XXI.  Kongreßbericht,  1951,  S.  15. 

58)  Petzelt:  XVI.  Kongreßbericht,  1924,  S.  145. 

59)  Kremer:  XXI.  Kongreßbericht, 1951,  S.  36  ff. 


39 


Damit  sieht  sich  die  Blindenpädagogik  der  Gegenwart  nach  einem  über  ein 
Jahrhundert  währenden  Entwicklungsprozeß  in  die  Lage  versetzt,  gedank¬ 
liche  Ordnung  aufzuweisen  im  gegenseitigen  Verhältnis  dreier  bestimmender 
Kräfte:  dem  ErziehungszZ^Z,  der  speziellen  Blindenpädagogik  und  der  All¬ 
gemeinpädagogik.  Die  Untersuchung  wollte  aufweisen,  wie  sich  in  diesem 
Prozeß  der  Klärung  ein  Schritt  an  den  anderen  reihte  und  wie  sehr  deshalb 
jeder  Stufe  der  Charakter  des  Notwendigen  zukommen  muß.  So  wurde  es 
der  Gegenwart  möglich,  die  pädagogische  Eigenlage  des  Blinden  zu  erkennen, 
die  darin  offenbar  wird,  daß  der  ,, eigenartige  Sachverhalt  der  Gemeinschafts¬ 
erziehung  in  einer  Welt  des  Lichtes  am  Blinden  gegeben  ist.  Denn  der 
Blinde  darf  weder  für  sich  allein  noch  allein  für  eine  Welt  der  Blinden, 
sondern  muß  für  die  bestehende  Gemeinschaft  des  Lichtes  erzogen  und  unter¬ 
richtet  werden.  Ziel  dieser  Erziehung  ist  der  gemeinschaftsbezogene  blinde 
Mensch“60). 


60)  A.  Kremer:  XXI.  Kongreßbericht,  1951,  S.  36. 


Eine  Auswahl  blindenpsychologischer  Erkenntnisse 
in  heutiger  Sicht 

Von  Günter  Glorius,  Blindenoberlehrer 

Im  Rahmen  dieser  Schrift  eine  erschöpfende  Darstellung  der  Ergebnisse  der 
experimentellen  und  der  erkenntnistheoretischen  Blindenpsychologie  zu  geben, 
ist  nicht  möglich;  selbst  dann  nicht,  wenn  wir,  so  schwer  es  uns  gerade  an¬ 
gesichts  der  Würde  und  des  Charakters  unseres  Jubelfestes  fällt,  auf  die 
Erkenntnisse  der  Begründer  und  Wegbereiter  der  Blindenbildung  verzichten 
und  nur  jene  berücksichtigen,  die  uns  seit  etwa  der  Jahrhundertwende  —  das 
ist  ungefähr  der  Zeitpunkt,  von  dem  ab  wir  von  einer  speziellen  Blinden¬ 
psychologie  zu  sprechen  berechtigt  sind  —  überliefert  sind.  Und  hier 
wiederum  sollen  es  nur  einige  wenige  sein,  die  aus  den  Kreisen  der  Blinden 
selbst  oder  der  Blindenpädagogen  kommen. 

Um  dem  ganzen  einen  einheitlichen  Charakter  zu  geben,  ist  als  Ausgangs¬ 
punkt  die  Schrift  ,,Über  den  Einfluß  des  Blindseins  auf  das  So -Sein  des 
blinden  Menschen“  von  K  r  e  m  e  r  ,  die  erkenntnistheoretische  Schrift  des 
erfahrenen  Blindenpädagogen,  gewählt  worden. 

Der  Zusammenhang  zwischen  Pädagogik  im  allgemeinen  und  Psychologie 
im  besonderen  mit  der  Philosophie  macht  es  einsichtig,  daß  gerade  aus  der 
theoretischen  Auseinandersetzung  des  Menschen  mit  den  das  Leben  beein¬ 
flussenden  Problemen  gewonnene  Erkenntnisse  als  Basis  für  diesen  Artikel 
gewählt  wurden.  Und  nicht  nur  dieser  Zusammenhang  ist  es,  sondern  auch 
die  Tatsache,  daß  in  Anbetracht  der  ungezählten  Erblindungsursachen  und 
des  unterschiedlichen  Erblindungsalters  als  das  normalmenschliche  Angelegt¬ 
sein  modifizierende  Faktoren  keine  für  die  Blindheit  allgemeingültige  Aus¬ 
sagen  auf  experimenteller  Grundlage  gewonnen  werden  können.  Beweis - 
führend  sei  hier  nur  das  Raumproblem,  das  wohl  als  zentrales  Problem  in  der 
Blindenbildung  angesprochen  werden  darf,  angeführt.  In  dem  Molyneux- 
Problem  hat  es  sein  für  die  Blindenpädagogik  spezifisches  Gepräge  erhalten. 
Könnte  es  je,  könnte  je  der  Raum  in  seiner  unzähligen  Gestaltungsmöglich¬ 
keit  mathematisch  definiert  werden?  Bestünde  diese  Möglichkeit,  dann  wäre 
das  Raumproblem  für  die  Blindenpädagogik  vermutlich  nur  noch  eines  von 
untergeordneter  Bedeutung.  Gewiß,  eine  alleingültige  Definition  bringt  die 
Theorie  auch  nicht,  aber  sie  setzt  begrenzte  Betrachtungsmöglichkeiten  und 
erleichtert  uns  so,  einen  Standpunkt  zu  beziehen. 

Wer  ist  blind?  In  seinem  Buch  „Vom  Problem  der  Blindheit“  stellt  P  e  t  z  e  1 1 
die  Frage  und  zeigt  mit  seiner  Antwort  eine  Reihe  von  möglichen  Betrach¬ 
tungsweisen  auf:  ,,Der  Physiologe  antwortet  mit  dem  Versagen  der  Organ¬ 
funktion,  der  Diagnostiker  mit  positiven  Sehschärfenbestimmungen,  mit 
quantifizierten  Sehresten,  bzw.  der  Konstatierung  des  Nullpunktes.  Der 
Psychologe  spricht  von  der  Nichtvollziehbarkeit  von  gewissen  Akten,  der 
Pädagoge  entgegnet  mit  der  Unmöglichkeit,  durch  Sehen  zu  lernen“'1). 

-1)  A.  Petzelt:  Vom  Problem  der  Blindheit;  Erfurt  1931,  S.  9. 


41 


Krem  er  schreibt  einmal:  .  .  der  Blinde  ist,  wenn  auch  kein  Sehender 

minus  Sehsinn,  so  doch  in  seiner  ganzen  So -Seinsform,  in  seinem  So -Werden, 
in  seinem  So -Tun,  in  seinen  Verhaltungsweisen  als  Erkennender,  als  Füh- 
lendei ,  Wollender  und  Handelnder  und  in  den  Teil-  und  Endbestimmungen 
seiner  Existenz  weithin  normalmenschlich  mitbestimmt“2)  und  deutet  damit 
die  Vielfalt  jener  Bedingtheiten  an,  unter  denen  sich  im  Bereich  des  Psychi¬ 
schen  die  Entwicklung  und  das  Leben  des  blinden  Menschen  vollzieht. 

\\  ii  erkennen  also  schon  ganz  klar,  Blindsein  ist  nicht  nur  Ausfall  eines 
Sinnesgebietes,  sondern  bedeutet  immer  Einfluß  einer  Mannigfaltigkeit  von 
Faktoren. 

Kremer  hat  diesen  Komplex  in  6  konstitutive  Faktoren  aufgegliedert, 
die  er  Konstituanten  (=  Entwicklungsbedingtheiten)  nennt,  „deren  Folge¬ 
erscheinungen  sich  irgendwie  als  blindseinsgemäße  Bestimmungsmomente  der 
Individualität  (=  allgemein  Menschliches,  Typisches;  Besonderheiten)  und 
Individualitätslage  (=  Stellungnahme  zur  Welt;  Egoismus,  Altruismus,  So¬ 
zialismus,  Realismus,  Idealismus)  der  Blinden  kundtun“3). 

Denn  wenn  ein  Mensch  sich  immer  in  derselben  Weise  verhalten  muß,  dann 
bleibt  in  ihm  etwas  übrig,  was  diesem  Verhaltenmüssen  entspricht. 

Im  folgenden  sollen  nun  die  Erkenntnisse  und  Erfahrungen  der  Wegbereiter 
und  Begründer  der  Blindenpsychologie  unter  dem  richtungweisenden  Ge¬ 
sichtspunkt  jener  6  Konstituanten  betrachtet  werden. 

Blindsein  ist  Lichtlossein  4) 

Zu  dieser  und  jeder  der  folgenden  Konstituanten  könnten  wir  die  Frage 
stellen:  Eine  Tautologie?  Und  wir  antworten:  Beileibe  nicht!  Denn  Blindsein 
ist,  so  entnahmen  wir  schon  der  Einleitung,  ein  komplexes  Ganzes  von  Be¬ 
dingtheiten,  von  denen  das  Lichtlossein  eben  eine  ist. 

Lichtlos -Sein  ist  „Ausfall  aller  objektiven  Empfindungen  und  anderer  sinn¬ 
lich  fundierter,  auf  jenen  beruhender  Bewußtseinsphänomene  des  gesamten 
optischen  Sinnesgebietes“5).  Es  ist  eine  Beschränkung  der  y4r£qualität  im 
Erleben,  die  eine  Minderung  der  J^/tqualität  möglicher  Reize  nach  sich 
zieht.  Kulturschöpfungen  aus  Malerei,  Bildhauerei,  Architektur  sind  Objek- 
tivationen  Sehender,  die  nur  von  Sehenden  ästhetisch  voll  erlebt,  vom  Blinden 
jedoch  nur  die  beiden  letztgenannten  durch  den  Tastsinn  teilweise  erfaßt 
werden  können.  Das  gleiche  gilt  für  viele  Fälle  des  unmittelbaren  Natur¬ 
erlebens  und  des  sozialen  Erlebens.  Anders  formuliert:  Mit  der  Beschränkung 
qualitativer  Art  im  Erleben  gehen  Hand  in  Hand  eine  quantitative  Minderung 
von  Erlebensmöglichkeiten  und  durch  optische  Reize  veranlaßte  Seins-, 

2)  A.  Kremer:  Der  blindseinsgemäße  didaktische  Dreischritt  im  Blindenunterricht,  S.  4. 

)  A.  Kremer:  Über  den  Einfluß  des  Blindseins  auf  das  So-Sein  des  blinden  Menschen* 
Düren  1933,  S.  33.  ’ 

4)  A.  Kremer:  a.  a.  O.,  S.  34/36. 

5)  Ebenda,  S.  34. 


42 


Wissens-  und  Könnensformungen,  denen  der  Vollsinnige,  bewußt  und  un¬ 
bewußt,  laufend  unterliegt. 

Diese  Minderungen  im  Akte  der  Subjektivationen  (=  Erleben  von  Gestalte¬ 
tem  oder  allgemein:  Gegenständlichkeiten)  schließt  auch  ein  eine  Minderung 
in  bezug  auf  die  Art-  und  Wertqualität  und  die  Quantität  möglicher 
Objektivationen  (=  Gestalten  von  Erlebtem). 

In  seiner  Schrift  ,, Modellieren  und  Zeichnen  in  der  Blindenschule“  aus  dem 
Jahre  1890  widmet  Simon  Heller  den  ästhetischen  Gefühlen  besondere 
Beachtung.  Wir  lesen  da  bei  ihm,  daß  sich  die  Vorstellungen  aus  der  Ver¬ 
bindung  mannigfacher  Empfindungen  ergeben,  so  daß  sie  also  auch  durch 
Gefühle  beeinflußt  werden,  die  er  „ästhetische  Elementargefühle“  nennt, 
in  solche  der  Zeit,  d.  h.  durch  das  Ohr  vermittelte,  die  beim  Blinden  (wenn 
ein  Vergleich  hier  zulässig  ist)  also  mindestens  denen  der  Sehenden  eben¬ 
bürtig  sind,  und  solche  des  Raumes,  auf  die  der  Blinde  im  allgemeinen 
verzichten  muß,  unterteilt. 

Im  Mittelpunkt  der  letzteren  steht  die  Gestalt,  durch  Gliederung  und  Verlauf 
der  Begrenzungslinien  wirkend.  Ästhetischer  Genuß  des  Raumes  kann  aber 
nach  seiner  Meinung  nur  durch  eine  gestaltungsfähige  Hand  vermittelt 
werden.  Seine  Folgerungen  daraus  liegen  auf  der  Hand. 

Zech  läßt  zu  der  Frage  der  Ästhetik  des  Tastens  (nur)  einen  Blind¬ 
geborenen  sprechen,  der  allein  durch  die  Materie  gegebene  Empfindungen 
gelten  läßt,  also  ästhetischen  Genuß  beim  Betasten  der  in  formbare  Materie 
geprägten  Darstellungen  ablehnt.  Als  gegenteilige  Äußerung  erwähnt  Zech 
dann  die  Meinung  Helen  Kellers,  die  „mit  überschwenglichen  Worten 
von  dem  hohen  Genuß,  den  ihr  die  schwellenden  Formen,  die  schön  ge¬ 
schwungenen  Linien  des  menschlichen  Gesichts  und  seiner  Nachbildung 
bereiten“,  spricht 6). 

Steinberg  meint,  „daß  Blindgeborene  plastische  Kunstwerke  nicht  un¬ 
mittelbar  als  Darstellung  seelischer  Zuständlichkeiten  und  Vorgänge  erleben 
können“,  weil  sie  „bloß  die  ausgeprägtesten  unwandelbaren  Momente“  des 
menschlichen  Antlitzes,  die  für  sie  nur  Raumgestalten  sind,  erfassen  können, 
die  Wahrnehmung  rein  räumlicher  Beziehungen  aber  schon  unzulänglich  ist, 
während  dem  Sehenden  „ein  Gesichtsausdruck  als  ein  Ganzes  unveränder¬ 
licher  und  wechselnder  Züge  unmittelbar  mehr  als  ein  einheitlicher  Komplex 
räumlicher  Verhältnisse“  ist,  dessen  Erleben  eben  ästhetischen  Genuß  aus¬ 
macht  7) . 

Auch  Bauer  äußert  sich  etwa  gleichlautend  zu  diesem  Thema:  „Ästhetische 
/JHtqualitäten  .  .  .  (Schönes,  Erhabenes,  Tragisches,  Komisches  usw.)  mit 
ihren  vielgestaltigen  psychischen  Wirkungen  .  .  .  (Staunen,  Verwunderung, 
Teilnahme  usw.)  sind  dem  Blinden  an  sich  allesamt  zugänglich“8),  was  von 

6)  Zech:  Erziehung  und  Unterricht  der  Blinden;  Danzig  1913,  S.  130. 

7)  W.  Steinberg:  Die  Raumwahmehmung  der  Blinden,  München  1920,  S.  148. 

8)  J.  I.  Bauer:  Hauptprobleme  der  Blindenpädagogik ;  Marburg/Lahn  1928,  S.  48. 


43 


den  Formqualitäten  —  Literatur,  Musik  und  mit  Einschränkungen  Archi¬ 
tektur  ausgenommen  —  nicht  der  Fall  ist.  „Die  Auswahl  des  Passenden  und 
Möglichen  und  die  Hinführung  dazu  erfolgt  unter  ausschließlicher  Be¬ 
achtung  des  physischen  Übels  der  Blindheit  und  der  psychologischen  Tatsache, 
daß  Gehörsinn  und  Tastsinn  das  ästhetische  Erlebnis  vermitteln  müssen“9). 

In  bezug  auf  die  Anfertigung  der  Lehrmittel  finden  wir  ebenfalls  immer 
wieder  die  Forderung  erhoben  nach  nicht  nur  guten,  sondern  auch  den 
Schönheitssinn  berücksichtigenden  Lehrmitteln.  Wir  erkennen:  Nicht  der 
Ausfall  des  Gesichtssinnes  ist  hier  Gegenstand  der  Betrachtung,  sondern  die 
durch  diesen  somatischen  Defekt  gegebenen  Beschränkungen  und  Modifi¬ 
kationen  im  Erleben,  in  der  Formung  des  Seins,  Wissens  und  Könnens. 

K  r  e  m  e  r  formuliert  zusammenfassend:  „So  schließt  Blindsein  das  Problem 
des  Lichtlosseins  in  sich.  Der  Blinde  lebt  sein  Leben  und  gestaltet  sein  Ich 
als  Lichtloser“10). 

Die  hier  aufgezeigten  Minderungen  im  Erleben  mit  all  den  oben  erwähnten 
Folgeerscheinungen  sind  aber  nicht  gänzlichem  Fehlen  gleichzusetzen.  Sie 
gehen  vielmehr  als  Wissensbestände  andersartiger  Herkunft  in  den  geistigen 
Besitz  des  Blinden  ein  und  werden  so  zu  Elementen  eines  andersartigen 
Aufbaues  der  Entwicklungsbedingungen  und  damit  des  Aufbaues  für  die 
Ich- Gestaltung.  (Vgl.  4.  Konstituante!) 

Blindsein  ist  Ertastenmüssen  n) 

Unter  den  dem  Blinden  verbleibenden  Sinnen  haben  die  haptischen  Sinnes - 
gebiete  (gemeint  sind  alle  nervösen  Organe  in  Haut,  Muskeln,  Geweben  und 
Gelenken,  die  durch  Berührung,  Druck,  Temperatur,  Vibration  oder  Be¬ 
wegung  affiziert  werden)  gesteigerte  Bedeutsamkeit;  denn  ihnen  kommen  im 
wesentlichen  „raumbildende  Qualitäten“  zu.  Durch  die  Tastsinnesgebiete 
tritt  der  Blinde  mit  dem  Außer-Ich  in  Verbindung,  durch  sie  gehen  ihm 
Wachstums-  und  Entwicklungsreize  zu,  erhalten  seine  Dispositionen  ihre 
inhaltliche  Ausfüllung,  wird  sein  räumliches  Gegenstandswissen  im  wesent¬ 
lichen  aufgebaut.  „Was  dem  Vollsinnigen  die  Sehdinge,  das  sind  dem  Blinden 
die  Tastdinge“ 1").  Unter  ihrer  Beihilfe  gestaltet  er  sein  subjektives  Erleben 
in  objektiven  Formen.  D.  h.,  „das  Sein,  Wissen  und  Können  des  Lichtlosen 
wird  so  in  weitgehendem  Maße  von  haptischem  Erleben  mitbestimmt“. 
Immer  werden  „neue  Gestaltungsbestände  durch  Vermittlung  der  haptischen 
Sinnesgebiete  eingegliedert  .  .  . ,  gehen  in  den  Altbesitz  immer  wieder  neue 
Relationen  haptischen  Charakters  ein.  So  wird  dieser  immer  wieder  in 
diesem  bestimmten  Sinnbezuge  einer  Neugliederung  und  Umordnung  teil¬ 
haftig,  ist  die  Höherentwicklung  aller  Bezüge  des  Ich,  ist  die  Hebung  des 
So-Seins-Niveaus  immer  wieder  haptisch  determiniert“12). 

9)  I.  J.  Bauer:  Hauptprobleme  der  Blindenpädagogik;  Marburg/Lahn  1928,  S.  48. 

10)  A.  Kremer:  a.  a.  O.,  S.  36. 

11)  A.  Kremer:  a.  a.  O.,  S.  36/39. 

-12)  A.  Kremer:  a.  a.  O.,  S.  37. 


44 


Hatte  man  in  den  Anfängen  der  Blindenbildung  unter  den  Restsinnen  dem 
Gehör  die  dominierende  Rolle  eingeräumt,  so  änderte  sich  das  im  Laufe  der 
Zeit  immer  mehr  zugunsten  des  Tastsinnes.  Die  Zwangsläufigkeit  des  Ertasten  - 
müssens  ist  etwa  von  dem  Zeitpunkt  der  planmäßig  einsetzenden  Blinden  - 
Psychologie  durchgehend  erkannt  und  dementsprechend  von  allen  Autoren 
berücksichtigt  worden.  Hier  sei  auszugsweise  wiedergegeben,  was  K.  Bürk- 
1  e  n  in  seiner  ,, Blindenpsychologie“13)  über  dieses  Thema  zusammengetragen 
hat. 

Auf  dem  Wege  zu  den  Raumvorstellungen,  die,  wie  bereits  erwähnt,  den 
wichtigsten  Problemkreis  für  die  Vorstellungswelt  des  Blinden  ausmachen, 
unterscheidet  Bürklen  zwei  Vorstellungsarten:  Die  Lage-  und  Be¬ 
wegungsvorstellungen.  Analog  dazu  unterscheiden  wir  zwei  Tastarten: 
passives  und  aktives  Tasten. 

Zu  den  Lagevorstellungen  bzw.  dem  passiven  Tasten  führt  Bürklen 
aus:  Wenn  der  Blinde  zwei  Punkte,  die  in  ihrer  Entfernung  voneinander  die 
Raumschwelle  (d.  i.  der  geringste  Abstand  der  beiden  Punkte,  in  dem  sie 
zahlenmäßig  richtig  erfaßt  werden,  der  aber  nicht  auf  allen  Hautpartien 
gleich  ist)  überschreiten  müssen,  einfach  berührt,  können  bereits  Entfernung 
und  Richtung,  mithin  also  eindimensionale  Gebilde  (Strecken)  aufgefaßt 
werden.  Aber  auch  die  Möglichkeit  der  Auffassung  zweidimensionaler  Ge¬ 
bilde  (Flächen)  ist  durch  bloße  Berührung  gegeben,  wenngleich  nicht  unbe¬ 
dingt  ein  Erkennen  der  Flächenbegrenzung,  gemeint  ist  das  Erkennen  der 
Flächenform,  damit  verbunden  sein  muß.  Schließlich  ist  im  passiven  Tasten 
durch  Umschließen  des  Tastobjektes  auch  noch  die  Erfassung  dreidimensio¬ 
naler  Raumgebilde  möglich.  Dieses  Tasten  bietet  nach  Th.  Helle  r14) 
aber  nur  ein  schematisches  Gesamtbild,  d.  h.,  der  Tastende  erkennt,  sofern 
das  Objekt  in  seiner  Größe  nicht  den  durch  beide  Hände  zu  umschließenden 
Handtastraum  überschreitet,  ob  es  rund  oder  eckig,  regelmäßig  oder  unregel¬ 
mäßig  ist.  Im  allgemeinen  erfolgt  die  Aufnahme  der  Tastempfindungen,  von 
den  Umschließungsbewegungen  abgesehen,  im  Ruhezustand. 

Binder  weist  den  Tastempfindungen  fünf  Merkmale  zu: 

1.  Tastqualität, 

2.  Lokalzeichen  (Bestimmung  der  Berührungspunkte  auf  der  Haut), 

3.  Intensität, 

4.  zeitliche  Dauer, 

5.  Räumlichkeit. 

Mit  dem  fünften  Punkt  wendet  er  sich  gegen  die  genetischen  Theorien,  nach 
denen  Raumvorstellungen  aus  Tast-  und  Bewegungsvorstellungen  entstehen, 
und  wendet  sich  nativistischer  Anschauung  zu,  die  den  Tastempfindungen 
sozusagen  a  priori  räumliche  Merkmale  zuspricht. 

Steinberg  glaubt,  daß  bei  der  bisher  genannten  Tastart  der  Tastende 
immer  auf  die  Form  (im  Höchstfälle  vier  Merkmale  feststellbar)  eingestellt 

13)  K.  Bürklen:  Blindenpsychologie;  Leipzig  1924,  S.  93  ff. 

14)  Th.  Heller:  Studien  zur  Blindenpsychologie;  Leipzig  1904,  S.  10  ff. 

45 


ist,  während  Tli.  Heller  den  Standpunkt  vertritt,  daß  die  Tastenden  sich 
vorwiegend  auf  die  Tastqualitäten  des  Tastobjektes  (Oberflächenbeschaffen¬ 
heit,  Temperatur)  konzentrieren. 

V  ir  halten  fest:  Lagevorstellungen  entstehen  durch  passives  Tasten,  das  nach 
Art  des  Verhaltens  der  Tastorgane  auch  ,, Ruhetasten“  oder  im  Hinblick  auf 
die  vermittelten  Empfindungen  als  ,, Drucktasten“  bezeichnet  werden  kann. 
Th.  Heller  nennt  es  unter  Berücksichtigung  des  einheitlichen  Eindrucks, 
den  es  von  dem  Gegenstand  vermittelt,  „synthetisches  Tasten“. 

Um  das  bereits  erwähnte  schematische  Gesamtbild  einer  Raumform  zu  ge¬ 
nauerer  Anschauung  zu  bringen,  bedarf  es  der  Bewegungsvorstellungen,  bei 
dem  sich  die  inneren  Bewegungsempfindungen  (in  Muskeln  und  Gelenken) 
den  äußeren  Tastempfindungen  (Feststellen  einzelner  Lokalisationspunkte) 
gegenüber  durch  größere  Schärfe  auszeichnen. 

Im  aktiven  Tasten  offenbart  sich  die  dominierende  Rolle  der  Hand  als  Tast¬ 
organ,  da  sie  im  sukzessiven  Wahrnehmungsgang  am  leichtesten  mit  den 
einzelnen  Teilen  des  wahrzunehmenden  Gegenstandes  in  Berührung  gebracht 
werden  kann. 

Th.  Heller  vertritt  nun  den  Standpunkt,  daß  weder  die  Lage  noch  die 
Bewegungsvorstellungen  raumbildende  Funktionen  haben,  sondern  diese  erst 
in  der  Assoziation  beider  gewonnen  werden. 

Das  aktive  bzw.  Bewegungstasten  nennt  Th.  Heller  wegen  der  Sukzes- 
sivität  im  Vahrnehmen  der  Einzelteile  eines  Ganzen  „analysierendes  Tasten“. 
Bei  der  Betastung  eines  Gegenstandes  unterscheidet  Th.  Heller  „abso¬ 
lutes  Tasten",  bei  dem  das  Tastorgan  an  den  Kanten  des  Tastobjektes  ent¬ 
langfährt,  also  absolute  Bewegungen  ausführt,  und  „relatives  Tasten“,  auch 
„Konvergenztasten“  genannt,  bei  dem  der  Daumen  zu  den  anderen  Fingern 
in  Oppositionsstellung  geht  —  bei  größeren  Tastobjekten  analog  die  Arme  — 
und  so  ein  Annähern  bzw.  Entfernen  (Konvergenz  und  Divergenz)  gegen¬ 
überliegender  Begrenzungslinien  festgestellt  wird. 

Steinberg  geht  demgegenüber  bei  dem  Tasten  nicht  von  der  Organ - 
leistung,  sondern  von  der  Reizeinstellung  aus  und  spricht  demzufolge  von 
„isoliertem“  und  „relativem“  Tasten.  Und  er  kommt  zu  dem  Schluß,  „daß 
Körper,  deren  Ausdehnung  über  den  weiteren  Tastraum  (gemeint  ist  nach 
Th.  Heller  der  beidarmig  zu  umschließende)  hinausgeht,  in  ihrer  Gesamt¬ 
heit  nicht  anschaulich  erfaßbar  sind"15).  Nur  Einzelteile  bringen  adäquaten 
Ausdruck,  insgesamt  entstehen  jedoch  nur  Surrogatvorstellungen  (vgl. 
4.  Konstituante  „Dingflucht“  —  und  5.  Konstituante!),  da  der  „konstante 
Punkt  (d.  i.  der  Körper  des  Tastenden),  auf  den  die  Bewegungsphasen  an¬ 
schaulich  bezogen  werden“15),  bei  Ortswechsel  des  Tastenden  fehlt. 

Th.  Heller  wählt  für  die  Aufteilung  des  durch  die  Blinden  wahrzuneh¬ 
menden  gesamten  Tastraumes  die  Bezeichnungen  „engerer“  und  „weiterer 

15)  Steinberg,  zitiert  nach  Bürklen,  a.  a.  O.,  S.  103. 


46 


Tastraum“  (mit  beiden  Händen  umschließbar  und  durch  die  bewegten  Arme 
gegeben).  Bürklen  schlägt  vor:  Handtastraum  —  Armtastraum  —  und  den 
darüber  hinausgehenden  Körpertastraum. 

Innerhalb  des  Bewegungstastens  stellte  man  eine  gewisse  Konformität  in  den 
Tastabläufen  der  Mehrzahl  der  tastenden  Blinden  fest.  Diese  Tatsache  ent- 
springt  nach  Th.  Heller  dem  ,, Gesetz  der  einfachsten  Innervation“,  d.  h., 
alle  erschwerenden,  krafterfordernden  Bewegungen  werden  vermieden. 

S.  Heller  vertritt  die  Auffassung,  daß  die  durch  das  Tasten  erworbenen 
Vorstellungen  dem  Blinden  im  Effekt  ähnliche  Bausteine  für  die  Gegen¬ 
stands-  und  Raumvorstellungen  sind  wie  die  des  Vollsinnigen  durch  die 
Funktion  des  Sehens  erworbenen.  ,, Dieser  Parallelismus  ist  ein  gegebener 
und  tritt  um  so  deutlicher  und  wirkungsvoller  hervor,  je  mehr  der  Tastsinn 
zum  Zwecke  der  zielbewußten  Wahrnehmungsfähigkeit  ausgebildet  wird“16). 
Das  Tasten  muß  also  in  einer  Weise  ausgebildet  werden,  „welche  seiner 
physiologischen  Eigenart,  wie  seiner  geistbildenden  Aufgabe  in  gleicher 
Weise  entspricht“16).  Zur  geistbildenden  Aufgabe  wird  das  Tasten  aber  erst 
dann,  wenn  der  Tastende  lernt,  die  Druckempfindungen  den  Bewegungs- 
empfindungen  unterzuordnen;  denn  in  den  letzteren  sind  die  beiden  Haupt¬ 
formen  der  Anschauung,  die  räumliche  und  zeitliche,  miteinander  vereint. 
Art  und  Wert  werden  durch  Willensakte  bestimmt.  Und  er  fordert: 
,,.  .  .  der  Tastakt  muß  nach  einem  vorher  erwogenen  und  festgestellten,  von 
logischen,  mathematischen  und  ästhetischen  Motiven  beeinflußten  Plan  von 
der  ersten  Bildungsstufe  an  vollbracht  werden“17).  (Vgl.  hierzu  S.  3  „Model¬ 
lieren  und  Tasten“.) 

Zusammenfassend  stellen  wir  mit  Krem  er  fest:  „Die  psycho -physischen 
Geltungsbestände  der  Tastsinnesgebiete  sind  ....  für  den  Aufbau  der 
Rlinden-Persönlichkeit  von  ausschlaggebender  Bedeutsamkeit,  sodaß  eine 
Sondergestaltung  der  psychophysischen  Struktur  des  Ertastenden  damit 
grundgelegt  erscheint“18).  Und  K  r  e  m  e  r  formuliert:  „So  schließt  Blindsein 
auch  immer  das  Problem  des  Ertastenmüssens  ein:  Der  Blinde  lebt'  sein 
Leben  und  gestaltet  sein  Ich  als  lichtloser  Ertasten-Müssender“18). 

Blindsein  ist  erhöhtes  Angewiesensein  auf  die  Restsinne19). 

Hier  sind  gemeint  die  nach  Ausfall  des  Gesichtssinnes  und  Berücksichtigung 
des  Getasts  verbleibenden  Restsinne.  Sie  sind,  sofern  es  sich  nur  um  das 
Gegenstands bewußtsein  handelt,  „bei  der  Gewinnung  elementarer  räumlich¬ 
keitsbezogener  Erkenntnisse“  von  relativ  geringfügiger  Bedeutung  als  Ent¬ 
wicklungsbedingtheit  in  der  Blindseinsstruktur,  weil  sie  für  den  Blinden  nur 
wie  für  den  Sehenden  in  Betracht  kommen. 

16)  S.  Heller,  zitiert  nach  Bürklen,  a.  a.  O.,  S.  104. 

17)  S.  Heller,  zitiert  nach  Bürklen,  a.  a.  O.,  S.  105. 

18)  A.  Kremer:  a.  a.  O.,  S.  39. 

39)  A.  Kremer:  a.  a.  O.,  S.  39/43. 


47 


Der  Überbetonung  der  raumbildenden  Funktion  des  Gehörs  war  schon  Th. 
Heller  mit  der  Feststellung  entgegengetreten,  daß  sie  nur  von  sekundärer 
Bedeutung  sei  insofern,  als  der  Gehörsinn  in  ,, assoziative  Beziehung  zu  den 
Raumsinnen  zu  treten  vermag“  und  darüber  hinaus  als  Fernsinn  wichtig 
ist,  ohne  jedoch  bindende  Aussagen  über  Raumgestaltung  machen  zu  können; 
denn  ,,die  räumlichen  Eigenschaften  dieses  Sinnes  sind  sämtlich  hervor¬ 
gegangen  aus  der  innigen  Assoziation  mit  Tastwahrnehmungen“.  (Vgl. 
hierzu  Th.  Heller:  Studien  .  .  .,  S.  100  ff.!) 

Anders  wird  es,  wenn  wir  die  Sphäre  des  Zwstartßfobewußtseins  meinen.  Dann 
greift  die  Aufgabenübertragung  an  andere  Sinnesgebiete  „bis  an  die  Wurzeln 
des  So-Seins  und  So-Werdens  des  Lichtlosen“.  Gedacht  ist  hierbei  besonders 
an  das  ästhetische  Erleben  und  Gestalten  von  Werken  der  Dicht-  und  Ton¬ 
kunst,  also  an  die  Ich -Gestaltung  des  Blinden  durch  Daten  des  akustischen 
Sinnesgebietes.  Vergessen  wir  aber  nicht,  daß  Quantität  und  Artqualität,  in 
ihrem  Gefolge  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  auch  die  Wertqualität  des  ge¬ 
samten  ästhetischen  Erlebens,  anders  sind  als  beim  Vollsinnigen. 

Wie  das  ästhetische  Erleben  basiert  im  wesentlichen  auch  das  sinnenbezogene 
soziale  Erleben  (Gemeinschaften  aller  Art)  auf  dem  Hörsinn. 

Im  Rahmen  dieser  Konstituante  soll  im  besonderen  das  Gehör  eingehender 
bewertet  werden,  und  zwar,  wie  eingangs  erwähnt,  als  das  psycho -physische 
Sein,  Wissen  und  Können  determinierende  Entwicklungsbedingtheit. 

Bürklen  sagt  in  der  Einleitung  zu  diesem  Thema:  „Die  Gehörsvor¬ 
stellungen  sind  die  ersten  und  häufigsten  Vorstellungen,  welche  der  Blinde 
von  Kindheit  an  unbehindert  zu  erwerben  in  der  Lage  ist.  Sie  bilden  sich 
bei  ihm  auch  in  derselben  Weise  wie  beim  Sehenden“20).  Ihre  Bedeutung 
liegt,  das  ist  ohne  weiteres  einsichtig,  auf  den  Gebieten  der  Sprache  und  der 
Musik. 

„Die  Gehörswahrnehmungen  sind“,  so  schreibt  S.  Heller,  „unbestritten 
die  reichste  und  ergiebigste  Quelle  für  das  Empfindungsleben  .  .  .  und  auch 
die  intellektuelle  Bildung“21).  Und:  „Den  größten  Zauber,  den  uns  das  Auge 
verschafft,  indem  es  uns  zur  Unendlichkeit  hinanzieht  und  uns  so  im  Bilde 
erscheinen  läßt,  was  ewig  und  erhaben  ist,  verschafft  dem  Blinden  die 
Gehörswahrnehmung,  welche  dem  Lichtberaubten  die  Unendlichkeit  her¬ 
niedersenkt“21). 

Bauer  sagt  zu  diesem  Fragenkomplex:  In  den  Bezirken  des  Ästhetischen 
und  der  Ästhetik  „kommt  es  zu  einer  rein  persönlichen,  subjektiven  Aus¬ 
einandersetzung,  wenn  den  zu  Erziehenden  Werte  und  Gebiete  des  Schönen 
.  .  .  erschlossen  werden  sollen:  Hier  obwaltet  Gemüt  und  Intuition  (Er¬ 
findungsgabe),  obschon  einer  gesunden  Verstandeskritik  nicht  entraten  werden 
kann“22).  Musik  und  Literatur  sind  dem  Blinden  restlos  erschlossen. 

20)  K.  Bürklen:  a.  a.  O.,  S.  84. 

21)  S.  Heller,  zitiert  nach  Bürklen:  a.  a.  O.,  S.  88. 

22)  J.  I.  Bauer:  a.  a.  O.,  S.  47. 


48 


Wohlklang  und  Rhythmus  dürfen  ihn  aber  nicht  zu  Sentimentalität  und 
Rührseligkeit  verleiten,  sondern  er  muß  durch  , , ästhetische  Selbsterziehung 
so  weit  gebracht  werden,  daß  er  ermessen  kann,  mit  welchen  inneren  und 
sachlichen  Voraussetzungen  und  Erwartungen  er  an  die  einzelnen  Kunst¬ 
werke  und  -formen  herantreten  darf“23). 

Aber  nicht  nur  in  Literatur  und  Musik,  sondern  auch  in  der  Beziehung  des 
blinden  Ich  zum  Du  bzw.  Ihr  haben  die  Gehörsvorstellungen  große  Bedeu¬ 
tung,  sind  sie  von  sinnenbezogenem  sozialen  Gepräge.  Hier  soll  also  die 
Stellung  des  Blinden  in  und  zu  der  Gemeinschaft  bzw.  zu  dem  Einzel-Du 
durch  „Beurteilung  des  Gemütszustandes,  Charakters  und  selbst  der  äußeren 
Persönlichkeit  von  Mitmenschen  durch  deren  Stimme  und  Sprache“  bedacht 
werden.  —  Sanftheit,  Annehmlichkeit,  Klangfarbe,  ganz  allgemein:  die 
Stimme  als  Ausdruck  seelischer  Erregungen  und  Gefühle  ist  ihm  häufig 
Gradmesser  in  der  Beurteilung  seines  Gegenübers. 

Th.  Heller  zählt  all  diese  Vorstellungen,  die  sich  der  Blinde  von  seinen 
Mitmenschen  bildet,  zu  den  Surrogatvorstellungen  (s.  4.  Konstituante!). 

B  ü  r  k  1  e  n  zitiert  an  dieser  Stelle  einen  Blinden:  „Der  Ton  verrät  den 
Menschen  und  zeigt  ihn,  wie  er  ist  ...  Du  bewegst  dich,  du  hustest  .  .  .  ; 
das  genügt  für  ihn,  um  zu  wissen,  daß  einer  da  ist,  oft  sogar,  wer  da  ist; 
du  sprichst,  o,  du  bist  verraten.  Eine  Person  erkennt  man  an  der  Stimme 
fast  ebensogut  als  am  Gesicht;  die  Stimme  verändert  sich  weniger“24). 

Schon  früh  hatte  der  Streit  der  Meinungen  darüber  eingesetzt,  ob  in  einer 
fiktiven  Welt  nur  Blinder  die  Sprache  eine  andere  wäre,  als  sie  es  in  der 
bestehenden  Gemeinschaft  der  Sehenden  ist.  In  letzter  Zeit  scheint  sich  die 
Waage  zugunsten  des  „Nein“  zu  neigen.  Nehmen  wir  hierzu  stellvertretend 
die  Ansicht  von  P  e  t  z  e  1 1 ,  daß  der  sprachliche  Ausdruck  den  Charakter 
der  Unanschaulichkeit  trägt,  mithin  die  Sprache  dem  Blinden  das  gleiche 
Ausdrucksmittel  ist  wie  dem  Sehenden,  wenn  er  nur  richtige  Bedeutungs- 
beziehungen  gewonnen  hat,  auch  wenn  sie  nicht  durch  Wahrnehmungen  zu 
erlangen  sind  (vgl.  hierzu  5.  Konstituante!). 

Von  geringerer  Bedeutung,  aber  dennoch  erwähnenswert  ist  die  Tatsache, 
daß  Tastsinneserlebnisse  auch  durch  gleichzeitig  auftretende  Empfindungen 
und  Vorstellungen  anderer  Sinnesgebiete  beeinflußt  werden  können  (Gehörs - 
phänomene  beim  Beklopfen,  Streichen  usw.,  spezifische  Düfte  u.  a.  m.) 

Krem  er  faßt  das  Wesen  dieser  Konstituante  wie  folgt  zusammen:  Das 
gesteigerte  Angewiesensein  auf  die  Restsinne  ist  ausschlaggebend  für  ein 
„elementares  Erleben  der  Lust  oder  Unlust  und  auch  für  die  Gestaltung 
der  sogenannten  höheren,  inhaltgebundenen  Gefühle  ....  Der  Gesamt- 
Aufbau  der  Gefühlswelt  des  Blinden“  ist  mithin  durch  die  erwähnten 
„Sinnesgebiete  mehr  mitbestimmt  als  bei  Vollsinnigen“25).  „Wegen  seiner 

2®)  Ebenda,  S.  51. 

24)  Sizeranne,  zitiert  nach  Bürklen,  a.  a.  O.,  S.  91. 

49 


(des  Blinden)  Beschränkung  in  seiner  Sinnestätigkeit  wird  er  immer  wieder 
v  on  den  genannten  Sinnesaffektionen  und  deren  psychischen  Korrelaten  bei 
der  Neu-  und  Einordnung  seiner  Seins-,  Wissens-  und  Könnensform  mehr 
beeinflußt  als  vollsinnige  Menschen“20). 

Und  darum:  ,, Blindsein  schließt  also  immer  auch  das  Problem  der  gesteiger¬ 
ten  Bedeutsamkeit  des  Gehörs-,  Geruchs-  und  Geschmackssinnes  in  sich: 
Der  Blinde  lebt  sein  Leben  und  gestaltet  sein  Ich  als  einer,  dessen  Persön¬ 
lichkeitsgestaltung  von  den  Phänomenen  der  genannten  Sinnesgebiete  mehr 
mitbestimmt  ist  als  die  anderer  Menschen“26). 

Blindsein  ist  geringere  Anschaulichkeit  des  Gegenstandswissens 27). 

Es  verbleibt  noch  ein  großer  Restbezirk  des  Zu-Wissenden,  der  durch  die 
Restsinne  nicht  zu  bewältigen  ist,  also  sinnlich  nicht  erfaßt  werden  kann 
(Zeichnungen,  gleichwertige  Verhältnisse  an  Natur-  und  Kulturobjekten, 
zu  große  und  zu  kleine  räumliche  Gebilde,  komplizierte  oder  gefährliche 
Bev\  egungsabläufe).  Kommt  erschwerend  hinzu,  ,,daß  der  Tastsinn  langsamer 
perzipiert,  nicht  so  oft  Gelegenheit  findet,  sich  erkennend  um  die  Gegen¬ 
ständlichkeiten  zu  bemühen;  daß  ihm  viele  Dinge  zur  ertastenden  Berührung 
nicht  zur  Verf  ügung  stehen,  und  daß  Ertastung  jedesmal  eine  Willenshand - 
lung  darstellt  ).  Lind:  Der  Tastsinn  ist  im  Gegensatz  zum  Sehsinn  ein 
Nahsinn!  Die  Fernsinne  (Gehörs-  und  Vibrationssinn),  die  dem  Blinden  zur 
\  erfügung  stehen,  können  ihm  nicht  in  allen  Fällen  Wahrnehmungen  mit 
räumlichen  Qualitäten  vermitteln.  Und  doch  kann  der  Blinde  ein  „Wissen“ 
um  sie  haben. 

In  den  Fällen,  da  der  Blinde  räumliche  Gegenständlichkeiten  nicht  in  ihrem 
ganzen  „So-Sein  erfassen  kann,  begnügt  er  sich  mit  sog.  Surrogatvorstellun¬ 
gen,  Ersatzvorstellungen.  Solche  müssen  sie  auch  dann  sein,  wenn  teilsinn¬ 
liche  Anschauungen  durch  geistige  Anschauung  erweitert  werden,  da  letztere 
auch  schon  Surrogate  sind.  An  die  Stelle  des  Wahrnehmungswissens  tritt 
unanschauliches  Bedeutungswissen.  „Der  Blinde  hat  ein  M  issen  darum,  was 
dieses  oder  jenes  Phänomen  dem  Sehenden  bedeutet“-,  er  besitzt  „ein  Wissen 
um  den  absoluten  Sinngehalt  dieses  Wissensbestandes“,  mit  dem  er  „voll¬ 
gütige  Wissens-  und  Denkfunktionen“  vollzieht.  „Surrogatvorstellungen 
und  Bedeutungswissen  bedeuten  innerhalb  der  So-Seins-Form  gegenüber  dem 
Anschauungswissen  Inhalte  von  geringerer  Intensität  und  von  anderer  Art- 
und  Wertqualität“29). 

Irgendwie  muß  der  Zwiespalt  zwischen  dem  unanschaulichen  Zu-Wissenden 
und  dem  Wissen -Müssen  darum  überbrückt  werden.  Es  ist  das  Verdienst 
von  Hitschmann,  auf  eine  Spezies  von  Phantasievorstellungen  hin¬ 
gewiesen  zu  haben,  auf  die  von  ihm  benannten  „Surrogatvorstellungen“. 

25)  A.  Kremer:  a.  a.  O.,  S.  42. 

26)  A.  Kremer:  a.  a.  O.,  S.  42. 

27)  A.  Kremer:  a.  a.  O.,  S.  43/45. 

28)  A.  Kremer:  a.  a.  O.,  S.  44. 

29)  A.  Kremer:  a.  a.  O.,  S.  45. 


50 


Die  Sprache  der  Sehenden  besitzt  eine  Unzahl  von  Bezeichnungen,  deren  Vor¬ 
stellungsinhalte  der  Blinde  vollanschaulich  nicht  erfassen  kann.  Die  durch 
Tasten  gewonnenen  Eindrücke  sind  nach  Hitschmann  vielfach  von  zweifel¬ 
haftem  W  ert,  da  Größen-  und  Lageverhältnisse  sowie  die  Formen  nicht 
voll  zu  erkennen  sind.  In  Konsequenz  seiner  Anschauung  empfahl  er,  auf  ein 
Streben  nach  unerreichbaren  Sinnesdaten  zu  verzichten  zugunsten  von 
spekulativ  erreichbaren  \  orstellungen  von  Dingen  und  Vorgängen  der  Um- 
v  eit.  Hitschmann  spricht  diesen  Surrogatvorstellungen  erhöhte  Bedeutung 
zu;  ja,  sie  sind  für  ihn  überhaupt  der  Schwerpunkt  des  geistigen  Lebens  der 
Blinden.  Die  geistigen  Fähigkeiten  der  Blinden  hängen  nach  ihm  ab  von 
der  Freiheit  und  Raschheit  des  Spieles  der  Surrogatvorstellungen. 

Er  unterscheidet  2  Gruppen  von  Surrogatvorstellungen :  Solche  von  nicht 
oder  nicht  erschöpfend  wahrnehmbaren  Objekten  und  solche,  von  denen  der 
phänomenale  Repräsentant  (hervorstechendes  Merkmal)  als  Element  eines 
Denkzusammenhanges  genügt. 

Schon  1876  hatte  S.  H  e  1 1  e  r  in  seinem  Referat  über  das  ,, Prinzip  der  Un¬ 
mittelbarkeit“  darauf  hingewiesen,  daß  der  Blinde  bemüht  ist,  Lücken,  die 
bei  sinnlichem  Erkennen  geblieben  sind,  mit  Hilfe  der  Phantasie  zu  schließen. 
Was  der  Blinde  oft  ohne  Schuld  nicht  begreift,  darüber  hilft  ihm  die  Phan¬ 
tasie  bereitwilligst  hinweg.  Diese  Phantasie-Vorstellungen  entsprechen  in 
nichts  der  Wirklichkeit.  Was  Bildung  werden  sollte,  ist  Einbildung  ge¬ 
worden.  In  seinem  Referat  ,, Blindenbildung  in  ihrer  Beziehung  zum 
Leben  weist  er  nochmals  ausdrücklich  auf  die  Notwendigkeit  einer  realen 
Grundlage  des  Unterrichts  hin,  um  inhaltsgefüllte  Vorstellungen  zu  erzeugen. 
Inhaltsleere  Wörter  führen  zu  Phantasievorstellungen,  die  Heller  später 
,, Einbildungsvorstellungen"  und  schließlich  mit  dem  von  Hitschmann  ge¬ 
prägten  Ausdruck  „Surrogatvorstellungen“  nennt. 

Th.  Heller  hat  sich  ebenfalls  mit  den  Surrogatvorstellungen  auseinander¬ 
gesetzt  und  führt  sie  auf  den  Zwiespalt  zurück,  der  „zwischen  der  Beschränkt¬ 
heit  der  sinnlichen  Erkenntnis  der  Blinden  und  dem  Reichtum  an  Bezeich¬ 
nungen  in  der  Sprache  der  Sehenden  besteht",  derer  sich  der  Blinde  als  Glied 
der  Gemeinschaft  Sehender  bedienen  muß.  „Indem  die  Ausdrucksweise  des 
Sehenden  den  Blinden  immer  von  neuem  auf  die  Lücken  in  seiner  Vor¬ 
stellungswelt  aufmerksam  macht,  ergibt  sie  einen  wichtigen  Ansporn  für  die 
Phantasie-  und  Verstandestätigkeit  des  letzteren“30). 

Einen  wichtigen  Beitrag  zu  diesem  Thema  hat  P  e  i  s  e  r  gebracht,  indem 
er  nachwies,  „daß  der  Blinde  dem  ihm  in  der  Anschauung,  insbesondere  in 
der  taktilen  Wahrnehmung,  gegebenen  realen  Gegenstand  mehr  Aufmerk¬ 
samkeit  zuwendet  als  der  Sehende,  ihn  dann  aber  leichter  verläßt,  so  daß  er 
auch  dort  mit  Erinnerungsbildern  operiert,  wo  der  Sehende  noch  auf  die 
Anschauungen  selbst  als  Hilfen  bei  Aufgabenlösungen  zurückgreift.  Dieses 
Verhalten  .  .  .  muß  aus  der  allgemeinen,  durch  das  Fehlen  des  für  das 
psychische  Leben  der  Sehenden  ausschlaggebenden  Distanzorgans,  des  Auges, 

30)  Th.  Heber:  a.  a.  O.,  S.  122. 


51 


bedingten  Einstellung  der  Blinden  der  gesamten  Sinnenwelt  gegenüber  ver¬ 
standen  werden.  Dem  Blinden  drängen  sich  die  Sinneseindrücke  nicht  in 
gleicher  Anzahl  auf,  wie  dem  Sehenden,  er  ist  ferner  gewöhnt,  daß  sie  ihm 
nicht  oft  begegnen.  Die  gesunde  Psyche  des  Blinden  wird  darum  aus  ein¬ 
fachem  Selbsterhaltungstrieb  heraus  die  Eindrücke  gieriger  einfangen  und 
energischer  festhalten,  sobald  sie  sich  das  erste  Mal  darbieten  und  sie  ihn 
zur  Lösung  von  Aufgabenstellungen  zwingen  ....  Der  Blinde,  der  einen 
Gegenstand  gründlich  abgetastet  hat,  braucht  diesen  selbst  nicht  mehr;  er 
begnügt  sich  mit  der  Vorstellung,  die  durch  Reproduktion  oder  Perseveration 
gefestigt  wird  ....  Er  stützt  sich  dann  aus  Gewohnheit  auch  dort  auf  Vor¬ 
stellungen,  wo  er,  ähnlich  wie  der  Sehende,  ganz  mühelos  auf  Sinneswahr¬ 
nehmungen  zurückgreifen  könnte;  so  flieht  er  schließlich  die  Dinge,  die  ihm 
ja  sonst  vielfach  entfliehen.  Einen  Ausfall  für  das  psychische  Leben 
muß  solch  eine  Dingflucht  dann  bedeuten,  wenn  die  Vorstellungen  Erinne¬ 
rungsbilder  von  unvollständigen  Wahrnehmungen  sind  und  dann  gar  noch 
durch  die  Phantasie  verändert  werden.  Solche  Vorstellungen  müssen,  da  sie 
sich  nur  ausnahmsweise  an  Wahrnehmungen  verstärken  und  korrigieren 
können,  zu  Surrogatvorstellungen  werden“31). 

Zech  wirft  die  Frage  auf,  ob  nicht  die  Gefahr  besteht,  daß  sich  jeder 
Blinde  für  ein  und  dasselbe  Objekt  ein  eigenes  Surrogat  schafft,  wodurch 
weder  eine  Gemeinschaft  Blinder  noch  eine  solche  zwischen  Blinden  und 
Sehenden  möglich  wäre,  da  die  Sprache  als  Ausdruck  des  Gewußten  unter¬ 
schiedlichen  Sachverhalten  entspränge. 

Steinberg  sieht  den  Einfluß  der  Surrogatvorstellungen  auf  das  Seelen¬ 
leben  nur  dort  gegeben,  wo  es  sich  nicht  um  das  Verständnis  von  Begriffen, 
die  letztlich  auch  Surrogate  sind,  sondern  um  Wahrnehmungen  handelt,  die 
der  Blinde  nicht  vollziehen  kann. 

Wir  fassen  mit  Krem  er  zusammen:  ,, Blindsein  begreift  so  das  Problem 
der  vermehrten  Unanschaulichkeit  des  Gegenstandsbewußtseins  in  sich:  Der 
Blinde  lebt  sein  Leben  und  gestaltet  sein  Ich  als  einer,  dem  die  anschauliche 
Grundlage  des  Wissens  mehr  mangelt  als  dem  Sehenden“32). 

Blindsein  bedeutet  Einwirkungen  auf  den  Blinden 
aus  dem  Zusammenleben  mit  Sehenden  33). 

In  einer  fiktiven  Welt  nur  Blinder  wären  So -Seins -Form,  Zivilisation, 
Sprache,  Sitten  und  Gebräuche  und  die  Kulturschöpfungen  andersartig  als 
sie  es  in  der  menschlichen  Gemeinschaft  Sehender  sind.  „Mit  dem  und  durch 
das  Zusammenleben  mit  Sehenden  und  durch  die  formenden  Momente,  die 
darin  einbeschlossen  sind“34),  sind  Entwicklungsbedingtheiten  gesetzt,  die 
wesentlich  auf  die  So-Seins-Form  des  Blinden  einwirken.  „So  gewinnt  die 
Wissenserwerbung  Blinder  eine  eigentümliche  Nuancierung  durch  die  modi- 

31)  A.  Peiser:  Untersuchungen  zur  Psychologie  der  Blinden;  Göttingen  1924,  S.  149/150. 
s2)  A.  Kremer:  a.  a.  O.,  S.  45. 

Ebenda,  S.  45/49. 

34)  Ebenda'  S.  46. 


52 


fizierte  Art,  Gegenstände  der  haptischen  Erfahrung  nicht  nach  rein  hap¬ 
tischen,  bzw.  Erkenntnisse  nichtsinnlichen  Relationsvollzuges  nicht  nach  rein 
nichtsinnlichen,  sondern  auch  nach  den  durch  das  Verstehen  der  Sehenden 
gegebenen,  also  nach  optisch-bezogenen  Kriterien  zu  bestimmen“30).  Wie  der 
Sehende  weiß,  daß  er  nicht  nur  etwas  erfahren,  sondern  daß  er  es  optisch 
erfahren  hat,  so  muß  der  Blinde  um  die  durch  seine  Ausfallserscheinungen 
bedingte  Nichtwahrnehmbarkeit  bzw.  andersartige  Wahrnehmbarkeit  von 
Gegenständlichkeiten  wissen. 

Hier  nun  soll,  um  den  gesamten  Fragenkomplex  auf  eine  breitere  Grundlage 
zu  stellen  und  ihn  so  einsichtiger  zu  gestalten,  auf  die  Schrift  von  P  e  t  z  e  1 1 
,, Konzentration  bei  Blinden“  eingegangen  werden. 

Was  versteht  er  unter  ,, Konzentration“  ?  —  Sie  ,,ist  die  Vereinigung  des 
Vielen,  was  der  Unterricht  darbietet,  in  der  werdenden  Person  des 
Zöglings“36). 

,,Die  Theorie  der  Pädagogik  ist  die  Theorie  alles  dessen,  was  zu  überliefern 
ist“37).  In  bezug  auf  den  Blinden  heißt  das:  ,,Sein  Wissen  ist  Aufgaben¬ 
wissen  genau  so  wie  beim  Sehenden.  Darum  urteilt  der  Blinde,  wenn  er 
versteht,  darum  lernt  er  wie  der  Sehende.  Sein  Wissen  ist  präsent,  seine 
Aufgabenlösung  der  gleichen  Pflicht  der  Rechtfertigung  unterworfen.  Der 
Blinde  gliedert  sich  in  die  Gemeinschaft  Sehender  ein,  weil  sie  die  Gemein¬ 
schaft  der  um  Gültiges  Wissenden  darstellt  ,..“38).  ,, Darum  fordert  der 
Zustand  der  Blindheit  für  den  Schulbetrieb  ein  Wissen  um  die  Aufgaben  der 
Sehenden  und  den  Grad  ihrer  Lösungsfähigkeit  unter  den  spezifischen  Be¬ 
dingungen  der  Lichtlosigkeit“39). 

Demnach  ist  Konzentration  Wissensgestaltung,  also  Lernen.  Gelerntes  muß 
einem  Geltungsbereich  eingegliedert  werden,  d.  h.,  es  muß  Wahrheit  selbst 
oder  wahrheitsbezogen  sein.  Dieser  Forderung  unterliegt  im  Wissen  auch 
der  Blinde! 

,,Der  beim  Blinden  vorliegende  Verlust  einer  Sinnesmodalität  bezieht  sich 
auf  nicht  wahrgenommene,  oder  genauer  gesagt,  auf  nicht  wahrnehmbare 
Räumlichkeit“40).  Das  ist  das  Problem  des  Blindenunterrichts.  Der  Blinde 
muß  den  Raum  im  Tastakt  erleben,  um  ihn  verstehen  zu  können.  Lesen  wir, 
wie  Petz  eit  das  Tasten  begrifflich  definiert:  ,, Kommen  Raumerlebnisse, 
d.  h.  psychische  Gebilde,  die  sich  auf  eine  Ordnung  im  Nebeneinander  be¬ 
ziehen,  zustande,  die  durch  die  Relation  Zugleich  —  Hier,  bezogen  auf 
meinen  Körper,  bedingt  sind,  dann  spreche  ich  vom  Tasten“41). 

35)  A.  Kremer:  a.  a.  O.,  S.  47. 

36)  A.  Petzelt:  Konzentration  bei  Blinden;  Leipzig  1925,  S.  3. 

37)  Ebenda,  S.  1. 

38)  Ebenda,  S.  82. 

39)  Ebenda,  S.  84. 

40)  A.  Petzelt:  Vom  Problem  der  Blindheit;  Erfurt  1931,  S.  51. 

41)  A.  Petzelt:  Konzentration,  S.  56. 


53 


In  der  Relation  ,, Zugleich  Hier  offenbart  sich  uns  die  Zeit  zweifach 
gegliedert:  In  der  Gleichzeitigkeit  und  in  der  Folge,  in  der  Simultan eität  und 
dei  Sukzessiv  ität.  Sehen  und  Tasten  sind  immer  Erlebnisse  räumlicher  Glie¬ 
derung,  also  im  Nacheinander.  Dieses  Nacheinander  aber  ist  nicht  im  Sinne 
physikalisch  meßbarer  Zeit,  sondern  als  psychischer  Akt,  als  ein  Zugleich 
in  der  Vereinigung  der  Vergangenheit  und  der  Gegenwart  in  der  Einheit 
des  Ich  mit  Blick  auf  Künftiges  zu  verstehen.  Diese  Funktion  der  Psyche 
nennt  Petz  eit  ,, Präsenz  im  Ich“. 

Sehen  und  Tasten  stellen  nun  zwar  unterschiedliche  Modalitäten  im  Akte 
der  Erfassung  dar,  unterliegen  aber  einer  Funktion,  nämlich  der  der 
psychischen  Piäsenz.  Indem  also  das  Ich  Reize  erlebt  und  sich  zu  eigen 
macht,  setzt  es  einmal  im  „Verstehen  .  .  .  Beziehungen  innerhalb  der 
Gliederungspunkte  des  Reizeindruckes,  dann  aber  auch  Beziehungen  zum 
Gehabten!'*4").  Das  gilt  für  das  Tasten  wie  für  das  Sehen.  Der  Unterschied 
liegt  lediglich  in  der  Strukturverschiedenheit  der  Erlebnisgliederung,  die 
sich  aus  der  zeitlichen  Distraktion  der  jeweiligen  Wahrnehmungsakte,  durch 
die  die  Wahrnehmungsrelationen  anders  gegliedert  sind,  erklären  lassen. 
Das  W  issen  der  Blinden  ist  immer  ein  „Zugleichseinmüssen“  einzelner 
Elemente,  ein  „Ineinssetzen“  voneinander  unabhängig  erlebter  Abfolgen; 
denn  „simultane  Auffassung  heißt  nie  Momenterfassung  in  meßbarer  Zeit, 
sondern  bezieht  sich  immer  auf  ein  psychisches  Zugleich.  Für  die  Präsenz¬ 
zeit  ist  weder  ein  optimales  noch  maximales  Maß  noch  ein  Generalwert 
festzulegen,  weil  sie  eine ,  weil  sie  immer  ist“43). 

Wir  erkennen:  Sehen  wie  Tasten  muß  der  gleiche  Charakter  der  Produktion 
zuerkannt  werden,  aber  unter  dem  Gesichtspunkt,  daß  das  Wissensmotiv  im 
Falle  der  \  ollsinnigkeit  sein  Recht,  im  Falle  der  Blindheit  seine  Abwandlung 
fordert  (vgl.  „Vom  Problem  der  Blindheit“!). 

Welches  ist  nun  die  Eigengesetzlichkeit  des  Tastens  Blinder? 

Ein  Erleben  findet,  das  war  bereits  sinngemäß  angedeutet,  immer  unter  dem 
System  aller  Sinnesmodi  statt,  auch  dann,  wenn  infolge  somatischer  Defekte 
nicht  alle  Sinnesgebiete  aktualisierbar  sind.  Jeder  Gegenstand  ist  in  der 
Wahrnehmung  unabhängig  von  den  Empfindungen,  er  bezieht  sich  nur  auf 
sie.  Das  bedeutet,  die  Funktion  der  Geltung,  die  im  Wissenkönnen  auch  den 
Blinden  einschließt,  bewirkt  die  Unabhängigkeit  des  Gegenstandes  von  et¬ 
waigen  Ausnahmebedingungen  seiner  Erfassung.  In  das  Wissen  des  Blinden 
muß  also  notgedrungen  eine  Beziehung  Eingang  finden,  die  das  ihm  Fehlende 
betrifft,  und  das  ist  der  „Bezug  auf  mögliches  Gesehenwerden“!  Hier  nun 
von  Adäquatheit  oder  Konformität  zu  sprechen,  ist  schlechthin  nicht  möglich, 
weil  dann  räumliche  Objektsstruktur  absolut,  „an  sich“  sein  müßte,  das  aber 
bedeutete  Relationslosigkeit.  „Etwas  räumlich  adäquat  erfassen  kann  für  den 
Blinden  .  .  .  nur  heißen:  eine  Erlebnisgliederung  der  Raumgestalt  aufweisen, 

42)  A.  Petzelt:  a.  a.  O.,  S.  61. 

43)  A.  Petzelt:  a.  a.  O.,  S.  60. 


54 


LP  ?eren  eme  emdeutlge  Verständigung  mit  Sehenden  möglich 

ist  ).  Und  das  ist  der  V isualisationsbezug ,  das  ist  der  Bezug  auf  das  Ver¬ 
stehen  der  Welt  der  Sehenden. 

Es  ist  im  Visualisationsbezug  nicht  wichtig,  ob  der  Blinde  sich  etwas  vor¬ 
stellen  kann,  sondern,  ob  er  etwas  optisch  zu  denken  und  zu  verstehen 
vermag.  Er  muß  nach  K  r  e  m  e  r  mitdenken  und  mitwissen,  daß  die 
Sehenden  a)  das  sehen,  was  er  nicht  sieht,  b)  das  sehen,  was  er  ertastet, 
c)  das  sehen,  was  er  mit  seinen  Restsinnen  aufnimmt,  d)  das  ganz  haben' 
was  er  nur  in  Teilen  sinnlich -anschaulich  erfährt  (Surrogatvorstellungen !)’ 
e)  das  sinnlich-anschaulich  haben,  was  er  nur  als  Bedeutungswissen  besitzt! 
So  kommt  in  das  Wissen  des  Blinden  ein  ganz  besonderer  Zug,  der  sein 
Vichtsehen  und  das  Sehen  der  anderen  betrifft.  —  Unter  dem  Visualisations¬ 
bezug  vollzieht  sich  sein  ganzes  Leben. 

Fassen  wir  zusammen:  „Der  Blinde  muß  als  lichtloser  Mindersinniger  wissen 
und  können  wie  ein  nichtlichtloser  Vollsinniger,  weil  er  in  der  Welt  der 
Sehenden  lebt“  ).  Daher:  „Blindsein  schließt  so  auch  das  Problem  des 
Zusammenlebens  mit  Sehenden  ein:  Der  Blinde  lebt  sein  Leben  und  gestaltet 
sein  Ich  als  Lichtloser  in  der  Gemeinschaft  Nichtlichtloser  und  für  eine 
Gemeinschaft  mit  Nichtlichtlosen“46). 


Blindsein  ist  TV issen  um  ein  Anderssein  47) 

Der  Blinde  als  Glied  der  Gemeinschaft  Sehender  wird  sich  zu  seinen  voll- 
smmgen  Mitmenschen  in  Vergleich  setzen.  Schon  als  Kind  erkennt  er  sein 

das  lhn  durch  sein  Lichtlossein  von  den  anderen  unterscheidet 
Spiet,  Bewegung,  Berufswahl).  In  dem  Nicht-Sehen-Können  muß  er  zwangs¬ 
läufig  eine  Minderwertigkeit  vermuten,  die  ihm  im  Mitleid  (=  wert- 
abschatziges  Urteil)  von  anderen  bestätigt  scheint.  Diese  Minderwertigkeits- 
erkenntnis  kann  in  der  Reifezeit  zur  absoluten  Negierung  aller  ethischen 
Werte  fuhren.  „Selbtskritische,  negative  Urteile“48)  werden  ihn  immer  und 
immer  wieder  befallen  und  die  psycho -physische  Blindseinsstruktur  des  Licht- 
losen  konstitutiv  beeinflussen,  bis  er  vielleicht  „den  Ungeist  dieser  negativen 
Selbstbeurteilung  gänzlich  zu  bannen“49)  vermag. 

Mit  der  mit  Beginn  des  vorigen  Jahrhunderts  einsetzenden  Blindenbildung 
egannen  sich  die  bis  dahin  kraß  hervortretenden  Unterschiede  zwischen 
Blinden  und  Sehenden  immer  mehr  zu  verwischen,  doch  eine  restlose  An- 
gleichung  kann  niemals  gelingen,  „dazu  sind  eben  die  Folgeerscheinungen 
des  Gebrechens  zu  groß  und  immer  wieder  neu  wirksam“50). 


A.  Petzelt:  Konzentration,  S.  65. 
45)  A.  Kremer:  a.  a.  O.,  S.  40. 

48)  Ebenda,,  S.  40. 

47)  Ebenda,  S.  49/41. 

4S)  Ebenda,  -S.  50. 

Ebenda,  S.  51. 

50)  K.’Bürklen:  a.  a.  O.,  S.  4. 


55 


Wie  nun  der  Blinde  seine  Besonderheiten  überwindet,  das  ist  abhängig 
von  seiner  „Veranlagung  und  Anpassungsfähigkeit,  von  der  auf  ihn  ein¬ 
wirkenden  Erziehung,  von  der  eigenen  Erkenntnis  seiner  Lage  und  seinem 
Willen“51). 

In  den  Reihen  der  Blinden  selbst  machen  sich  2  Richtungen  bemerkbar  in 
bezug  auf  die  Möglichkeit  der  Angleichung  an  die  Sehenden. 

Cohn  kommt  nach  Selbstbeobachtung  und  Erfahrungen  mit  Schicksals¬ 
genossen  zu  dem  Schluß:  „Von  unwesentlichen  Einschränkungen  abgesehen, 
hat  der  Blinde  die  Möglichkeit  und  auch  die  Fähigkeit,  das  fehlende  Auge 
bis  zu  einem  Grade  zu  ersetzen,  daß  er  sagen  kann,  ihm  fehle  nichts,  als  die 
absolute  unbeschränkte  Bewegungsfreiheit.  Sein  gut  gebildetes  Vorstellungs- 
vermögen  vermittelt  ihm  das  ihn  umgebende  Leben  in  richtigen  Bildern, 
und  sein  lebhaft  arbeitender  Geist,  der  sich  absolut  nicht  ins  Dunkle  gebannt 
fühlt,  führt  ihn  mitten  in  die  Welt  der  Sehenden.  Es  gibt  nur  wenig  Blinde, 
die  ihre  Blindheit  beklagen  und  sich  sehend  wünschen“52). 

Steinberg  dagegen  sagt:  Das  gesamte  Seelenleben  wird  so  entscheidend 
durch  die  Leistungen  des  Gesichtssinnes  bestimmt,  „daß  man  sich  fragt,  ob 
sie  (die  Blindheit)  dem  Unglücklichen  überhaupt  die  Möglichkeit  läßt,  sich 
zu  einer  Persönlichkeit  heranzubilden“.  Der  Ausfall  dieses  so  überaus  wich¬ 
tigen  Sinnesgebietes  kann  aber  doch  zu  einem  großen  Teil  ausgeglichen 
werden.  „Seine  (des  Blinden)  intensive  Einstellung  auf  taktile  und  akustische 
Empfindungsdaten  lehrt  den  Blinden,  sie  in  ihrer  gegenständlichen  Be¬ 
deutung  besser  zu  erfassen  und  ermöglicht  ihm  darum  Leistungen,  die  der 
Sehende  wohl  nicht  grundsätzlich,  doch  meist  tatsächlich  nicht  vollbringen 
kann.  Ihre  rein  psychische  Bedingtheit  verbietet  uns,  sie  als  Geschenk  der 
reuigen  Natur  aufzufassen,  sondern  läßt  sie  uns  als  Ergebnis  seelicher  Arbeit 
erkennen“53). 

Zu  der  letzten  Bemerkung  sieht  Steinberg  sich  sicherlich  veranlaßt, 
durch  die  die  Volksmeinung  noch  heute  beeinflussende  Ansicht,  daß  die  dem 
Blinden  verbliebenen  Restsinne  die  dem  Gesichtssinne  ursprünglich  zu¬ 
fallenden  Aufgaben  übernommen  haben  (Sinnesvikariat),  was  in  den  zum 
Teil  besseren  Leistungen  der  Blinden  auf  sinnlich -anschaulichem  Gebiete 
bestätigt  scheint.  Widerlegen  wir  diese  irrige  Meinung  mit  P  e  t  z  e  1 1  :  „Die 
Stellvertretung  der  Sinne  ist  nicht  als  Übernahme  der  physiologischen  Funk¬ 
tionen  des  Gesichtssinnes  durch  die  verbleibenden  Restsinne  zu  verstehen“, 
sondern  in  der  „Nutzbarmachung  jener  fehlenden  Inhalte  optischer  Pro¬ 
venienz  im  Hinblick  auf  mögliches  Verstehen  zwischen  Sehenden  und  Blin¬ 
den,  deren  Relationen  in  Fundierungen  der  Restsinne  erlebt  werden“  ). 

Halten  wir  fest:  „Blindsein  schließt  so  das  Problem  des  Wissens  um  ein 
Anderssein  in  sich:  Der  Blinde  lebt  sein  Leben  und  gestaltet  sein  Ich  als 
einer,  der  negativ  beurteilend  um  sein  Anderssein  weiß“  ). 

51)  K.  Bürklen:  a.  a.  O.,  S.  4. 

52)  Cohn,  zitiert  nach  Bürklen,  a.  a.  O.,  S.  5. 

53)  Steinberg,  zitiert  nach  Bürklen,  S.  5/6. 

54)  A.  Petzelt:  Konzentration  .  .  .,  S.  66. 

55)  Kremer:  a.  a.  O.,  S.  51. 


56 


Als  vor  IV2  Jahrhunderten  die  Blinden  aus  ihrer  Isoliertheit  herausgehoben 
wurden,  um  Schritt  für  Schritt  in  den  Bildungsprozeß  der  Vollsinnigen  ein- 
gereiht  zu  werden,  ahnte  noch  niemand,  daß  die  nur  wenige  Jahre  später 
(etwa  1825)  sich  aus  der  Philosophie  als  wissenschaftliche  Disziplin  lösende 
Psychologie  so  großen  und  schlechthin  gestaltenden  Einfluß  auf  die  Blinden  - 
pädagogik  nehmen  sollte.  —  Vielleicht  waren  es  zwei  für  die  Blinden  überaus 
negative  Erteile  des  Philosophen  und  Arztes  Platner  und  seines  Zeit¬ 
genossen  Hagen56),  die  die  \  orkämpfer  für  die  Blindenpsychologie 
(Roesner,  Richter,  Oehlwein  u.  a.)  und  deren  Begründer 
(Vater  und  Sohn  Heller)  auf  den  Plan  riefen?!  —  Ausgehend  von  nati- 
vistischen  Anschauungen,  nach  denen  Raum-  und  Zeitverhältnisse  in  dem 
Menschen  angelegt  sind,  und  wesentlich  beeinflußt  von  dem  Begründer  der 
experimentellen  Psychologie,  Wundt  (bes.  Th.  Heller),  legten  sie  den 
Grund  für  eine  spezielle  Blindenpsychologie,  die  von  den  Anhängern  des 
Apriorismus  von  Kant  (Petzelt  und  K  r  e  m  e  r)  auf  ihren  heutigen 
Stand  erweitert  wurde  —  zwischen  diesen  zeitlichen  Exponenten  liegen 
ungezählte  fleißige  und  unermüdliche  Arbeiten  ungenannter,  aber  nicht 
übersehener  Blindenpädagogen  und  Wissenschaftler  —  mit  deren  Hilfe  vor¬ 
liegender  Artikel  sein  einheitliches  Gepräge  erhalten  sollte,  um  zu  zeigen, 
wie  der  Mensch  Kenntnisse  erwirbt  und  seine  Dispositionen  entwickelt,  wenn 
Reizungen  sein  psycho -physisches  Ich  berühren;  wie  der  Mensch  aus  sich 
zum  ,, Menschen"  auf  individuell  gesetzter  Grundlage  wird;  wie  durch  das 
Zusammenkommen  von  Individualität  und  Entwicklungsreizungen  das  So- 
Sein  des  Individuums  entsteht57). 


t 


56)  Th.  Heller:  a.  a.  O.,  S.  60—64. 

57)  A.  Kremer:  a.  a.  O.,  S.  7. 


57 


. 

Die  technischen  Errungenschaften  für  Blinde 
in  den  letzten  150  Jahren 

Von  Wilhelm  H  e  i  m  e  r  s  ,  Direktor 

Solange  wir  uns  bemühen,  Menschen  im  Laufe  ihrer  Entwicklungsjahre  zu 
selbständiger  Lebensgestaltung  und  -entscheidung  reif  zu  machen,  zum  mün¬ 
digen  Menschen,  der  sein  eigenes  Leben  führt  und  zugleich  am  gesellschaft- 
lichen-kulturellen  Leben  teilnimmt,  zu  erziehen,  werden  wir  bestrebt  sein,  das 
zu  übermittelnde  Bildungsgut  durch  technische  Errungenschaften,  die  ihren 
Niederschlag  in  Lehr-  und  Lernmitteln  sowie  Hilfsmitteln  aller  Art  finden,  zu 
veranschaulichen  und  zu  vertiefen.  Sie  bestimmen  nachdrücklich  und  ent¬ 
scheidend  Berufsausübung  und  Gestaltung  der  Freizeit.  Die  Beschaffung 
dieser  Mittel,  ohne  die  erfahrungsgemäß  rechte  und  nachhaltige  Erfolge  nicht 
erreicht  werden  können,  bleibt  eine  der  größten  Aufgaben,  die  sich  der 
Durchführung  der  allgemein  als  richtig  anerkannten  Gedanken  und  Grund¬ 
sätze  führender  Männer  und  Frauen  in  den  Weg  stellen,  um  allen  Men¬ 
schen  den  Weg  zur  Lebenstüchtigkeit,  zu  einem  lebenswerten  Leben  zu  ebnen. 
Trifft  diese  Feststellung  für  Vollsinnige  zu,  so  gewinnt  sie  erhöhte  Bedeutung 
für  Blinde.  Erst  wenn  der  visuelle  Sinn  fehlt,  empfindet  man  so  recht,  was 
er  zu  leisten  vermag.  Zum  andern  erkennen  wir,  wie  unendlich  schwer,  in 
einigen  Fällen  unlösbar  es  erscheint,  die  Leistungen  des  Auges  durch  tech¬ 
nische  Erfindungen  zu  ersetzen.  Sie  bedeuten  für  Blinde  daher  nicht  eine 
erwünschte  Bereicherung  für  Erziehung  und  Unterricht,  Beruf  und  Freizeit, 
sondern  eine  geforderte  Notwendigkeit. 

Wie  diese  Errungenschaften  beschaffen  sind,  wie  man  ihren  Gebrauch,  ihre 
Bereitschaft  organisiert,  davon  hängt  viel  ab.  Mit  ihrem  Aufbau,  ihrer  Mehr- 
zahligkeit  für  Schule  und  Leben  steht  und  fällt  die  Aufgabe,  Blinde  in  die 
Welt  der  Sehenden  einzuführen,  ihnen  die  Fähigkeit  zuerkennen,  zu  denken 
wie  andere,  zu  arbeiten  und  in  der  geistigen,  sittlichen,  gesellschaftlichen 
Umwelt  wie  jedermann  Anteil  zu  nehmen.  Das  150jährige  Jubiläum  der 
Blindenbildungsanstalt  Berlin -Steglitz,  dieser  Festtag  in  der  Flut  des  Ge¬ 
schehens  im  deutschen  Blindenbildungswesen,  bietet  Anlaß,  die  technischen 
Errungenschaften  des  letzten  anderthalb  Jahrhunderts  im  Dienste  der  Re¬ 
habilitation  des  Blinden  zu  würdigen. 


Bis  zur  Begründung  der  allgemeinen  Blindenbildung,  die  in  die  Wbnde  vom 
18.  zum  1 9.  Jahrhundert  fällt,  kam  man  mit  von  Lehrern  und  Schülern 
erdachten  und  behelfsmäßig  gebauten  Hilfsmitteln,  vor  allem  zum  Schreiben 
und  Lesen  der  Normalschrift,  aus;  gab  es  doch  in  den  früheren  Jahrhunderten 
nur  wenige  Blinde,  die  unter  günstigen  Umständen  Einzelunterricht  erhielten. 


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Der  Gedanke  an  einen  beruflichen  Einsatz  lag  damals  völlig  fern,  wenn  auch 
sehr  vereinzelt  besonders  befähigte  Blinde  nach  einem  dornenreichen  Bil¬ 
dungswege  als  geachtete  Gelehrte  wirkten.  Seit  den  sehnsüchtigen  Bestrebun¬ 
gen  jener  Zeit,  die  durch  die  Gründung  der  ersten  Blindenanstalten  —  Paris 
1784,  London  1800,  Wien  1804,  Berlin  1806  —  und  aller  anderen,  die  im 
vorigen  Jahrhundert  erfolgten,  Ziel  und  Inhalt  fanden,  genügte  diese  Not¬ 
lösung  nicht  mehr. 

Bereits  auf  dem  2.  Blindenlehrerkongreß  in  Dresden  im  Jahre  1876  gründete 
daher  die  deutsche  Blindenlehrerschaft  denVerein  zur  Förderung  zur  Blinden¬ 
bildung.  Sein  unmittelbarer  und  ausschließlicher  Zweck  besteht  in  der  Er¬ 
füllung  mildtätiger  und  gemeinnütziger  Aufgaben  im  Interesse  aller  Blinden. 
Zur  Erreichung  dieses  Zweckes  erstrebt  er  laut  seiner  Satzung  insbesondere 
Bereitstellung  von  Lehr-,  Unterrichts-  und  Hilfsmitteln  aller  Art  für  Blinden¬ 
schulen  und  erwachsene  Blinde.  Als  älteste  Wohlfahrtseinrichtung  für  Blinde, 
die  nunmehr  80  Jahre  besteht,  sieht  sie  ihre  Aufgabe  weniger  als  eine  Für¬ 
sorge,  sondern  immer  mehr  als  eine  Form  der  Lebenshilfe  für  Blinde,  auf 
die  ein  rechtlicher  und  sozialer  Anspruch  besteht,  weil  der  Mensch  blind  ist 
und  nicht,  weil  er  sich  in  einer  sozial  bedrängten  Lage  befindet.  Der  Verein 
zur  Förderung  der  Blindenbildung  war  durch  seinen  ersten  Vorsitzenden, 
Schulrat  Karl  Wulff,  dem  gleichzeitigen  Direktor  der  Staatlichen  Blinden- 
anstelt  in  Steglitz,  mit  der  Jubilarin  während  der  ersten  beiden  Jahrzehnte 
seiner  Tätigkeit  aufs  engste  verknüpft.  Dem  Streben  und  den  persönlichen 
finanziellen  Opfern  dieses  hervorragenden  Blindenpädagogen  verdankt  der 
Verein  zur  Förderung  der  Blindenbildung  im  Jahre  1889  die  erste  Blinden¬ 
druckerei  Deutschlands  für  Brailledruck. 

Louis  Braille,  ein  löjähriger  blinder  Schüler  im  Blindeninstitut  in  Paris, 
erdachte  in  der  Zeit  einer  gewissen  Hilflosigkeit  1825  für  die  spätere  Bil¬ 
dung  seiner  Schicksalsgefährten  ein  vollständiges,  nach  allen  Richtungen  ver¬ 
wendbares  Schriftsystem,  das  wir  ihm  zu  Ehren  Brailleschrift  nennen.  Ihre 
Grundform  bilden  in  zwei  nebeneinanderstehenden  Dreierreihen  angeordnete 
6  Punkte  ;;  .  Durch  Anzahl  und  Stellung  der  Punkte  zueinander  —  es  sind 
65  Kombinationen  möglich  —  werden  alle  Buchstaben  und  Zeichen  in  der 
Blindenschrift  dargestellt,  deren  wir  uns  in  der  Normalschrift  bedienen. 

Braille  war  es,  der  die  dem  Punkte  innewohnende,  welterobemde  Kraft 
weckte.  Er  schuf  mit  seiner  Tastschrift  in  fast  unübertrefflicher  Vollkommen¬ 
heit  ewas  Universelles.  Sie  gilt  als  die  größte  Erfindung  des  Blindenwesens, 
an  deren  Ausgestaltungsmöglichkeiten  bis  heute  gearbeitet  wird.  Aus  ihr  ent¬ 
wickelten  in  Deutschland  Blindenlehrer  die  Kurzschrift,  deren  erster  Ent¬ 
wurf  1882  auf  dem  4.  Blindenlehrerkongreß  zu  Frankfurt  am  Main  von  dem 
Kieler  Blindenlehrer  K  r  o  h  n  vorgelegt  wurde.  Als  nach  dem  ersten  Welt¬ 
kriege  dem  Beruf  des  blinden  Stenotypisten  in  Deutschland  eine  wachsende 
Bedeutung  zukam,  der  Büroberuf  für  den  intelligenten  Blinden  sich  als  be¬ 
sonders  geeignet  erwies,  ergab  sich  die  zwingende  Notwendigkeit,  für  blinde 
Stenotypisten  eine  Stenografie  zu  schaffen.  Aus  einigen  Systemen,  die  eine 
Erweiterung  der  Kurzschrift  nach  individuellen  und  generellen  Gesichts- 


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punkten  ahstrebten,  erarbeitete  eine  aus  dem  Kreise  der  Lehrenden  und  der 
berufstätigen  Blinden  gebildete  Arbeitsgemeinschaft  in  den  Jahren  1941  bis 
1945  die  „Einheitsstenografie  für  Blinde“.  Mit  ihr  erreicht  der  berufstätige 
Stenotypist  eine  Dauergeschwindigkeit  von  etwa  150  Silben  in  der  Minute. 

Um  die  Textaufnahme  noch  mehr  zu  steigern  —  es  wird  eine  solche  von 
50  v.  H.  und  mehr  erreicht  wurde  das  6 -Punkte -System  durchbrochen  und 
die  Verhandlungsstenografie  für  7  Punkte  in  Leipzig  und  für  8  Punkte  in 
Marburg-Lahn  geschaffen.  Die  erste  umfaßt  127,  die  zweite  255  Schrift¬ 
zeichen,  die  mit  wenigen  Ausnahmen  geeignet  sind,  ein  Häufigkeitswort  zu 
besigeln.  In  V  erbindung  mit  anderen  Schriftzeichen  können  sie  einwandfrei 
wiedergelesen  werden.  Die  Aufnahme  erfolgt  auf  der  Stenografiermaschine. 
Da  hochbegabte  jugendliche  Blinde  in  ihrer  Ausbildung  das  Fehlen  einer 
geeigneten  Mathematik  und  Chemieschrift  als  schweren  Mangel  empfanden, 
legte  Direktor  Schlüter,  Neuwied,  1907  dem  12.  Blindenlehrerkongreß 
eine  „Mathematik-  und  Chemieschrift  für  Blinde“  zur  Genehmigung  vor. 
Eine  Kommission  erarbeitete  sie  10  Jahre  später  um,  1919,  1921  und  1928 
erschienen  im  Verlag  der  Blindenhochschulbücherei  in  Marburg -Lahn  ver¬ 
besserte  Auflagen. 

Louis  Braille  gebührt  auch  das  große  Verdienst,  seinen  Schicksals¬ 
gefährten  den  Weg  in  die  Schatzkammer  der  Musikliteratur  geöffnet  und 
geebnet  zu  haben.  Im  Jahre  1829,  im  Alter  von  20  Jahren,  entwickelte  dieser 
Apostel  des  Lichts,  damals  Lehrer  am  Nationalinstitut  für  junge  Blinde  in 
Paris,  aus  seiner  Blindenschrift  ein  Schriftsystem,  das  zum  erstenmal  in  der 
Geschichte  dem  Nichtsehenden  ermöglicht,  musikalische  Werke  in  einer  für 
Blinde  darzustellenden  und  lesbaren  Schrift  auszudrücken.  Weitere  Verbesse¬ 
rungen  fanden  ihren  Niederschlag  in  dem  Internationalen  Musikschrift¬ 
system,  das  auf  dem  6.  Blindenlehrerkongreß  1888  in  Köln  nach  einem  Über¬ 
einkommen  zwischen  Frankreich,  Deutschland,  England  und  Dänemark  für 
diese  Länder  als  verbindlich  galt.  1929  schufen  Sachverständige  auf  dem  Ge¬ 
biete  der  Brailleschen  Musikschrift  aus  Europa  und  Amerika  nach  zwei¬ 
jähriger  Arbeit  auf  wissenschaftlicher  Grundlage  eine  verbesserte  Auflage 
des  Systems,  das  eine  Vereinheitlichung  der  Punktzeichen  dieser  Schrift  unter 
den  Blinden  der  ganzen  Welt  garantierte. 

An  einer  weiteren  Vereinheitlichung  und  Vervollkommnung  der  Braille¬ 
schrift  für  Text  und  Noten  auf  internationaler  Ebene  arbeitet  der  Weltpunkt¬ 
schriftrat,  ursprünglich  eine  1949  von  der  UNESCO  aufgezogene  Einrich¬ 
tung.  Sie  ging  1951  auf  den  Weltrat  für  Blindenwohlfahrt  über  und  ist  in 
Paris  als  beratender  Brailleausschuß  tätig. 

Louis  Braille  verbrachte  unzählige  sorgenvolle  Tage  und  schlaflose 
Nächte,  um  ein  brauchbares  Gerät  zum  Schreiben  seiner  Blindenschrift  zu 
entwickeln.  In  seiner  Anlage  blieb  es  bis  heute  unverändert.  Ich  sah  es  1952 
als  Museumsstück  im  Nationalinstitut  für  Blinde  in  Paris  anläßlich  der  Feier 
zur  Überführung  der  Gebeine  dieses  großen  Wohltäters  der  Menschheit  in 
das  Pantheon.  Nach  Art  der  Vertiefungen,  in  die  das  zu  beschreibende  Papier 


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gedrückt  wird,  gibt  es  Tafeln  im  Rillen-  und  Grübchensystem.  Die  ältere 
Rillentafel  besteht  aus  einer  einseitig  gerillten  Zinkplatte  und  einem  gleich 
großen  Holz-  bzw.  Metallrahmen,  beide  an  der  oberen  Kante  durch  zwei 
Scharniere  verbunden.  Der  Rahmen  hat  an  den  Längsseiten  in  gleichen  Ab¬ 
ständen  Vertiefungen,  die  ein  zweireihiges  Gitterlineal  so  aufnehmen  müssen, 
daß  beim  Niederdrücken  des  Schreibstiftes  dieser  genau  in  die  Rille  trifft.  Die 
Grübchentafel,  bei  der  der  Grübchenrand  je  nach  Art  der  Tafel  die  Form 
eines  Kreises,  einer  Ellipse  oder  eines  Quadrates  haben  kann,  besteht  aus  zwei 
feingegliederten,  auf  der  linken  Seite  mit  einem  Scharnier  verbundenen  1  bis 
1,3  mm  dicken  Zinkplatten,  von  denen  die  untere  die  Grübchen,  die  obere 
die  Ausschnitte  zum  Schreiben  enthält.  Zur  Raumersparnis  gibt  es  doppel¬ 
seitige  Tafeln  für  Zwischenzeilen-  und  Zwischenpunktschrift.  Je  nach  der 
Größe  des  zu  beschreibenden  Blattes  unterscheiden  wir  Tafeln  verschiedener 
Ausmaße,  und  zwar  vom  Format  34  :  27  cm  bis  zum  kleinsten  Westentaschen¬ 
format. 

Um  den  Errungenschaften  der  Sehenden  auf  dem  Gebiete  des  Schreibens 
standzuhalten,  um  Schreibgeschwindigkeit  und  -ausdauer  zu  erhöhen,  wurde 
auch  bei  Blinden  der  Wunsch  nach  einer  Maschine  für  Blinde  rege.  Die 
Blindenschriftmaschinen  sind  Punktschriftapparate  mit  einer  Klaviatur,  be¬ 
stehend  aus  6  Tasten  und  einer  Zwischenraumtaste;  sie  ermöglichen  die  Her¬ 
stellung  eines  positiven  Buchstabenbildes  mit  einem  Tastenanschlag.  Die  erste 
Punktschriftmaschine,  ausgestellt  1891  auf  dem  7.  Blindenlehrerkongreß  in 
Kiel,  erfand  1872  der  blinde  Johann  Alfred  Wulff  in  Frederikashave  bei 
Kopenhagen.  Einen  wesentlichen  Fortschritt  brachte  die  Erfindung  der  Ma¬ 
schine  von  Hall  (1892)  und  von  Picht  (1899).  Letztere  hat  bis  1945 
die  weiteste  Verbreitung  aufzuweisen.  In  Anlehnung  an  die  Pichtmaschine 
bauen  seit  1945  die  Blindenstudienanstalt  Marburg-Lahn  und  der  Verein 
zur  Förderung  der  Blindenbildung  ebenfalls  Bogenmaschinen  für  Blinden¬ 
schrift.  Die  des  Vereins  zur  Förderung  der  Blindenbildung,  „Lux“  genannt, 
gleicht  in  ihrer  Aufmachung  einer  Kleinschreibmaschine,  ist  mit  einer  beson¬ 
ders  für  Taubblinde  gedachten  Tastensperre  und  mit  einer  auf  den  Wagen 
zu  steckenden  Leseschiene  versehen.  Die  Möglichkeit,  drei  dieser  Maschinen 
aneinander  zu  koppeln,  mit  einer  Kraft  also  auf  drei  Maschinen  denselben 
Text  zu  schreiben,  kommt  der  handschriftlichen  Übertragung  von  Schwarz - 
schrift  in  Blindenschrift  besonders  zugute. 

Aus  dem  Bestreben,  Blinde  einer  höheren  und  wissenschaftlichen  Bildung  so¬ 
wie  einer  Berufstätigkeit  zuzuführen,  entstanden  folgende  Stenografier¬ 
maschinen:  1900  von  Stainsby  in  London,  1909  von  Picht,  1917  von 
der  Titania-Schreibmaschinenfabrik  in  Berlin.  P  i  c  h  t  ’s  Stenografier¬ 
maschine  läßt  wie  bei  Morsetelegrafen  einen  24  mm  breiten  Papierstreifen 
selbsttätig  von  einer  Rolle  in  ununterbrochener  Reihe  über  die  Druckstelle 
gehen.  Denselben  Zweck  verfolgt  die  Marburger  Stenografiermaschine  mit 
einem  14  mm  breiten  Streifen  unter  wesentlicher  Raumausnutzung  bei  ihrer 
Konstruktion  mit  geräuscharmem  Gang.  Sie  ist  bequem  in  einer  Aktentasche 
zu  transportieren.  Zum  Schreiben  der  sieben-  und  achtpunktigen  Verhand- 


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lungsstenografie  werden  bei  der  Zentralbücherei  für  Blinde  in  Leipzig  bzw. 
der  Blindenanstalt  Marburg-Lahn  Stenografiermaschinen  für  diese  Punkt¬ 
zahlen  gebaut. 

Zum  Schriftverkehr  des  Blinden  mit  Sehenden  ist  seit  Beginn  der  Blinden¬ 
bildung  das  Schreiben  der  Schrift  der  Sehenden  geübt  worden.  Mit  dem 
Stacheltypenapparat,  den  Johann  Wilhelm  Klein  1809  konstruierte,  ver¬ 
mögen  selbst  mindergeschickte  Blinde  unter  allen  Umständen  eine  wirklich 
lesbare  Schrift  herzustellen.  Mehr  Gechick  schon  erfordert  das  Führen  des 
Schreibstiftes  bei  der  „Heboldschrift“,  eine  Flachschrift,  die  sich  aus  den 
lateinischen  Großbuchstaben  zusammensetzt  und  mit  Hilfe  eines  einzeiligen 
Lineals  mit  rechteckigen  Ausschnitten  auf  einer  eigens  dazu  von  dem  Blinden¬ 
lehrer  H  e  b  o  1  d  1856  konstruierten  Tafel  dargestellt  wird. 

Heute  zeigt  sich  die  gewöhnliche  Schreibschrift,  was  Erlernen  und  Behalten 
der  Formen  anbelangt,  durch  entsprechende  Hilfsmittel  und  Methoden  der 
Heboldschrift  ebenbürtig.  Mit  Schwachsichtigen  und  Späterblindeten  wurde 
die  Kurrentschrift  bislang  überall  gepflegt.  Der  Eigenart  der  Bedürftigen  ent¬ 
sprechend,  zielen  die  Vorrichtungen  zum  Schreiben  dieser  Schrift  darauf  ab, 
den  vorhandenen  Sehrest  beim  Schreiben  möglichst  zu  schonen  oder  die  im 
Stadium  des  Sehens  erlernte  Schrift  trotz  des  entschwundenen  Augenlichts 
weiter  zu  verwerten.  Die  Sammlungen  unserer  Museen  zeigen  eine  Reihe  von 
Apparaten,  die  in  diesem  Sinne  konstruiert  sind.  Ich  weise  hier  nur  auf  die 
letzte  Konstruktion  dieser  Art,  auf  die  vom  Verein  zur  Förderung  der  Blin¬ 
denbildung  1949  herausgegebene  und  inzwischen  bewährte  Schwarzschrift - 
tafel  hin.  Die  größte  Fertigkeit  beim  Schreiben  fordert  in  dieser  Hinsicht  das 
vom  Verein  zur  Förderung  der  Blindenbildung  1915  herausgebrachte  Papier 
mit  erhabenen  Linien,  für  stark  Sehbehinderte  auch  mit  farbigen  Linien  dar¬ 
gestellt. 

Für  Blinde  besonders  gebaute  Flachschriftmaschinen  gelten  heute  als  über¬ 
wundener  Standpunkt.  Blinde  schreiben  nur  noch  auf  Normalschreib¬ 
maschinen,  die  für  sie  mit  folgenden  Sondervorrichtungen  versehen  werden 
können:  Bogenendsperre,  Gradeinteilung  des  Papierhalters  und  der  ver¬ 
schiebbaren  Skala  mit  erhabenen  Punktschriftzeichen,  Auf  setzen  eines  Punk¬ 
tes  auf  einige  markante  Tasten  des  Tastenfeldes  zur  sicheren  Beherrschung 
dieses  Raumes.  Betont  sei,  daß  die  Erfindung  der  Schreibmaschine  in  erster 
Linie  dem  Bestreben  entsprang,  den  Blinden  ein  Hilfsmittel  zum  Schreiben 
zu  bieten.  Als  Erfindungsjahr  der  Schreibmaschine  gilt  das  Jahr  1714,  in  dem 
der  Engländer  Henry  M  i  1 1  ein  Patent  zur  Schreibmaschine  als  Behelf 
für  Blinde  angemeldet  hat.  Eine  Maschine,  die  im  praktischen  Gebrauch 
sich  bewährte,  fertigte  1779  der  Mechaniker  Wolfgang  von  Kempelen 
aus  Preßburg  für  die  in  ihrer  Kindheit  erblindete  Konzertsängerin  und  Kom¬ 
ponistin  Theresia  von  P  a  r  a  d  i  s.  Es  war  ein  Schreibsetzgerät,  dessen  sich 
die  Künstlerin  mit  bestem  Erfolg  bediente.  Eine  ihrer  Originalschriften  wird 
im  Blindenmuseum  zu  Wien  aufbewahrt. 

Auch  die  heute  allgemein  verbreiteten  Füllfederhalter  verdanken  ihren 
Ursprung  der  Idee,  dem  Blinden  ein  Hilfsmittel  zum  Schreiben  zu  schaffen. 


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1806  machte  der  Mechaniker  Müller  in  Wien  den  ersten  Versuch  zur 
Herstellung  von  Füllfederhaltern  für  Blinde.  Sie  bestanden  aus  fingerstarken, 
nach  unten  spitz  zulaufenden  Messingröhren  und  ließen  eine  dickflüssige 
Schreibmasse  ausfließen,  so  daß  die  Schriftzeichen  auf  dem  Papier  auf- 
getragen  erschienen  und  von  dem  tastenden  Finger  gelesen  werden  konnten. 
Der  jetzt  43  jährige  kriegsblinde  Richard  D  u  f  t  o  n  veränderte  die  Schreib  - 
gewohnheit  von  Millionen  Menschen.  Er  entwickelte  den  heute  überall  im 
Gebrauch  befindlichen  Kugelschreiber,  der  für  Blinde  beim  Schreiben  der 
Kurrentschrift  eine  weitaus  höhere  Bedeutung  einnimmt  als  für  Sehende, 
da  das  Schreiben  mit  dem  Tintenfederhalter  Blinden  eine  nicht  zu  lösende 
Schwierigkeit  bereitet. 

Hingewiesen  sei  in  diesem  Zusammenhang  auf  die  mit  blindentechnischen 
Hilfsmitteln  ausgestattete  Rechenmaschine  Rokli  der  Firma  Robert  Kling 
GmbH.,  Wetzlar/Lahn.  Es  handelt  sich  um  eine  Maschine  im  Kleinformat, 
etwa  30  cm  breit,  18  cm  tief  und  15  cm  hoch.  Die  Maschine  hat  in  Aufbau 
und  Anordnung  sehr  viel  Ähnlichkeit  mit  der  in  Chemnitz  gebauten 
Triumphator-Rechenmaschine,  nur  daß  sie  wesentlich  kleiner  und  leichter 
ist  und  mit  weniger  Anstrengung  bedient  werden  kann.  Die  vier  Grund¬ 
operationen  sind  gut  und  rasch  ausführbar,  wenn  auch  das  Rechentempo 
natürlich  nicht  mit  dem  einer  elektrisch  betriebenen  Maschine  verglichen 
werden  darf. 

Einen  Wendepunkt  in  der  Geschichte  der  Blindenbildung  bedeutet  die  Er¬ 
findung  des  Blindendruckes,  einer  Druckart,  bei  welcher  durch  Prägen  die 
Schriftzeichen  erhöht  und  somit  für  den  Tastsinn  wadirnehmbar  hergestellt 
werden.  Man  bezeichnet  ihn  daher  auch  als  Hoch-  oder  Relief  druck.  Rück¬ 
blickend  sei  zunächst  folgendes  erwähnt: 

Das  erste  im  Hochdruck  für  Blinde  herausgegebene  Buch  erschien  1786  in 
Paris.  Als  Schriftformen  bediente  man  sich  der  Groß-  und  Kleinbuchstaben 
der  lateinischen  Schreibschrift.  In  der  Verbesserung  der  Druckart  fanden 
zunächst  Holz-,  danach  Metall -Lettern  Verwendung.  Später  gelang  es,  den 
Druck  zu  stereotypieren;  man  benutzte  zu  diesem  Verfahren  Zinkplatten. 

Da  die  Erfolge  im  Lesen  der  Schrift  nicht  voll  befriedigten,  gingen  Hand 
in  Hand  mit  der  Vervollkommnung  des  Druckverfahrens  immer  wieder  Ver¬ 
suche,  eine  leicht  lesbare  Schrift  zu  gewinnen.  Die  vereinfachten  römischen 
Großbuchstaben,  zunächst  mit  glatten,  später  mit  punktierten  Zügen,  er¬ 
wiesen  sich  mit  der  Zeit  als  die  geeignetsten  Schriftzeichen.  Die  ersten 
Versuche  mit  lateinischen  Großbuchstaben  unternahm  1840  Dufau,  der 
damalige  Direktor  des  Pariser  Blindeninstituts.  Die  Erfindung  der  Stachel - 
oder  Steckschrift  (1809)  bleibt  das  Verdienst  von  Johann  Wilhelm  Klein, 
dem  Gründer  und  Direktor  des  Blindeninstituts  in  Wien.  Das  erste  Buch  im 
Stacheltypendruck  erschien  auf  Grund  der  Bemühungen  von  Knie  1830 
in  Breslau.  Es  war  eine  Lautlehre.  Die  Württembergische  Bibelgesellschaft 
druckte  im  Perldruck,  einer  Verbesserung  des  Stacheltypendrucks.  In  dieser 
Druckart  lag  1863  die  erste  Blindenbibel  vor;  sie  umfaßte  64  Bände.  Das 


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letzte  im  Liniendruck  erschienene  Unterrichtswerk  bleibt  das  vom  Verein 
zur  Förderung  der  Blindenbildung  1882  herausgegebene  Lesebuch,  gedruckt 
bei  Adolf  Schulze,  Berlin. 

Die  Bemühungen,  ein  für  Blinde  geeignetes  Alphabet  zu  finden,  führten  in 
England  durch  Gail  zu  einer  starken  Modifikation  des  römischen  Alpha¬ 
bets,  zum  Triangularsystem.  In  diesem  erschienen  1832  einige  Bücher; 
später  wurde  es  aufgehoben.  Der  1839  erblindete  William  Moon  erfand 
auf  Grund  eines  erfolglosen  Unterrichts  an  einem  blinden  Knaben  ein  nach 
ihm  benanntes  willkürliches  Schriftsystem.  Die  Grundidee  dieses  Systems 
steht  in  innigster  Übereinstimmung  mit  der  älteren  englischen  Stenografie. 

In  Frankreich  erschien  in  Brailleschrift  eine  Geschichte  dieses  Landes.  Den 
Stereotypdruck  in  diesem  System  wandte  1849  Laas  d’A  g  u  e  n  an.  Das 
1854  von  Braille  mit  Hilfe  von  Fournier  ersonnene  Verfahren,  die 
Zwischenlinienschrift  anzuwenden,  wurde  1867  von  Levitte  stereotypiert. 
Weitere  Versuche  zur  Verbesserung  des  Druckverfahrens  fanden  ihre  Krö¬ 
nung  in  dem  von  Ballu  gegen  1875  erdachten  Verfahren,  den  doppel¬ 
seitigen  Zwischenpunktdruck  zu  schreiben  und  zu  stereotypieren. 

In  Deutschland  brachte  Direktor  Knie,  Breslau,  das  erste  Braillealphabet 
zum  Abdruck.  In  Brailleschrift  druckte  im  Aufträge  des  Vereins  zur  Förde¬ 
rung  der  Blindenbildung  Buchdrucker  Adolf  Schulze,  Berlin-Weißensee, 
1884  das  erste  Lesebuch.  Zuerst  mit  einem  Hammer  in  die  Platten  ge¬ 
schlagen,  wurden  die  Punkte  später  mit  einem  auf  Veranlassung  des 
Direktors  Kuli,  Berlin,  konstruierten  Punzierapparat  durch  Fußkraft 
in  die  Zinkplatte  gepreßt.  Inzwischen  konstruierte  Blindenlehrer  Hinze, 
Steglitz,  eine  Punziermaschine  zum  Anfertigen  von  Stereotypplatten  in 
Brailleschrift,  die  von  dem  Mechaniker  Auerbach  gebaut  und  1895 
herausgebracht  wurde.  Die  Hinzesche  Punziermaschine  ist  heute  noch  in  den 
Blindendruckereien  im  Gebrauch.  Sie  wurde  im  Laufe  der  Jahre  für  Acht¬ 
millimeterschrift  (Großdruck),  Siebenmillimeterschrift  (Mitteldruck)  und 
Sechsmillimeterschrift  (Kleindruck)  eingerichtet.  Seit  1925  kann  die  Ma¬ 
schine  mit  elektrischem  Antrieb  geliefert  werden. 

Die  Vervielfältigung  der  Blindendrucke  erfolgte  bis  1923  mit  einer  Knie¬ 
hebelpresse  durch  Handbetrieb.  Diese  Presse  wird  heute  nur  noch  bei  Ver¬ 
vielfältigungen  bis  zu  etwa  20  Stück  benutzt.  Größere  Auflagen  werden  seit 
dieser  Zeit  mit  einer  für  Blindendruck  hergerichteten  Tiegeldruckpresse  mit 
Kraftantrieb  hergestellt.  Die  Schweizer  Firma  Bob  &  Fils,  Lausanne,  baute 
seit  1 924  Rotationspressen  für  Blindendruck  mit  elektrischem  Antrieb  und 
automatischem  Abschneiden  der  Bogen.  Eine  dieser  Pressen  wurde  1933  in 
der  Druckerei  des  Reichsdeutschen  Blindenverbandes  aufgestellt;  sie  arbeitet 
heute  noch  in  der  Zentralbücherei  für  Blinde  zu  Leipzig.  Der  Verein  zur 
Förderung  der  Blindenbildung  hat  für  Großauflagen  seit  1954  einen  Roll¬ 
automaten  für  Blindendruck  in  Betrieb.  Nur  von  einer  Arbeitskraft  bedient, 
versieht  er  die  zu  bedruckenden  Bogen  gleichzeitig  mit  einem  Falz  und  legt 
sie  nach  dem  Druck  selbsttätig  aus.  Mit  ihm  werden  in  einer  Stunde 
°200  Seiten  gedruckt,  ein  langer  Weg  von  den  ersten  Versuchen  vor 
170  Jahren  bis  zu  dieser  Vollendung. 

64 


l 


Mit  der  Kniehebelpresse  lassen  sich  auch  geographische  Landkarten  und 
geometrische  Zeichnungen  für  Blinde  drucken.  Besondere  Schwierigkeiten 
bereitet  bei  diesem  Verfahren  das  Herstellen  der  Druckstöcke.  Bahnbrechend 
wirkte  auf  diesem  Gebiet  Professor  Kunz,  Illzach,  der  in  den  achtziger 
Jahren  einen  30  Karten  umfassenden  Atlas  für  Blinde  im  Aufträge  des 
Vereins  zur  Förderung  der  Blindenbildung  herstellte.  Weiter  ausgebaut 
wurde  dieses  Druckverfahren  im  Laufe  der  Jahrzehnte  durch  die  Blinden¬ 
lehrer  Marold,  Königsberg,  Przyrembel,  Breslau,  und  Hilde- 
b  r  a  n  d  ,  Hannover.  1935  erschien  von  Hildebrand  ein  Weltatlas  für 
Blinde,  1955  ein  weiterer  von  Blindenoberlehrer  Scheuer,  Düren.  Mit 
einer  von  der  Firma  W.  Edwards  &  Co.  gebauten  Vacuum-Präge- 
maschine  lassen  sich  Relief  drucke,  also  auch  Blindendrucke  jeglicher  Art, 
herstellen.  Es  handelt  sich  hier  um  ein  thermoplastisches  Formen  mit  einer 
Stundenleistung  von  etwa  120  Drucken. 

Ein  sichtbarer  Erfolg  in  Erziehung  und  Lhiterricht  Blinder,  vor  allem  in 
der  Erwachsenenbildung  trat  in  Deutschland  erst  nach  offizieller  Einführung 
der  Brailleschrift  (1888)  und  der  Überwindung  der  Schwierigkeiten  zur 
Herstellung  des  Zwischenzeilen-  und  Zwischenpunkt-Stereotypdruckes  durch 
Erfindung  der  Hinzeschen  Punziermaschine  ein.  Es  schloß  sich  nun  allmäh¬ 
lich  die  lang  empfundene  Lücke  an  Blindenbüchern,  die  gewöhnlich  im 
Format  34  :  27  cm  bis  zu  einem  Umfange  von  200  Seiten  erscheinen. 

Musikalien  haben  gewöhnlich  das  Format  27  :  23  cm  oder  27  :  17  cm.  Es 
gibt  aus  berufenem  Munde  über  den  Wert  des  Buches  beherzigende  Worte, 
die  aufzeigen,  in  welcher  Weise  das  Leben  eines  Menschen  durch  das  Buch 
innerlich  geordnet,  gesteigert,  geläutert  und  erhoben  wird.  Erhöhte  Bedeu- 
tung  gewinnt  das  Buch  für  den  Blinden,  der  infolge  des  Sinnesausfalls  einen 
härteren  Lebenskampf  führen  muß.  Hausbüchereien  der  Blindenanstalten 
und  öffentliche  Blindenbüchereien  in  Hamburg,  Marburg/Lahn,  Berlin- 
Steglitz,  Leipzig,  Stuttgart,  Nürnberg,  Münster  i.  W.  und  Bonn  verleihen 
Bücher  und  Musikalien  kostenlos  an  Blinde. 

Da  die  Blindenbüchereien  in  ihrer  Aufnahme  beschränkt  sind  und  erfah¬ 
rungsgemäß  etwa  nur  15  bis  20%  der  Blinden  Brailleschrift  lesen,  ist  ihr 
Wunsch,  neben  der  Literatur  in  Punktschrift  auch  noch  das  „Sprechende 
Buch“  zu  besitzen,  verständlich.  In  den  USA  und  England  gibt  es  schon 
seit  vielen  Jahren  umfangreiche  Hörbüchereien,  die  von  einem  Grammophon 
abzuspielende  Nadeltonplatten  allen  englischsprechenden  Blinden  zur  Ver¬ 
fügung  stellen.  Da  an  diesen  Plattenbüchereien  mit  der  Zeit  Mängel  auf¬ 
traten,  unternahm  man  kostspielige  Versuche  mit  den  neuesten  Nadel-, 
Licht-  und  Magnettonverfahren,  die  in  bezug  auf  Blinde  ein  befriedigendes 
Ergebnis  bisher  nicht  erzielten.  Da  auch  andere  Länder  an  dieser  Errungen¬ 
schaft  lebhaftes  Interesse  zeigen,  bildete  der  Weltrat  für  Blindenwohlfahrt 
den  1  echnischen  Unterausschuß,  der  alle  theoretischen  und  praktischen  Er¬ 
wägungen  anläßlich  des  letzten  internationalen  Wohlfahrtskongresses  in 
Paris  1954  zusammenfaßt  in  den  Worten:  Fortschritte  auf  wissenschaftlichem 
und  technischem  Gebiet  haben  wesentlich  zur  Unabhängigkeit  im  Leben 


65 


und  in  der  Zukunft  der  Blinden  beigetragen.  Es  wird  nachdrücklich  emp¬ 
fohlen,  daß  auch  künftige  Fortschritte  auf  diesem  Gebiet  aufmerksam  ver¬ 
folgt  und  alle  internationalen  Körperschaften  und  nationalen  Regierungen 
gebeten  werden,  in  Zukunft  alle  vom  Weltrat  für  die  Blindenwohlfahrt 
anerkannten  Forschungsprojekte  zur  Förderung  der  physischen,  sozialen,  wirt¬ 
schaftlichen  und  wissenschaftlichen  Unabhängigkeit  der  Blinden  materiell 
und  finanziell  uneingeschränkt  zu  unterstützen. 

In  der  Bundesrepublik  Deutschland  wurde  bereits  im  Jahre  zuvor  am 
23.  März  1954  von  den  vier  Spitzenorganisationen  des  deutschen  Blinden¬ 
wesens,  dem  Deutschen  Blindenverband,  dem  Bund  der  Kriegsblinden 
Deutschlands,  der  Blindenstudienanstalt  Marburg/Lahn  und  dem  Verein  zur 
Förderung  der  Blindenbildung  in  Hannover  die  „Deutsche  Blindenhör¬ 
bücherei  G.  G.  m.  b.  H.“  mit  dem  Sitz  in  Marburg/Lahn  gegründet.  Spezial¬ 
geräte  mit  zusätzlicher  Erleichterung  für  Blinde  zur  Wiedergabe  gibt  es 
trotz  eingehender  Bemühungen  der  DBH.  noch  nicht.  Die  Hörbücherei,  die 
ein  eigenes  Studio  in  Marburg/Lalm  unterhält,  steht  mit  zur  Zeit  etwa 
50  ausleihbaren  Werken  noch  im  Anfang,  wird  aber  in  einigen  Jahren  den 
mannigfaltigen  Ansprüchen  ihrer  Entleiher  gerecht  werden  können.  Die  DBH. 
nimmt  ab  1956  die  Bandgeschwindigkeit  4,75  cm/sek.  bei  internationaler 
Spurenlage  in  das  Fertigungsprogramm  auf,  so  daß  alsdann  Bänder  mit 
19,05  cm/sek.  und  9,5  cm/sek.  für  Geräte  mit  deutscher  Spur  und  Bänder  mit 
9,5  cm/sek.  und  4,75  cm/sek.  für  Geräte  mit  internationaler  Spur  zur  Ver¬ 
fügung  stehen.  Eine  zweite  Blindenhörbücherei,  die  „Blindenhörbücherei 
Nordrhein-Westfalen  e.  V.“,  wurde  am  3.  November  1955  mit  dem  Sitz  in 
Münster/Westf.  gegründet.  Die  American  Foundation  for  Overseas  Blind 
zu  Paris  beabsichtigt,  ein  Studio  auf  Tonbandgrundlage  einzurichten,  um 
Mutterbänder  anzufertigen  und  Tochterbänder  an  interessierte  Länder  in 
Europa  abzugeben.  Wenn  ganz  Europa  sich  zu  einer  Geräte-  und  Kassetten - 
art  entschließen  könnte,  würde  zweifellos  der  Nachfrage  der  Blinden  nach 
Lesestoff  in  hohem  Maße  entsprochen  werden  können. 

Nach  den  Ausführungen  des  Dipl. -Ing.  Dr.  Blum  auf  der  Tagung  des 
Forschungsausschusses  für  Blindenhilfsmittel  am  22.  Februar  1951  kann 
mit  der  von  ihm  zu  konstruierenden  Lesemaschine  ein  Buchdruck  in 
Blinden-  oder  Schwarz schrift  jeder  Größe  und  Form  akustisch  wiedergegeben 
werden,  und  zwar  600  Buchstaben  in  der  Minute,  also  eine  mittlere  Sprech¬ 
geschwindigkeit.  Für  dieses  Fachgebiet  zuständige  Wissenschaftler  erklären, 
nach  dem  jetzigen  Stande  der  Wissenschaft  und  Technik  sei  die  praktische 
Durchführung  der  Idee  des  Dr.  Blum  ohne  Zweifel  sicher.  Leider  stehen 
ausreichende  Mittel  zur  weiteren  Entwicklung  dieser  Idee  bislang  nicht 
zur  Verfügung. 


Wenn  die  zu  erfassenden  Räumlichkeiten  der  Naturgegenstände  die  ein¬ 
deutige  Forderung  des  Sinnesausfalls  darstellen,  dann  erhalten  alle  Lehr¬ 
mittel  für  Blinde  eine  besondere  Note  in  ihrer  Bedeutung.  Sie  müssen  in  ihrer 
Struktur  den  Tasthandlungen  entsprechen,  für  Blinde  eigens  gebaut  werden. 


66 


Wir  wissen:  Vorzugsweise  auf  das  Tasten  gründet  sich  beim  Blinden  die 
Erkenntnis  der  realen  Welt.  Sie  ist  die  Voraussetzung  für  die  innerliche 
Verarbeitung  der  Bildungsstoffe,  die  sich  in  geistige  Kraft  umsetzen.  Erst 
dann  besteht  die  Möglichkeit,  alle  in  den  Anlagen  vorhandenen  körperlichen 
und  geistigen  Kräfte  zu  wecken  und  zu  betätigen.  Der  Weg  liegt  dann  frei, 
den  Blinden  zu  einem  gleichwertigen  Menschen  in  der  Welt  der  Sehenden 
zu  erziehen. 

Da  der  Bedarf  an  Lehrmitteln  verhältnismäßig  gering  bleibt  und  kein 
Gewinn  aus  der  Herstellung  der  Gegenstände  zu  erhoffen  ist,  beschäftigen 
sich  Gewerbe  und  Industrie  mit  dieser  Angelegenheit  nicht.  Nur  ihr  zartes 
pädagogisches  Gewissen  und  ihr  unbeugsamer  Wirklichkeitssinn  zwangen 
die  Blindenlehrer,  hier  selbst  zuzugreifen.  In  mühsamer,  dankbarer  Mönchs  - 
arbeit  gingen  sie  ans  Werk.  Viele  dieser  Arbeiten  hatten  nur  Wert  für  einige 
Unterichtsstunden.  Was  für  Jahre  gelten  soll,  finden  wir  zum  Teil  noch  in 
den  Lehrmittelsammlungen  der  Blindenschulen  vor.  Von  welch  einer  Summe 
von  Nachdenken,  Beobachten  und  Erfinden  seitens  des  Lehrenden  geben 
diese  Unterrichtsmittel  ein  Bild!  Als  Autodidakt  muß  der  Blindenlehrer  die 
schwierigen  Fragen  der  Technik  und  der  Materialgestaltung  selbst  erarbeiten. 
Es  gehört  zu  ihm,  daß  er  eine  geschickte  Hand  hat. 

Der  Herstellung  von  Lehrmitteln  dient  auch,  soweit  sein  Lehrgebiet  in 
Frage  kommt,  der  Handfertigkeitsunterricht.  Manches  brauchbare  Lehr¬ 
mittel  wird  in  den  Bastelstuben  geschaffen.  Wir  verstehen  unter  diesen 
Stuben  einen  Raum,  in  dem  den  Kindern  die  Möglichkeit  gegeben  wird, 
mit  den  wichtigsten  Werkzeugen  und  Brettchen  in  ihrer  Freizeit  nach  freiem 
Ermessen  zu  arbeiten.  Sie  können  hier  erproben  und  praktisch  ausführen, 
was  der  Unterricht  aus  Gründen  der  didaktischen  Ökonomie  nur  andeuten 
kann. 

<  .  •  .  *  « 

Soweit  Lehrmittel  der  Lehrmittelindustrie,  die  ihre  Fertigwaren  auf  den 
Unterricht  in  Normalschulen  abstellt,  den  Anforderungen,  die  an  das  blinden¬ 
gemäße  Lehrmittel  zu  stellen  sind,  nachkommen  oder  durch  Umbau  für 
diesen  Zweck  brauchbar  gemacht  werden  können,  haben  sie  einen  berech¬ 
tigten  Platz  in  der  Blindenschule.  Sie  geben  außerdem  Anregung  zum  Bau 
von  Lehrmitteln,  die  im  Unterricht  den  eigenen  Verhältnissen  der  Blindheit, 
den  Sonderbedingungen  der  Lichtlosigkeit,  Rechnung  tragen.  Auch  die  reich¬ 
haltige  Auswahl  an  Erzeugnissen  der  Spielzeugindustrie  darf  für  die  Blinden - 
bildung  nicht  übersehen  werden.  Spielgegenstände  als  Nachbildungen  von 
Lebensformen  unter  Beachtung  formgetreuer  Wiedergabe  des  einzelnen 
Stückes  bilden  für  das  blinde  Kind  eine  wünschenswerte  Ergänzung  all  der 
Gegenstände,  die  ihm  Gelegenheit  geben,  über  zu  gestalten  oder  die  ver¬ 
wandelnde  Kraft,  die  dem  Gestalten  innew^hnt,  an  Leib  und  Geist  zu  ver¬ 
spüren. 

Soweit  es  sich  um  serienmäßig  herzustellende  Lehrmittel  handelt,  über¬ 
nimmt  der  Verein  zur  Förderung  der  Blindenbildung  ihren  Verlag.  So 
stellt  er  Baukästen,  Lese-,  Schreib-,  Rechen-  und  Zeichengeräte,  Landkarten, 


67 


Atlanten  und  Globen,  Bücher,  Zeitschriften  und  Musikalien  in  Blindendruck 
für  Ei ziehung,  Unterricht,  Berufsausbildung  und  -ausübung,  Fortbildung 
und  Erbauung  bereit. 

Nicht  unerwähnt  beiben  sollen  die  vielen  kleinen  für  Blinde  erdachten  Hilfs¬ 
mittel.  Im  öffentlichen  "\  erkehr  tragen  sie  das  Verkehrsschutzzeichen  auf 
der  gelben  Armbinde,  auf  der  Aktentasche,  als  Plakette  auf  dem  Rockauf¬ 
schlag  oder  als  Scheibe  am  Winker.  Am  weißen  Stock  ohne  und  mit  Leucht¬ 
zeichen  erkennt  man  sie  von  weitem.  Zum  Führen  geeignete  Hunde  werden 
in  besonderen  Schulen  ausgebildet.  Die  erste  Führhundschule  wurde  während 
des  ersten  Weltkrieges  in  Oldenburg  i.  O.  eingerichtet;  sie  erfreute  sich  der 
besonderen  Förderung  von  Geheimrat  S  t  a  1 1  i  n  g. 


A  ielseitig  und  eingehend  sind  seit  einigen  Jahren  die  Bemühungen  von 
seiten  der  Wissenschaft,  zur  besseren  Orientierung  des  Blinden  in  seiner 
Umgebung  ein  geeignetes  Leitgerät  herauszubringen.  Es  soll  dem  Träger 
ermöglichen,  bei  normaler  Gehgeschwindigkeit  Zusammenstöße  mit  Hinder¬ 
nissen  und  das  Stürzen  über  Bordsteine,  Schwellen  und  Treppen  zu  ver¬ 
meiden.  Das  Haverford- College  in  Boston,  das  führend  in  der  Entwicklung 
von  Blindleitgeräten  ist,  verwirklichte  diese  Idee  und  befähigt  seit 

einiger  Zeit  Blinde,  in  mehrwöchigen  Kursen  sich  mit  diesen  Geräten  zu 
orientieren. 

Bei  der  technischen  Verwirklichung  der  Geräte  wertet  man  das  Echo- 
Lotungs-\  erfahren  aus.  Versuche  dieser  Art  wurden  mit  hörbarem  und 
unhörbarem  Schall,  mit  sichtbarem  und  unsichtbarem  Licht  angestellt. 
Vor-  und  Nachteile  dieser  Verfahren  abwägend,  einigte  man  sich  auf  Licht 
als  ausgestrahlte  Energieform.  Das  neueste  Gerät  dieser  Art  heißt  „US  Signal 
Corp  Device  .  Mit  einem  Griff  versehen,  wird  es,  2  kg  schwer,  in  einer 
Hand  getragen.  Leider  bietet  bei  der  jetzigen  Konstruktion  der  zurück¬ 
reflektierte  Lichtanteil  nicht  immer  ein  verläßliches  Maß  für  die  Entfer- 
nung  des  Hindernisses,  die  im  Handgriff  erkannt  wird.  Das  nicht  geringe 
Gewicht  des  Gerätes  und  die  hohe  Aufmerksamkeitsanspannung,  die  not¬ 
wendig  ist,  um  auf  die  feinsten  Veränderungen  der  Vibration  im  Hand¬ 
griff  zu  achten,  machen  weitere  Neukonstruktionen  erforderlich. 

Die  Beobachtung,  daß  viele  Blinde  absichtlich  erzeugte  Schritt-,  Stock-  und 
sonstige  Geräusche  zur  besseren  Orientierung  benutzen,  hat  den  Gedanken 
nahegelegt,  diese  Gewohnheit  durch  eine  Apparatur  zu  ersetzen.  Mit  Hilfe 
eines  eigens  konstruierten  kleinen  Schallsenders,  der  wie  ein  Fotoapparat 
umgehängt  \  or  der  Brust  getragen  wird  und  nach  Belieben  betätigt  werden 
kann,  ist  es  gelungen,  auch  bei  ganz  ungeübten  Blinden  sofort  hervorragende 
Fernsinnleistungen  auszulösen.  Bei  diesem  Verfahren  wird  nicht  der  Sinn 
für  die  Orientierung  ersetzt,  sondern  die  natürliche  Fähigkeit  ausgenützt  und 
durch  Übung  bald  außerordentlich  verfeinert.  Das  Leitgerät  erzeugt  harte 
„Knacke  ;  es  kann  von  seinem  Träger  beliebig  geregelt  werden,  und  zwar 


68 


rasch  langsam,  laut  leise.  Die  Apparatur  wurde  auf  Grund  wissen¬ 
schaftlicher  Untersuchungen  von  Dr.  Ivo  Köhler,  Dozent  im  Institut  für 
experimentelle  Psychologie  der  Universität  Innsbruck,  1952  gebaut.  Er  ver¬ 
vollkommnte  inzwischen  sein  „Leittongerät“.  Eine  serienweise  Anfertigung 
dieser  Apparatur  und  damit  ihre  Verbreitung  für  die  Orientierung  der 
Blinden  liegt  im  Bereiche  der  Möglichkeit.  Jedenfalls  sind  alle  Versuche,  die 
Raumorientierung  des  Blinden  mit  Hilfe  von  Apparaten  zu  erleichtern,  noch 
nicht  vollkommen  gölöst. 

Taschen-,  Arni-  und  Weckuhren,  deren  Zifferblätter  tastbare  Zeichen  tragen, 
lassen  den  Blinden  die  Tageszeit  feststellen.  Mit  Blindenschrift  versehene 
Spielkarten  der  bekannten  Kartenspiele  ermöglichen  ihm,  mit  Sehenden  zu 
spielen.  Brett-  und  Legespiele,  die  stumme  Anspannung,  Wachsamkeit  und 
Konzentration  der  Spieler  erfordern,  sind  so  eingerichtet,  daß  sie  von  Blinden 
gemeinsam  mit  Sehenden  gespielt  werden  können.  Nähnadeln,  Nadeleinfädler 
und  Stopfpilze  für  blinde  Frauen  erleichtern  diesen  ihre  Nadelarbeiten  sehr. 
Rundfunkgeräte  haben  für  Blinde  mindestens  dieselbe  Bedeutung  wie  für 
Sehende.  Kino-  und  Fernsehgeräte  vermögen  sie  nur  insofern  auszunutzen, 
als  die  nur  mit  den  Augen  wahrzunehmenden  Vorgänge  ihnen  von  im 
sprachlichen  Ausdruck  wendigen  Begleitern  sofort,  kurz  und  treffend  ge¬ 
schildert  werden. 


Besonders  günstig  wirken  sich  technische  Errungenschaften  für  die  Unter¬ 
bringung  am  Arbeitsplatz  aus.  Bis  zum  ersten  Weltkrieg  fanden  die  arbeits¬ 
fähigen  Blinden  allgemein  in  den  bekannten  Blindenberufen  wie  Bürsten¬ 
einziehen,  Stuhl-  und  Korbflechten  Beschäftigung.  Teils  ohne,  teils  mit 
kleinen  Hilfsvorrichtungen  führen  sie  diese  Arbeiten,  ohne  sich  zu  gefähr¬ 
den,  sicher  aus.  Versuche  im  Kriege  zeigten,  daß  Blinde  bei  Kontrollarbeiten, 
Massenfabrikation  und  Montage  kleine  Arbeiten,  Sortierarbeiten  und  vor 
allem  Verpackungs-  und  Kartonagearbeiten  ihren  Mann  standen.  Bei  Biege- 
und  Entgratarbeiten  sowie  bei  der  Bedienung  von  Stanz-,  Bohr-  und  Ge¬ 
windeschneidemaschinen  haben  Blinde  vollwertige  Arbeit  geleistet.  Die 
Schrift  „Blinde  am  Arbeitsplatz“  des  Bundesinstituts  für  Arbeitsschutz  führt 
in  einer  Liste  einige  hundert  Arbeitsmöglichkeiten  für  Blinde,  die  in  der 
Entwicklung  und  Verfeinerung  der  Technik  ihren  Grund  haben.  Besonders 
die  Umwandlung  von  optischer  in  akustische  Anzeige  erwies  sich  als  ganz 
besonders  bedeutungsvoll  und  erfolgreich.  Die  Technik  und  die  Maschine 
haben  in  Bezug  auf  den  Blinden  den  Vorzug,  daß  sie  ihn  mit  einem  sich 
ständig  wiederholenden  Vorgang  bekanntmachen,  der  einer  strengen  Gesetz¬ 
mäßigkeit  sowie  Zeitmaß  und  Zahl  unterworfen  ist  und  so  dem  Nicht¬ 
sehenden  hilft,  sich  mit  dem  Arbeitsplatz  und  der  neuen  Umgebung  vertraut 
zu  machen.  Durch  besondere  Schutzvorrichtungen  am  Arbeitsplatz  wird  für 
Blinde  die  Unfallgefahr  nicht  größer  als  bei  Sehenden.  Die  beabsichtigte 
Errichtung  einer  Industrieumschulungsstätte  für  Späterblindete  in  Nürnberg, 
die  in  enger  Zusammenarbeit  mit  der  dortigen  Industrie  ihre  Arbeit  auf¬ 
nimmt,  wird  sicher  den  Umbau  weiterer  Vorrichtungen,  Apparate  und  Ma¬ 
schinen  zur  Bedienung  durch  Blinde  zur  Folge  haben. 


69 


In  wachsendem  Maße  finden  Blinde  nach  sorgfältiger  Ausbildung  in  den 
Blindenschulen  als  Stenotypisten  Beschäftigung,  nachdem  für  sie  gebaute 
Stenografiermaschinen  ihnen  eine  ebenso  schnelle  Stenogrammaufnahme 
ermöglichen,  wie  ein  Sehender  aufnimmt. 

Die  Einführung  des  Diktafons  im  Jahre  1949  erleichtert  und  erweitert  die 
Einsatzmöglichkeit  des  blinden  Stenotypisten. 

Um  dem  Blinden  auch  im  Fernsprechdienst  zu  einem  Arbeitsplatz  zu  ver¬ 
helfen,  an  dem  dieser  gefahrlos  und  vollwertig  tätig  sein  kann,  waren  die 
Siemens  &  Halske- Werke  bemüht,  ihn  am  Fernsprechvermittlungsplatz  einzu¬ 
setzen.  Es  gelang,  indem  die  optischen  Anruf-  und  Überwachungszeichen  der 
Vermittlungseinrichtung  durch  akustische  Signale,  durch  sogenannte  „Tast¬ 
zeichen“  ersetzt  wurden.  Ingenieur  Johannes  K  o  c  z  o  1 1  berichtet  erstmalig 
über  diese  Erfindung  in  den  „Technischen  Mitteilungen  des  Fernmeldewerks 
der  Firma  Siemens  &  Halske  AG.“,  Februar  1938.  Über  den  wichtigsten 
Schritt  in  der  Entwicklung  des  „Tastzeichens“  schreibt  Koczott  in  den¬ 
selben  Mitteilungen,  Dezember  1942:  „In  Zusammenarbeit  mit  der  Mix  & 
Genest  AG.  wurde  dem  Tastzeichen  in  seinem  Aufbau  die  Form  einer  nor¬ 
malen  Fernsprechglühlampe  gegeben,  so  daß  es  an  Stelle  einer  solchen  Lampe 
in  jede  entsprechende  Lampenfassung  eingesetzt  werden  kann“.  Durch  diese 
besonders  dankbar  empfundene  Erfindung  ist  es  Blinden  mit  nötiger  In¬ 
telligenz  und  Wendigkeit  nach  gründlicher  Ausbildung  möglich,  den 
Telefonistenberuf  auszuüben.  Weiterhin  wird  ihm  die  Arbeit  dadurch  er¬ 
leichtert,  daß  das  üblicherweise  in  den  Anlagen  gebräuchliche  Aufmerksam¬ 
keitssignal,  also  ein  akustisches  Zeichen,  derart  unterteilt  tönt,  daß  er  schon 
an  dem  Klang  dieses  Signals  erkennt,  welche  Funktion  sich  in  der  Schaltung 
anmeldet,  und  ihn  darauf  vorbereitet,  welche  Manipulation  er  nun  aus¬ 
zuführen  hat.  Tastsignal  und  Zählschienen  geben  dem  Blinden  in  der  An¬ 
fangszeit  die  nötige  Sicherheit.  Dem  Direktor  G  u  s  t  der  Siemens  &  Halske- 
Werke  gebührt  das  uneingeschränkte  Verdienst,  sich  seit  der  Erfindung  der 
„Tastzeichen“  nachdrücklich  für  die  Einrichtung  von  Fernsprechvermitt¬ 
lungsplätzen  für  Blinde  im  In-  und  Ausland  einzusetzen. 

Die  Sendegeräte  bei  der  Post  und  dem  Rundfunk  erfordern  für  ein  einwand¬ 
freies  Arbeiten  einen  ständigen  Abhördienst,  für  den  der  Blinde  wegen  seines 
besonders  durch  ständige  Übung  verfeinerten  Gehörs  sich  erfahrungsgemäß 
sehr  gut  eignet.  Die  weitere  Entwicklung  in  der  Technik  wird  auch  Blinden 
neue  Arbeitsmöglichkeit  schaffen.  Ihre  Einreihung  in  den  Produktionsprozeß 
bleibt  aber  nicht  nur  eine  technisch-organisatorische  Frage.  Ausschlag¬ 
gebend  wird  der  Erfolg  bestimmt  durch  die  Einstellung  und  Haltung  aller 
in  der  Wirtschaft  und  Verwaltung  stehenden  Verantwortlichen,  auch  der 
sehenden  Arbeitskameraden. 


Die  technischen  Hilfsmittel  zu  erfinden,  dem  Blinden  zur  Verfügung  zu 
stellen,  um  die  Schwierigkeit  seiner  Lichtlosigkeit  zu  verringern  oder  zu 
beseitigen,  sind  nicht  Selbstzweck.  Sie  sind  nicht  Instrumente  zur  bloßen 


70 


Nachahmung  des  Tuns  der  Sehenden,  dienen  nicht  zur  bloßen  Berufsausbil¬ 
dung  und  -ausübung,  sondern  stehen  im  Dienste  der  einen  großen  Aufgabe, 
der  wir  allein  untergeordnet  sind.  Es  ist  jene  Aufgabe,  nach  welcher  der 
einzelne  Mensch  sich  selbst  zu  bilden  hat  im  Anspruch  seiner  Rechtmäßigkeit, 
seiner  Gültigkeit  nach  zeitlosen  Normen,  seiner  Eindeutigkeit,  unabhängig 
von  Menschenmeinung.  Auf  diese  Weise  sichert  sich  das  Ich  gültige  Haltung 
in  Tätigkeit  mit  und  ohne  Anerkennung  der  anderen,  jene  Haltung,  die 
Einheit,  Widerspruchslosigkeit  der  Persönlichkeit  verbürgt,  also  untrüglich 
den  wahren  Wert  eines  Menschen  anzeigt. 


s 


71 


1 50  Jahre  Blindenhandwerk  als  Aufgabe 
der  Blindenbildung 

Von  Alfred  Schild,  Geschäftsführer  des  ,, Blindenhilfswerks  Berlin“ 

Wenn  wir  genügend  weit  zurückschauen,  werden  wir  feststellen  können, 
daß  Handarbeit  und  Bildung  die  gleiche  Wurzel  haben.  In  der  Morgen¬ 
dämmerung  menschlicher  Geschichte  war  der  handelnde  Mensch  zuerst 
immer  ein  sinnender,  und  erst  in  neuerer  Zeit  kennen  wir  die  Gefahr,  daß 
menschliches  Handeln  zum  reinen  Funktionieren  werden  kann  und  dadurch 
eher  einem  Rückfall  auf  die  Instinktebene  als  einem  Fortschritt  in  Richtung 
auf  das  Sinnvolle  gleicht.  Immanuel  Kant  hat  einmal  die  Hand  als  das 
äußere  Gehirn  des  Menschen  bezeichnet  und  damit  die  Korrelation  von 
Denken  und  Handeln  anschaulich  definiert. 

Die  Berufsarbeit  hebt  sich  von  den  anderen  Lebensbereichen  so  deutlich  ab, 
daß  schon  allein  dadurch  ihre  zentrale  Stellung  gekennzeichnet  ist.  Sie  ver¬ 
mittelt  uns  fast  alle  positiven  mitmenschlichen  Erlebnisse  (Erfolg,  Teilhabe, 
Sicherheit,  Kameradschaft  etc.)  und  gibt  uns  den  ,, verdienten“  Anteil  am 
nationalen  Sozialprodukt.  Durch  sein  Schaffen  stellt  der  Mensch  in  die  Welt 
des  Nicht -Ich  etwas  Eigenes  hinein,  wodurch  er  Bereicherung  und  Erhöhung 
seines  Lebens  erfährt.  Kurz:  die  meisten  menschlichen  Kräfte  und  Strebungen 
finden  in  der  Arbeit  ihre  Erfüllung. 

Unter  diesem  Aspekt  ist  die  Bedeutung  der  Handarbeit  für  blinde  Menschen 
ohne  weiteres  einleuchtend.  Sie  ist  für  sie  sogar  oft  genug  die  einzige  Form 
der  Selbstbestätigung,  so  daß  bis  heute  ein  Blinder  häufig  von  seinem  Recht 
auf  Arbeit,  selten  aber  von  der  Arbeit  als  Pflicht  sprechen  wird.  Die  Be¬ 
deutung  dieser  Problemstellung  für  den  Staat  sei  nur  angedeutet. 

Hier  wird  uns  besonders  das  BYm&enhandwerk  beschäftigen,  das  jedoch  schon 
in  seinen  Anfängen  (Paris  1784,  England  1791,  Berlin  1806)  eingebettet  war 
in  Ziel  und  Methodik  der  allgemeinen  Blindenbildung  oder  sogar  deren 
Hauptzweck  darstellte.  Es  ist  nicht  möglich,  das  von  August  Z  e  u  n  e  in 
Deutschland  begründete  Blindenhandwerk  ohne  Rückgriff  auf  die  frühere 
Entwicklung  in  Frankreich  und  Großbritannien  darzustellen.  Wenn  O  r  t  e  g  a 
y  G  a  s  s  e  t  sagt,  daß  alles  für  die  neue  Zeit  Gültige  seine  Wurzel  in  dem 
Kulturdreieck  Paris-London-Berlin  hat,  dann  gilt  das  —  als  kleine,  aber  für 
uns  wichtige  Bestätigung  —  auch  für  Blindenbildung  und  Blindenhandwerk. 

Auch  eine  Monographie  des  Blindenhandwerks  ist  eine  Darstellung  des 
ständigen  Bemühens  um  das  seelische  und  soziale  Gleichgewicht  des  Blinden 
zu  seiner  sehenden  Umgebung,  in  der  er  lebt,  ohne  im  strengen  Sinne  ihr 
Bürger  zu  sein.  Diese  Welt  kann  er  nur  durch  Wirken  und  Schaffen  zu  der 


72 


seinen  machen.  Arbeit  oder  auch  nur  Beschäftigung  —  ist  bei  ihm  Aus¬ 
druck  einer  seelischen  Emanzipation.  Jede  fertige  Bürste  ist  ein  Schlag  gegen 
die  P  essel,  die  seine  Sinne,  aber  nicht  seinen  Willen  gefangen  hält.  Und  an 
jedem  Korb,  der  irgendwo  in  Betrieben  oder  Familien  seinen  Zweck  erfüllt, 
hängt  ein  Stück  seines  Lebenswillens. 

Zweifellos  leben  wir  heute  in  einer  Zeit,  in  der  die  Relation  Mensch  und 
Arbeit  sich  wandelt  wir  wollen  nur  an  die  40-Stunden-Woche,  die  be¬ 
ginnende  Automation  und  an  die  Zunahme  der  Glücksspiele  denken  — ,  und 
diese  Entwicklung  wird  vor  den  Blinden  nicht  haltmachen.  Sie  wird  aber 
niemals  den  Kern  zerstören  können,  es  sei  denn,  wir  alle  lassen  das  Gebäude 
unserer  Kultur  zerfallen.  Denn  das  Leben  der  Menschen  verläuft  nun  einmal 
nicht  nur  in  einem  vegetativ-biologischen,  sondern  auch  und  vorwiegend 
in  einem  sozialen  Raum. 

*  ( 

Es  hat  zu  allen  Zeiten  vereinzelte  Blinde  gegeben,  die  sich  im  handwerk¬ 
lichen  Sinne  betätigten,  wie  wir  umgekehrt  sicherlich  annehmen  dürfen, 
daß  die  Mehrzahl  der  Blinden  sich  des  Mangels  an  Beschäftigung  gar  nicht 
bewußt  geworden  ist,  sonst  hätte  es  dort,  wo  sie  zusammengezogen  lebten 
z.  B.  im  Asyl  der  Quinzevingts  von  1260  in  Paris  — ,  schon  zu  einer  mehr 
oder  weniger  organisierten  Beschäftigung  kommen  müssen. 

Ganz  allgemein  und  besonders  für  unsere  nächsten  Schritte  wird  es  von 
Nutzen  sein,  das  vorhandene  Tatsachenmaterial  stärker  unter  sozialpsycholo¬ 
gischen  Aspekten  auszuwerten.  Wir  werden  dann  zumindest  erst  einmal  zu 
der  Erkenntnis  kommen,  daß  die  150  Jahre  deutscher  Blindenarbeit  keine 
kurze,  sondern  eine  der  kulturellen  Entwicklung  angemessene  Zeit  sind. 
Wir  dürfen  keine  Scheu  vor  der  banalen  Feststellung  haben,  daß  systema¬ 
tische  Blindenarbeit  sowohl  von  seiten  der  Blinden  als  auch  von  seiten  der 
Sehenden  vor  dem  18.  Jahrhundert  eben  nicht  denkbar  gewesen  ist.  Auch 
das  Blindsein  selbst  war  im  Volksbewußtsein  früherer  Jahrhunderte  wohl 
weniger  vom  Nicht -Sehen -Können  als  von  der  Armut  her  bestimmt.  Mit 
anderen  Worten:  Blindheit  war  zuerst  ein  besonderer  Grad  von  Armut  und 
dann  erst  physische  Hilflosigkeit.  Die  Kirchen  aber  lehrten,  Armut  und 
irdische  Trübsal  nicht  allzuwichtig  zu  nehmen.  Weil  der  Blinde  arm  und 
elend  war,  wurde  er  zwar  bemitleidet,  Bildung  war  aber  nun  einmal  keine  An¬ 
gelegenheit  der  Armen  —  auch  bei  den  Sehenden  nicht.  Die  für  die  Betrach¬ 
tung  dieses  Fragenkomplexes  brauchbare  Perspektive  gewinnen  wir  durch  die 
Vergegenwärtigung  des  Umstandes,  daß  im  Gründungs jahre  der  Jubilarin 
(1806)  und  darüber  hinaus  der  Menschenhandel  noch  eine  beachtliche  De¬ 
visenquelle  darstellte  und  Leibeigenschaft  und  Sklaverei  noch  ganz  natürliche 
Lebensformen  waren,  und  zwar  in  den  Kulturstaaten.  Auch  hatten  damals 
die  Begriffe  ,, Handwerk4',  „Arbeit“  und  „Beruf“  noch  nicht  den  heutigen 
Inhalt.  Hatte  doch  das  Handwerk  aus  seiner  Blütezeit  her  noch  mehr  den 
Charakter  eines  Standes  als  den  einer  Beschäftigungsart,  und  der  Arbeit 
hing  womöglich  noch  immer  etwas  vom  Fluch  der  Genesis  an.  Das  Wagnis 
der  ersten  Arbeitsversuche  mit  Blinden  und  die  menschliche  Größe  der 
zuerst  dazu  bereiten  Männer  heben  sich  unter  diesem  Aspekt  noch  deut- 


73 


licher  in  dem  verworrenen  Hintergrund  des  zeitgenössischen  Weltbildes  ab. 
Schiller  stellt  einmal  fest,  daß  auch  das  Gemüt  seine  Geschichte  hat, 
und  wir  können  mit  Fug  und  Recht  sagen,  daß  auch  die  Blindengeschichte 
in  diesen  Abschnitt  gehört  und  damit  mehr  wird  als  eine  bloße  Rand¬ 
bemerkung  zur  ,, großen“  Weltgeschichte. 

Die  allgemeine  Ansicht,  daß  die  Blinden  absolut  arbeitsunfähig  sind,  wurde 
am  klarsten  ausgedrückt  im  Elisabeth  Poor  Law,  das  im  Jahre  1601  alle 
Kirchenvorsteher  und  Armenaufseher  in  England  und  Wales  anwies,  daß  sie 
verantwortlich  seien  für  „setting  to  work  the  poor  and  the  giving  of  relief 
to  the  lame,  impotent,  old,  blind,  and  such  others  amongst  them  being  poor 
and  unable  to  work“1).  Damit  wird  durch  Gesetz  festgestellt,  daß  Blinde 
,, unfähig  zur  Arbeit“  sind.  Hierzu  kann  jedoch  gleich  gesagt  werden,  daß 
unabhängig  von  der  Entwicklung  auf  dem  Festlande  der  erblindete  Poet 
Edward  Rushton  im  Jahre  1791  in  Liverpool  die  ,, Liverpool  School  for 
the  Indigent  Blind”  gründete,  und  wie  in  Paris,  so  wurde  auch  hier  die 
Frage  nach  der  Blindenarbeit  positiv  beantwortet.  Die  Zeit  der  großen 
Umwälzungen  auf  psychisch- geistigem  Gebiet  war  angebrochen,  und  damit 
war  auch  der  Weg  in  die  soziale  Gemeinschaft  für  den  Blinden  bereitet. 
Und  dieser  Weg  hieß:  Bildung  und  Arbeit. 

* 

Wir  wollen  uns  nun  der  Frage  zuwenden,  welcher  Art  die  von  Blinden  aus¬ 
geübten  handwerklichen  Tätigkeiten  waren  bzw.  welche  in  den  Anstalten 
gelehrt  wurden.  Ohne  Anspruch  auf  Allgemeingültigkeit  zu  erheben,  drängt 
sich  hier  die  Parallele  zwischen  Blindenhandwerken  und  den  menschlichen 
Ur-Handwerken  auf:  Es  sind  die  Tätigkeiten  des  Flechtens,  Knüpfens  und 
Bindens,  die  —  abgesehen  vom  Jagen,  Fischen  u.  A.  —  noch  heute  wichtige 
Gewerbe  der  Naturvölker  darstellen.  Die  heutigen  sogenannten  typischen 
Blindenberufe,  Bürstenmacherei,  Korbmacherei,  Matten-  und  Rohrflechterei, 
und  zum  Teil  Seilerei,  Weberei  und  Strickerei,  sind  ja  weiter  nichts  als  aus¬ 
gereifte,  spezialisierte  und  abgerundete  Berufsbilder  dieser  Ur-Handwerke. 
Wir  können  jedoch  schon  an  dieser  Stelle  feststellen,  daß  heute  —  trotz  ent¬ 
gegenwirkender  Tendenzen  —  von  allen  überhaupt  arbeitenden  Blinden 
(also  auch  von  Nichthandwerkern)  fast  die  Hälfte  als  Bürsteneinzieher  tätig 
ist.  Die  technischen  Voraussetzungen  dieses  Berufes  sind  für  Blinde  geradezu 
ideal.  Leider  nicht  auch  die  wirtschaftlichen,  denn  gerade  hier  steht  der 
blinde  Handwerker  in  hoffnungsloser  Konkurrenz  zur  Maschine  und  zum 
Massenabsatz. 

Wenn  wir  von  den  geistigen  Berufen  in  diesem  Rahmen  absehen,  in  denen 
hervorragende  Blinde  (John  Milton,  Saunderson,  v.  Baczko)  schon  immer 
Beachtung  fanden,  so  können  wir  von  Anfang  an  die  beiden  Grundrichtungen 
der  Handwerke  und  der  Musikberufe  feststellen,  wobei  wir  mit  dem  letzteren 
Begriff  großzügig  verfahren,  denn  die  an  und  für  sich  einen  Handwerks - 

1)  Report  of  the  Working  Party  on  the  Employment  of  Blind  Persons. 

London  1951.  S.  9. 


74 


Charakter  tragenden  Berufe  der  Klavierstimmer  u.  dgl.  wurden  und  werden 
in  den  Anstalten  nicht  zu  den  Handwerken,  sondern  zur  Musik  gerechnet. 
Unter  Blindenhandwerken  werden  heute  jene  obengenannten,  ihrem  Wesen 
nach  und  in  der  Regel  an  Gemeinschaftswerkstätten  gebundenen  Blinden - 
berufe  verstanden.  Der  beachtliche  Beruf  des  blinden  Masseurs,  der  auch 
schon  im  vorigen  Jahrhundert  bekannt  war,  die  kaufmännischen  Berufe  und 
die  Industrieberufe  sowie  alle  Formen  der  Selbständigkeit  (Händler  etc.) 
können  trotz  ihrer  großen  Bedeutung  hier  ebenfalls  nicht  behandelt  werden, 
obwohl  sie  alle  nur  durch  unermüdliche  Bemühungen  —  sei  es  durch  Aus¬ 
bildung  oder  Vermittlung  —  der  Blindenanstalten  möglich  wurden.  Die 
Sorgenkinder  der  Anstalten  sind  nun  einmal  die  blinden  Handwerker,  und 
auch  Blindenanstalten  kennen  das  mütterliche  Gefühl,  das  sich  den  Sorgen¬ 
kindern  besonders  zuwendet.  Obwohl  heute  in  Blindenkreisen  vielfach  die 
Ansicht  vertreten  wird,  die  Industrieberufe  werden  —  oder  mögen  —  die 
Blindenhandwerke  langsam  ablösen,  gibt  es  starke  Bedenken  gegen  die  Mög¬ 
lichkeit  oder  auch  nur  Nützlichkeit  einer  Verwirklichung  dieser  Ansicht. 
Daß  auch  die  Diskussion  um  dieses  Thema  schon  in  der  Geburtsstunde  der 
ersten  Blindenanstalten  im  Gange  war,  möge  eine  Äußerung  des  blinden 
Philosophen  von  B  a  c  z  k  o  bezeugen.  Dieser  schrieb  zu  dem  Ergebnis,  daß 
man  Blinde  aus  der  Pariser  Blindenanstalt  gegen  den  Willen  H  a  u  y  s  in 
die  Fabriken  steckte:  ,,Überdem  scheint  es  im  Geiste  unseres  Zeitalters  zu 
liegen,  die  Menschen  bloß  wohlfeiler  und  einträglicher  für  den  Staat  zu 
machen:  und  deshalb  wurde  im  Oktober  1805  der  durch  Männer,  die  in 
diesem  Geiste  dachten,  entworfene  Plan  genehmigt,  die  Blinden  vorteilhafter 
in  den  Tuch-  und  Tabakmanufakturen  zu  beschäftigen.  Sie  wurden  darin 
zu  maschinenmäßigen  Arbeiten  untergebracht;  für  ihre  Geisteskultur,  die 
Milderung  ihres  unglücklichen  Schicksals,  wurde  nichts  weiter  getan,  und 
der  auf  Kosten  ihrer  Wohltäter  für  sie  zum  Unterricht  angeschaffte  Apparat 
wurde  verkauft“2). 

Der  Gedanke  zur  Ausbildung  Blinder  in  der  Musik,  namentlich  in  der 
Instrumentalmusik  lag  natürlich  auf  der  Hand,  wurde  jedoch  keineswegs 
bedingungslos  verwirklicht.  Für  Hauy,  der  das  Hauptgewicht  seiner  Aus¬ 
bildung  von  vornherein  auf  die  Handwerke  legte,  sollte  die  Musik  lediglich 
zur  Unterhaltung  und  Erbauung  dienen.  Es  zeigte  sich  damals  jedoch,  daß 
die  blinden  Musiker  bessere  Verdienstaussichten  hatten  als  ihre  im  Hand¬ 
werk  tätigen  Kameraden,  und  Hauy  trug  diesem  Umstand  Rechnung.  Ueider 
dürfen  wir  aus  dem  Gesagten  nicht  darauf  schließen,  daß  die  blinden  Musiker 
damals  beim  sehenden  Publikum  sofort  ,, gefragt“  waren,  sondern  wir  sehen 
daran,  daß  der  Blinde  sofern  er  nur  eine  den  Deuten  verständliche 
Deistung  demonstrierte  —  noch  immer  vorzüglich  als  Naturwunder  bestaunt 
wurde.  V  iele  der  damaligen  Blindenpädagogen  haben  den  Handfertigkeiten 
der  Musik  gegenüber  den  Vorzug  gegeben,  in  den  britischen  Blindenanstalten 
tat  man  dies  sogar  den  Wissenschaften  gegenüber.  So  gab  es  in  Edinburgh 
(ab  1792)  eine  Arbeitsschule  für  Blinde,  in  der  vorzüglich  das  Korbmachen 

2)  L.  v.  Baczko:  Uber  mich  selbst  und  meine  Unglücksgef ährten  die  Blinden. 

Leipzig  1807.  S.  93. 


und  Seilerarbeiten  betrieben  wurden.  Ab  1795  gab  es  eine  Arbeitsanstalt 
in  Bristol  mit  100  Zöglingen.  Auch  London  hatte  schon  1799  eine  Arbeits¬ 
anstalt,  worin  Korbmachen,  Mattenfl echten  (laut  Zeune  ,,aus  ostindischem 
Baste“),  Spinnen  und  Schnüreklöppeln  gelehrt  wurden.  Ähnlich  war  es 
später  in  Dublin  und  Glasgow. 

Diese  Art  der  Blindenausbildung  war  gewiß  etwas  einseitig,  zumal  in  den 
übrigen  britischen  Blindenanstalten,  die  sich  nicht  den  Handarbeiten  wid¬ 
meten  (z.  B.  Norwich,  1805),  das  Hauptgewicht  nur  auf  Psalmensingen  und 
Musik  gelegt  wurde,  was  ebensowenig  zur  wahren  Bildung  der  Gesamt - 
Persönlichkeit  beitragen  konnte.  Zeune  hat  aus  diesen  Fehlern  gelernt  und 
sie  bewußt  vermieden.  Er  sagte  wörtlich:  „Zu  billigen  ist  es,  daß  die  Briten, 
welche  früher  die  Blinden  bloß  zu  Handarbeiten  bildeten,  jetzt  das  Festland 
auch  in  der  geistigen  Bildung  derselben  nachzuahmen  streben“3).  Wie  wohl 
niemand  zuvor  hatte  Zeune  erkannt,  daß  der  Blinde  Geist,  Hand  und  Gemüt 
bilden,  üben  und  beschäftigen  muß,  und  sein  gesamter  Lehrplan  stand  auf 
der  dreifachen  Wurzel:  Handarbeit,  Musik  (bei  ihm:  Tonkunst)  und  Wissen¬ 
schaft.  Streng  wachte  er  darüber,  daß  diese  Bildungsbereiche  sich  sinnvoll 
ergänzten.  So  war  ihm  z.  B.  die  Tonkunst  „sowohl  ein  Erwerb  als  eine  Er¬ 
heiterung  für  Blinde“.  Die  Musik  als  Erwerb  gestand  er  jedoch  nur  den 
dafür  besonders  Begabten  und  Gefestigten  zu.  Er  schreibt:  „Die  Erfahrung 
aller  Blindenanstalten  hat  gezeigt,  daß  viele  Zöglinge  nach  dem  Austritte 
die  erlernte  Kunst  (der  Musik)  zum  Herumziehen  auf  den  Straßen  und  in 
Wirtshäusern  anwenden  und  dadurch  nebst  ihren  Führern  ein  herum- 
.  streichendes  Leben  sich  angewöhnen  und  leicht  dem  Branntweinsoffe  sich 
ergeben“4). 

In  ähnlich  gewissenhafter  Form  machte  er  sich  auch  Gedanken  über  Art, 
Technik  und  Brauchbarkeit  der  Handarbeiten  für  Blinde.  Er  war  zwar 
bestens  über  Methoden  und  Erfahrungen  der  anderen  europäischen  Blinden¬ 
anstalten  unterrichtet,  aber  diese  Erfahrungen  waren  noch  lange  nicht  ge¬ 
festigt.  Mit  eigenen  Versuchen  und  Reflexionen  wollte  er  alle  jene  Tätig¬ 
keiten  herausfinden,  die  leicht  und  gefahrlos  genug  waren,  aber  dennoch 
keine  bloße  Spielerei  darstellten,  wie  das  in  Frankreich  von  alten  und 
schwachen  Blinden  betriebene  Anfertigen  von  Papiersäcken  (wir  würden 
heute  „Tütenkleben“  sagen),  obwohl  dort  mit  dieser  Arbeit  zuzeiten  ganz 
beachtliche  Umsätze  erzielt  wurden.  Denn  wenn  ein  Beruf  befriedigen  soll, 
muß  er  seinen  Mann  einigermaßen  ernähren,  er  muß  aber  auch  vor  allem 
von  der  Gemeinschaft  als  vollwertig  anerkannt  werden. 

Die  Zahl  der  von  Zeune  —  und  damals  überhaupt  —  betriebenen  Blinden - 
handwerke  war  wesentlich  größer  als  die  heutige  Zahl  der  Blindenhandwerke. 
Dies  liegt  einmal  im  Wesen  des  Probierens  an  sich  begründet,  zum  anderen 
haben  aber  auch  diese  letzten  150  Jahre  die  größten  wirtschaftlichen  Ver¬ 
änderungen  der  Geschichte  gebracht.  Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  vom  Hand¬ 
werk  (der  Sehenden)  ganz  allgemein  zu  sprechen,  aber  ein  grundsätzlicher 

3)  A.  Zeune:  Beiisar.  Berlin  1846.  S.  54. 

4)  Zeune  a.  a.  O.  S.  84. 


76 


Vergleich  ist  erforderlich.  Man  spricht  heute  vom  Handwerk  als  „Stiefkind 
des  Kapitalismus“  oder  gar  vom  „sterbenden  Handwerk“.  Dem  steht  ent¬ 
gegen,  daß  andere  von  einer  „Renaissance  des  Handwerks“  sprechen.  Das 
Handwerk  ist  aber  „ebenso,  wie  dies  für  die  Industrie  gilt,  ein  lebendiger 
Organismus,  bei  dem  ständig  manche  Teile  absterben,  andere  in  der  Stagna¬ 
tion  verharren  und  noch  andere  neu  hinzuwachsen“5).  An  die  Stelle  der 
Dorf  schmiede  tritt  heute  die  Tankstelle  mit  Autoreparaturwerkstatt.  Im  all¬ 
gemeinen  Handwerk  dürfen  wir  also  nicht  von  „Sterben“  sprechen,  wenn 
es  sich  offenbar  nur  um  eine  Wandlung  handelt.  Im  Blindenhandwerk  zeigt 
sich  jedoch  die  Enge  der  Wandlungsfähigkeit.  Wenn  ein  Blindenhandwerk 
nicht  mehr  lebensfähig  ist,  bietet  sich  leider  nur  ganz  selten  ein  Ersatz  dafür 
an.  Wir  haben  dies  in  Steglitz  gerade  jetzt  mit  der  Strickerei  und  zum  Teil 
mit  der  Seilerei  erfahren.  Und  wo  heute  anscheinend  neue  Blindenhandwerke 
eingeführt  werden,  ist  dies  ein  Rückgriff  auf  alte  Blindenhandarbeiten  (z.  B. 
Weberei),  die  lediglich  während  einiger  Jahrzehnte  nicht  betrieben  wurden. 
Diese  Einengung  gilt  freilich  für  alle  Blindenbeschäftigungen.  Selbst  alle 
Variationen  waren  und  sind  limitiert. 

Der  Blinde  wird  von  seiner  sehenden  Umgebung  unter  sich  ständig  wandeln¬ 
den  Perspektiven  wahrgenommen,  und  es  kann  hier  auch  nur  sehr  schwer  zu 
einer  Ordnung  oder  gar  Gesetzmäßigkeit  kommen,  weil  ja  nur  wenig  Sehende 
direkte  Berührung  mit  Blinden  haben  und  noch  weniger  die  Problematik  der 
Blindheit  erkennen.  So  beruht  die  Meinungsbildung  dieser  sehenden  Um¬ 
gebung  fast  ausschließlich  auf  Vorurteilen  und  Stereotypien.  Dies  wirkt  sich 
auch  auf  die  Beurteilung  der  Leistungen  Blinder  aus.  Z  e  u  n  e  schreibt  in 
bezug  auf  ausübende  Musiker:  „Aber  da  jetzt  von  der  einen  Seite  die  Bildung 
der  Blinden  weit  allgemeiner  geworden  ist,  von  der  anderen  die  Forderungen 
der  Kunst  sich  sehr  gesteigert  haben,  so  fällt  der  Reiz  der  Neuheit  weg,  und 
die  Künstlerreisen  werden  für  Blinde,  welche  noch  einen  Führer  haben 
müssen,  immer  weniger  einträglich“6 7).  Und  Knie  sagt  im  gleichen  Zu¬ 
sammenhang,  daß  das  Publikum  „beim  Wiederauftreten  eines  neuen  Blinden 
mehr  aus  Mitleid  als  in  der  Erwartung  künstlerischer  Leistungen  seinen 
Ehrensold  zeichnet  und  gibt“').  Wir  wollen  hier  die  Änderungen  der  letzten 
100  Jahre  nicht  übersehen,  aber  waren  sie  wirklich  so  wesentlich?  Gerade 
heute  sollte  nur  der  wirklich  begabte  und  berufene  Blinde  in  der  Musik 
eine  Lebensaufgabe  sehen. 

Zeunes  Einstellung  zur  Blindenarbeit .  war  also  sehr  durchdacht  und  welt- 
zugewandt.  Welche  handwerklichen  Tätigkeiten  führten  er  und  sein  Werk¬ 
lehrer  nun  an  seiner  Anstalt  ein?  Obenan  stand  bei  ihm  das  Stricken  (Hand¬ 
stricken),  es  war  ihm  „wohl  in  jeder  Hinsicht  eine  der  zweckmäßigsten  Hand¬ 
arbeiten  für  Blinde,  da  Gerät  und  Auslagen  dazu  unbedeutend  und  der  Ab¬ 
satz  gewiß  ist,  so  daß  Fleißige  sich  jährlich  bis  30  Taler  verdienen  können“8). 
Angefertigt  wurden  besonders  Strümpfe,  Geldbeutel  mit  Perlen,  Mützen  und 

5)  R.  Wagenführ:  Mensch  u.  Wirtsch.  Köln  1952.  S.  139. 

6)  Zeune  a.  a.  O.  S.  83. 

7)  Zeune  a.  a.  O.  S.  83. 

8)  a.  a.  O.  S.  81. 


77 


Handschuhe.  Das  Netzmachen  beschreibt  er  als  noch  leichter,  aber  nicht  so 
einträglich.  Dann  führt  er  ein  spezielles  Becherstricken  auf,  was  sehr  klar 
die  Abhängigkeit  solcher  Arbeiten  vom  Zeitgeschmack  zeigt.  Als  leichteste 
Handfertigkeit  bezeichnet  Zeune  das  Klöppeln  von  Schnüren,  das  auch  zu  den 
ersten  von  Hauy  angewandten  Arbeiten  gehörte.  Weiter  führt  er  auf:  das 
Fransenmachen,  das  Spinnen  am  Rade,  das  Nähen,  das  sich  „bei  Blinden  nur 
auf  gewöhnliche  Arbeiten  erstrecken“  kann,  das  Schuhflechten  aus  Tuch¬ 
enden,  das  Teppichflechten  „auf  einem  waagerechten  Gestelle“,  das  Gurt¬ 
schlagen,  „es  geschah  auf  dem  Oberboden  der  Anstalt  und  wurde  von  einem 
Blinden  dem  anderen  gelehrt“,  das  Korbflechten  —  jedoch  noch  nicht  im 
Sinne  der  heutigen  Korbmacherei  — ,  das  Strohflechten  zum  Anfertigen  von 
Strohtellern,  -matten  und  -eimern  (!),  das  Stuhlsitzflechten  mit  Rohr,  Weiden 
und  Bindfaden,  das  Drahtflechten  (Topfschoner,  Pfeifendeckel  und  Vogel¬ 
bauer)  und  schließlich  Holzschneide-  und  Tischlerarbeiten,  besonders  wohl 
die  Anfertigung  von  Holzschuhen. 

Es  ist  nicht  ersichtlich,  warum  Zeune  an  seiner  Anstalt  nicht  das  Bürsten - 
binden  sofort  eingeführt  hat,  obwohl  ihm  die  Erfolge  anderer  mit  diesem 
Handwerk  gut  bekannt  waren.  So  berichtete  er  selbst,  daß  in  Gmünd  „außer 
dem  Korb-  und  Strohflechten  vorzüglich  das  Bürstenbinden  und  Heftelmachen 
(Heftel-Spange)  als  einträglich  befunden  wurden“9).  Seil  erarbeiten  waren  ihm 
ebenfalls  —  mindestens  aus  der  Blindenanstalt  Edinburg  —  bekannt,  aber 
dazu  fehlten  seiner  jungen  Anstalt  noch  die  Einrichtungen. 

Mit  diesen  von  Zeune  bevorzugten  Beschäftigungen  ist  jedoch  die  Vielzahl 
der  damaligen  Versuche  noch  nicht  erschöpft.  Jeder  Anstaltsleiter  bemühte 
sich  um  neue  Wege,  wie  dies  ja  heute  auch  noch  zutrifft,  und  —  wie  wir 
oben  schon  feststellten  —  gab  es  genügend  Blinde,  vorzüglich  wohl  Erblin¬ 
dete,  die  versuchten,  ihre  bisherige  Beschäftigung  der  Erblindung  anzupassen 
oder  neue  Möglichkeiten  zu  entdecken.  Ein  nicht  uninteressantes  Beispiel  ist 
ja  der  Blinde  von  Puiseaux  bei  Diderot  (Lettre  sur  les  aveugles,  1749),  der  in 
einer  kleinen  Landstadt  wohnte  ,,.  .  .  von  wo  er  alle  Jahre  eine  Reise  nach 
Paris  macht.  Er  bringt  gebrannte  Wasser  hin,  die  er  selbst  abzieht  und  womit 
man  sehr  zufrieden  ist“10).  Bei  v.  Baczko  finden  wir  eine  ganze  Liste  solcher 
Blinden,  die  sich  mit  allen  möglichen  (manchmal  sogar  unmöglich  erschei¬ 
nenden)  Handarbeiten  beschäftigen.  Nachweisbar  hat  es  blinde  Uhrmacher 
gegeben,  und  die  Schuhmacherei  hat  in  einigen  Anstalten  (z.  B.  in  Wien, 
1804)  eine  große  Rolle  gespielt.  In  der  Kopenhagener  Anstalt  wurde  das 
Schuhmacherhandwerk  mit  Anwendung  besonderer,  in  dieser  Anstalt  er¬ 
fundener  Werkzeuge  betrieben.  Trotzdem  sagte  M.  Pablasek  schon  da¬ 
mals:  „Über  den  Nutzen  und  die  Zulässigkeit  des  Unterrichts  in  der  Schuh¬ 
macherei  sind  die  Stimmen  sehr  ungleich  geteilt.  Bei  weitem  die  Mehrzahl 
ist  absprechend,  und  in  Folge  dessen  wird  sie  auch  nur  in  sehr  wenigen 
Anstalten  betrieben“11).  Hauy  beschäftigte  seine  Blinden  im  Buchdrucker - 

ö)  Zeune  a.  a.  O.  S.  62. 

10)  Zeune  a.  a.  O.  S.  99. 

u)  M.  Pablasek:  Die  Fürsorge  für  die  Blinden  von  der  Wiege  bis  zum  Grabe. 

Wien  1867.  S.  276. 


78 


handwerk,  sowohl  für  normalen  als  für  tastbaren  Druck,  allerdings  mit 
sehender  Hilfe.  In  Frankreich  war  überhaupt  die  gemeinsame  Beschäftigung 
von  sehenden  und  blinden  Handwerkern  und  die  manufakturmäßige  Auf¬ 
teilung  der  Handgriffe  und  Teilarbeiten  (z.  B.  auch  in  der  Korbmacherei) 
nicht  ungewöhnlich.  Das  „Geschäft  des  Glasers“  hält  v.  Baczko  für  so  ein¬ 
fach,  daß  er  selbst,  „weil  die  mehresten  Glasscheiben  eine  regelmäßige  Figur 
haben,  solche  mit  Hilfe  eines  Winkels  zuzuschneiden  im  Stande  wäre“12). 
Dieser  etwas  weltfremde  Ausspruch,  der  in  Blindenkreisen  jedoch  durchaus 
nicht  allein  dasteht,  zeigt  uns,  wie  wenig  der  gute  Wille  allein  vermag  —  und 
wie  schwer  in  Wirklichkeit  neue  Lösungen  zu  finden  sind. 

* 


Die  Verbesserung  der  Lehr-  und  Arbeitsmethoden,  eine  gewisse  Ratio¬ 
nalisierung  und  schließlich  die  Zunahme  der  ausgebildeten  blinden  Hand¬ 
werker  ließen  es  in  den  einzelnen  Anstalten  allmählich  zu  einer  ansehnlichen 
Produktion  kommen.  Die  Blindenerzeugnisse  (namentlich  Bürsten)  wurden 
nach  Art  und  Zahl  ganz  einfach  zur  „Ware“,  zumal  der  Zug  der  Zeit  ganz 
allgemein  in  dieser  Richtung  fortschritt.  Auch  hier  läßt  sich  der  Übergang 
vom  patriarchalisch-betulichen  Verkauf  zum  kaufmännisch  geleiteten  Betrieb 
nicht  auf  ein  Jahrzehnt  festlegen.  Für  unsere  Steglitzer  Anstalt  ist  dieser 
Prozeß  aber  eng  an  den  Namen  Karl  Wulff  gebunden.  Seine  Sorge  wäh¬ 
rend  seiner  Amtszeit  als  Direktor  unserer  Anstalt  (1883 — 1897)  galt  in  erster 
Linie  der  gewerblichen  Reorganisation  und  der  Sicherung  des  in  der  Anstalt 
gewonnenen  Bildungsgutes  nach  Verlassen  derselben.  Da  diese  „nachgehende 
Fürsorge“  einer  behördlich  gebundenen  Anstalt  auch  beim  besten  Willen 
nur  schlecht  möglich  ist,  gründete  er  1886  den  „Verein  zur  Beförderung  der 
wirtschaftlichen  Selbständigkeit  der  Blinden“,  dem  er  diese  sozialen  und  wirt¬ 
schaftlichen  Aufgaben  übertrug,  und  der  sie  noch  heute  —  unter  der  Be¬ 
zeichnung  „Blindenhilfswerk  Berlin“  —  in  seinem  Geiste  durchführt.  Schon 
einige  nüchterne  Zahlen  können  Wert  und  Geist  der  Arbeit  Wulffs  be¬ 
zeugen:  1886  Gründung  des  Vereins,  1889  Bau  eines  Frauenheims  (heute 
zerstört),  1893  Bau  eines  Männerheims,  Eröffnung  einer  75  m  langen  Seiler¬ 
bahn  für  Sommer  und  Winter,  Auszeichnung  unserer  Handwerkserzeugnisse 
auf  der  Weltausstellung  in  Chikago,  der  weitere  Auszeichnungen  folgten, 
1894  Vertrag  zwischen  Anstalt  und  Verein  zwecks  gemeinsamen  Werk¬ 
stättenbetriebes,  Eröffnung  einer  Verkaufsstelle  in  der  Potsdamer  Straße,  der 
1896  ein  weiteres  Geschäft  in  der  Frankfurter  Straße  folgte.  Inzwischen 
wurden  diese  Zweigstellen  aber  wieder  auf  gegeben.  Von  grundsätzlicher  Be¬ 
deutung  ist  auch,  daß  Wulff  als  erster  Späterblindete  in  die  ordentliche 
Handwerksausbildung  aufnahm.  „Wulff  arbeitete  wie  ein  Kaufmann,  um 

eine  möglichst  große  Kundschaft  für  seine  Blinden  zu  erlangen . Mit 

Stolz  wies  er  nach,  wie  hoch  sich  der  Absatz  der  erzeugten  Waren  belief  und 

12)  L.  v.  Baczko  a.  a.  O.  S.  216. 


79 


wieviel  seine  Pflegebefohlenen  dabei  verdienten“13).  Dieser  Fortschritt  blieb 
nicht  unbeachtet  und  wurde  zum  Vorbild  vieler  Blindenanstalten.  Dennoch 
darf  diese  nützliche  Aufgabenteilung  nicht  zu  einer  Divergenz  der  Ziele  von 
schulischer  und  handwerklicher  Bildung  führen,  denn  das  Ziel  muß  immer 
der  lebenstüchtige  Blinde  in  seiner  Ganzheit  sein,  wie  Wulff  dies  selbst 
immer  auf  allen  Blindenlehrerkongressen  gefordert  hat. 

Es  ist  natüilich  unmöglich,  in  diesem  Rahmen  alle  W  ege  und  Nebenwege 
der  Entwicklung  des  Blindenhandwerks  aufzuzeigen,  denn  an  allen  Ecken 
und  Enden  regte  sich  in  den  letzten  150  Jahren  der  Geist  der  Blinden  - 
Berufsausbildung.  Erwähnt  seien  nur  die  von  Zeune  mitangeregten  Werk- 
schulen  für  die  Kriegsblinden  aus  den  Freiheitskriegen  und  alle  späteren 
zunächst  für  Kriegsblinde  geschaffenen  ETmschulungsstätten,  die  jedoch  —  wie 
zuletzt  die  Silex -Handelsschule  —  nicht  mehr  der  handwerklichen  Ausbil¬ 
dung  dienten.  Die  Blinden-Selbsthilfeorganisationen  schufen  Handwerks¬ 
betriebe;  Genossenschaften  und  Verkaufsorganisationen  bildeten  sich,  und  so¬ 
gar  ein  scharfer  und  leider  nicht  immer  fairer  Konkurrenzkampf  fand  Ein¬ 
gang  in  den  scheinbar  so  friedlichen  Bezirk  des  Blindenhandwerks.  Es  fanden 
sich  leider  immer  wieder  gewissenlose  Unternehmer,  die  auf  Kosten  der  blin¬ 
den  Handwerker  ihre  Taschen  füllten.  (Vgl.  Peyer:  Bl. -Handwerk  u.  Bl.- 
Handwerksgenossenschaften,  Hamburg  1926.)  Leider  mußte  schon  wieder¬ 
holt  auf  gesetzlichem  Wege  versucht  werden,  die  schlimmsten  Mißstände 
cibzustellen.  So  wurden  und  werden  den  Blindenanstalten  zu  der  gewiß  schon 
großen  Problematik  des  Blindenhandwerks  noch  zusätzliche  Sorgen  auf¬ 
gebürdet. 

Eine  solche  Besinnung  auf  die  Vergangenheit,  wie  sie  bei  einem  Jubiläum 
selbstverständlich  ist,  kann  uns  deutlich  vor  Augen  führen,  daß  gerade  auf 
unserem  Gebiet  die  Zukunft  nicht  sprunghaft  die  Lösung  unserer  Sorgen 
bringen  wird  mindestens  dürfen  wir  nicht  so  tun,  als  wäre  „selbstver¬ 
ständlich1'  die  Rolle  des  Blindenhandwerks  vorbei.  Wir  haben  uns  den 
Blindenberufen  gegenüber  einen  ausschließlich  wertenden,  merkantilen 
Standpunkt  angeeignet,  und  es  wird  richtig  sein,  die  pädagogisch-moralische 
Bedeutung  wieder  mehr  in  den  Vordergrund  zu  stellen.  Dazu  gehört  vor 
allem  das  Aufgeben  der  Ansicht  von  der  Zweitrangigkeit  der  handwerk¬ 
lichen  Berufe.  Jür  den  blinden  Menschen  ist  jede  Arbeit  schwerer  als  für 
den  sehenden,  und  damit  wird  jede  seiner  Tätigkeiten  zur  beachtenswerten 
Leistung.  Blindheit  ist  ein  Eingriff  in  die  Persönlichkeitsstruktur,  der  nur 
durch  harte  Arbeit  ausgeglichen  werden  kann.  Es  liegt  durchaus  nicht  immer 
am  Mangel  „geistiger“  Anlagen,  wenn  dies  nicht  ganz  gelingt.  Wenn  Zeune 
hier  schon  Fehler  machte,  als  er  von  den  „bloß  mechanischen  Köpfen“ 
sprach,  die  lediglich  zum  Handwerk  taugten,  dann  müssen  wir  dies  aus  der 
Zeit  heraus  verstehen.  Zeune  hat  diese  Bemerkung  durch  seine  Taten  hun¬ 
dertfach  widerlegt.  Heute  dürfen  solche  Ansichten  in  der  großen  Blinden¬ 
familie  keinen  Platz  mehr  haben. 


)  Alexander  Mell:  Encyklopädisches  Handbuch  des  Blindenwesens. 
Wien  und  Leipzig  1900.  S.  850. 


80 


Die  jüngste  Zeit  hat  große  Fortschritte  in  der  sozialen  Sicherung  der  Blinden 
gebracht,  die  Sorge  um  die  Existenzfähigkeit  überhaupt  ist  im  wesentlichen 
gebrochen.  Das  könnte  bei  gutem  W  illen  eine  Reform  des  Blindenhandwerks 
erleichtern.  Freilich  wird  mancher  einsehen  müssen:  Für  „Geschäfte“  ist 
die  ehrliche  Arbeit  Blinder  nicht  gedacht  —  und  auch  gar  nicht  so  gut  geeig¬ 
net,  wie  es  manchmal  scheint.  Wir  können  jedoch  in  diesem  Rahmen  den 
Komplex  der  Absatzfragen  und  -methoden  nicht  erörtern.  Schon  aus  rein 
pädagogischen  und  psychologischen  Gründen  müssen  wir  aber  nach  wie  vor 
nach  neuen  Arbeitsmöglichkeiten  für  Blinde  suchen.  Die  letzten  150  Jahre 
haben  uns  aber  eindeutig  gelehrt,  daß  dies  nicht  leicht  ist,  und  wir  dürfen 
daher  den  Zustand  der  geringen  Auswahlmöglichkeit  nicht  künstlich  dra¬ 
matisieren.  Es  gibt  Länder,  die  mit  nur  einem  Blindenberuf  gut  auskommen 
(Japan:  Masseurberuf),  und  schließlich  findet  auch  nur  selten  ein  Sehender 
in  seinem  Berufe  die  Erfüllung  aller  seiner  "W  ünsche  und  Träume. 

In  den  b  ereinigten  Staaten,  wo  die  Entwicklung  der  Blindenarbeit  zunächst 
etv  a  der  unseren  entsprach,  ist  man  heute  bewußt  von  einem  weiteren  Aus¬ 
bau  der  typischen  Blindenhandwerke  abgerückt,  weil  man  hier  eine  doch 
nicht  zu  überschreitende  Begrenzung  erkannt  haben  will.  In  den  „Vocational 
Schools“  und  „Adjustment  Centers  for  Blind  Workers“  werden  Blinde  und 
Erblindete  in  allen  denkbaren  alltäglichen  Handgriffen,  Verrichtungen  und 
Situationen  bis  zu  einer  individuellen  maximalen  Fertigkeit  geschult  und 
trainiert  (also  etwa  vom  Salz-in-die-Suppe-Streuen  bis  zum  Verreisen  ohne 
Begleitung),  und  der  so  den  allgemeinen  Lebensbedingungen  besser  an¬ 
gepaßte  Blinde  wird  dann  in  irgendeinen  Beruf  vermittelt,  für  den  gerade  er 
als  Indi\  iduum  geeignet  ist.  Diese  Methode  ist  sicherlich  sehr  gut  und 
erfolgreich,  in  Deutschland  stehen  aber  wohl  noch  keiner  Anstalt  oder 
Organisation  die  hierzu  erforderlichen  Geld-  und  Personalreserven  zur  Ver¬ 
fügung. 

Für  uns  in  Steglitz  kommt  hinzu,  daß  wir  auf  einer  politischen  Insel  leben, 
denn  auch  eine  Blindenanstalt  braucht  für  ihre  Entwicklung  Hinterland. 
Auch  auf  dem  Gebiete  des  Blindenhandwerks  werden  die  Blindenbildungs- 
anstalt  und  das  Blindenhilfswerk  Berlin  sich  aber  immer  ihrer  Tradition 
bewußt  sein  in  dem  Sinne  —  wie  Thomas  Mann  sagt  — ,  daß  das  Leben 
eine  Aufgabe,  eine  Pflicht  sei,  die  uns  von  der  Vergangenheit,  deren  Produkt 
vir  sind,  auf  erlegt  wurde.  Von  unseren  Vorbildern  in  der  Blindenpädagogik 
vollen  wir  drei  Dinge  mit  in  die  Zukunft  nehmen:  Verantwortungsbewußt¬ 
sein,  eine  ausdauernde,  aber  sachliche  Liebe  zum  Werk  —  und  Bescheidenheit. 


81 


Rückgang  der  Blindheit  in  den  letzten  150  Jahren 
infolge  der  Fortschritte  in  der  Augenheilkunde 

Von  Professor  Dr.  med.  Kurd  Vogelsang 

Chefarzt  der  Augenabteilung 

des  Städtischen  Rudolf-Virchow-Krankenhauses 

„Im  Jahre  1850  waren  noch  35%  der  Erblindungen  in  Deutschland  durch 
Pocken  (Variola)  verursacht.“ 

So  schreibt  Professor  Karl  L  i  n  d  n  e  r  aus  Wien  in  seinem  Lehrbuch  der 
Augenheilkunde  1952,  d.  h.  nach  100  Jahren. 

V  enn  wir  uns  in  den  vorliegenden  Zeilen  über  den  Rückgang  der  Blindheit 
in  den  letzten  150  Jahren  unterhalten,  so  ist  dieser  eine  Satz  eine  eindrucks¬ 
volle  Einleitung. 

Auch  in  dem  Artikel  über  die  Blindheit  von  A.  Eugen  Fick  (1918,  Hand¬ 
buch  der  gesamten  Augenheilkunde)  werden  in  der  Statistik  der  Erblindungs- 
ursachen  die  Pocken  aufgeführt.  Selbst  als  Augenarzt,  der  jahrzehntelang 
in  seinem  Fach  tätig  ist,  hat  man,  wenigstens  in  Europa,  eine  Pocken - 
erkrankung  nicht  mehr  gesehen. 

Bei  der  echten  Variola  erkrankt  die  Hornhaut  in  etwa  70%  der  Fälle;  durch 
diese  Komplikation  besteht  die  Gefahr  der  Erblindung. 

Wir  können  die  Pockenerkrankung  als  Erblindungsursache  in  unseren  Breiten 
vollständig  streichen. 

Weiterhin  können  wir  die  Augen-Diphtherie  kurz  behandeln.  Auch  bei  dieser 
Infektionserkrankung  besteht  durch  die  Hornhautkomplikation  Gefahr  für 
das  Augenlicht.  Die  Diphtherie  spielt  heutzutage  in  der  Augenheilkunde  so 
gut  wie  keine  Rolle  mehr. 

Wiederum  müssen  wir  Professor  L  i  n  d  n  e  r  zitieren : 

Das  Trachom  —  die  ägyptische  Augenentzündung  — ,  diese  früher  so  ge¬ 
fürchtete  Erkrankung,  ist  in  unserer  Bevölkerung  verschwunden. 

Was  diese  lapidaren  Sätze  bedeuten,  kann  nur  derjenige  ermessen,  der  seit 
etwa  30  Jahren  Augenarzt  ist.  —  Noch  in  den  20er  Jahren  gab  es  in  jeder 
größeren  Augenklinik  ständig  den  Patienten  mit  „altem“  Trachom  und  einige 
wenige  frische  Erkrankungen. 

Es  ist  bekannt,  daß  die  Granulöse  (Körner- Krankheit  =  Trachom)  auch 
heute  noch  auf  Infektion  mit  unbekanntem  Virus  zurückgeführt  wird.  Die 
Krankheit  ist  ansteckend;  die  Übertragung  geschieht  durch  Kontaktinfektion 
(gemeinsame  Benutzung  von  Wäsche,  Geräten  usw.). 


82 


T 


Die  Gefahr  des  Trachoms  beruht  in  der  Narbenbildung  der  Bindehaut;  diese 
Narbenbildung  führt  zur  sekundären  Schädigung  der  Hornhaut.  Die  Horn¬ 
hautkrankheit  bedingt  die  spätere  Erblindung. 

Es  ist  keine  15  Jahre  her,  daß  die  Sulfonamid-Therapie  in  die  Behandlung 
des  Trachoms  eingeführt  wurde,  wie  alles  Neue  großer  Kritik  ausgesetzt; 
es  hieß  zuerst,  daß  nur  zusätzlich  die  Begleiterscheinungen  reduziert  wurden, 
aber  es  ist  doch  so,  daß  das  Trachom  trotz  der  großen  Völkerverschiebungen 
des  letzten  Jahrhunderts  in  Europa  als  praktisch  erloschen  betrachtet  werden 
kann. 

Selbstverständlich  muß  auch  heute  der  Augenarzt  bei  hartnäckigen  folli¬ 
kulären  Bindehautentzündungen  an  das  Vorliegen  eines  Trachoms  denken, 
und  der  angehende  Augenarzt  muß  die  Klinik  des  Trachoms  beherrschen. 
Zugänge  zu  den  Blindenanstalten  sind  aus  der  Gruppe  der  Trachomkranken 
aber  kaum  mehr  zu  erwarten.  —  Es  wäre  reizvoll  zu  erfahren,  wie  der  Zu¬ 
gang  von  Erblindungen  in  den  noch  heute  vom  Trachom  befallenen  Ländern 
ist  (Nah- Orient,  Ägypten  u.  a.). 

Besondere  Aufmerksamkeit  bedarf  bei  Besprechung  der  Erblindungsursache 
der  Eiterfluß  der  Neugeborenen.  Bis  vor  20  Jahren  bildeten  die  am  Augen¬ 
tripper  erblindeten  Kinder  einen  hohen  Prozentsatz  der  Insassen  der  Blinden¬ 
anstalten.  Für  denjenigen,  der  seit  etwa  30  Jahren  als  Augenarzt  tätig  ist, 
ist  es  eine  bedeutsame  Tatsache,  daß  auch  diese  Erkrankung,  vergleichbar 
mit  dem  Trachom,  fast  nicht  mehr  vorhanden  ist. 

Als  ich  im  Jahre  1940  in  die  Augenabteilung  des  Rudolf -Virchow-Kranken- 
hauses  eintrat,  fand  ich  dort  ein  besonderes  Zimmer  für  die  Blennorrhoe- 
Kinder  vor,  das  meistens  belegt  war.  Die  Blennorrhoe -Behandlung  gehörte 
mit  zu  den  schwierigsten  und  aufopferungsvollsten  Aufgaben  der  Augenheil¬ 
kunde.  Tag  und  Nacht  mußten  die  sogenannten  großen  Spülungen  vor¬ 
genommen  werden,  und  trotzdem  konnte  die  Einschmelzung  des  vorderen 
Augenabschnittes  nicht  auf  gehalten  werden. 

Es  ist  heute  auch  noch  so,  daß  die  Crede’sche  Prophylaxe  (Einträufeln  von 
V2%iger  Silbernitratlösung)  durch  die  Hebammen  gesetzliche  Maßnahme  ist. 
Ob  bei  Veränderungen  der  therapeutischen  Maßnahmen  eine  Aufhebung 
dieser  gesetzlichen  Maßnahme  erfolgen  kann,  bleibt  abzuwarten. 

Selbstverständlich  kommen  einzelne  Erkrankungsfälle  immer  noch  vor;  sie 
werden  in  Hautkliniken  oder  geburtshilflichen  Abteilungen  oder  draußen  in 
der  Praxis  zuerst  beobachtet  und  dann  der  Augenklinik  zugewiesen. 

Die  Prognose  ist  durch  die  Sulfonamid-  und  Penicillin-Therapie  gänzlich 
umgestellt  und  so  erfolgreich  geworden,  daß  eine  schwere  Komplikation,  die 
zur  Erblindung  führen  könnte,  wirklich  so  gut  wie  nicht  mehr  vorkommt.  * — 
Über  diese  hygienischen  Fortschritte  kann  man  sich  nur  freuen. 

Allerdings  erfordert  nach  wie  vor  die  Beobachtung  jedes  einzelnen  Krank¬ 
heitsfalles  große  Wachsamkeit  und  auch  Kenntnis  der  Diagnose  und  The¬ 
rapie. 


83 


Wenn  E.  Fick  unter  den  Erblindungsursachen  Masern,  Scharlach,  Typhus, 
Kindbettfieber  angibt,  so  spielen  diese  Erkrankungsformen  in  bezug  auf  Er¬ 
blindung  so  gut  wie  keine  Rolle  mehr. 

Spricht  man  von  angeborener  Blindheit,  so  könnten  in  seltenen  Fällen  die 
Lider  teilweise  oder  in  ganzer  Ausdehnung  verwachsen  sein.  Meist  ist  hinter 
den  verschlossenen  Lidern  der  Augapfel  nur  unvollständig  entwickelt  oder 
fehlt  vollständig  (Anophtlialmus). 

Ein  neues  Krankheitsbild,  welches  zur  angeborenen  Blindheit  führt,  ist  die 
hinter  der  Linse  gelegene  Glaskörperverschwartung.  Diese  Erkrankung,  die 
1942  erstmalig  beschrieben  wurde,  entwickelt  sich  in  den  ersten  Lebens¬ 
wochen  oder  -monaten,  und  zwar  bei  unreifen  und  untergewichtigen  Neu¬ 
geborenen,  vorzugsweise  Frühgeburten. 

Es  kommt  zu  einer  schweren  Erkrankung  des  hinteren  Augenabschnittes,  vor 
allem  zu  dichten  Glaskörperverschwartungen.  Dieses  Krankheitsbild  wird  in 
Zukunft  etwas  häufiger  werden,  weil  die  Kinderheilkunde  große  Fortschritte 
in  der  Behandlung  von  Frühgeburten  gemacht  hat. 

Es  kann  sein,  daß  in  den  Blindenanstalten  Aufnahmen  erfolgen  werden, 
deren  Ursache  in  dieser  Erkrankung  liegt.  Ob  die  Fibroplasie  behandlungs- 
fähig  oder  besserungsfähig  ist,  läßt  sich  heute  mit  Sicherheit  nicht  sagen;  auf 
jeden  Fall  handelt  es  sich  um  ein  sehr  ernstes  Krankheitsbild,  was  in  der 
Mehrzahl  der  Fälle  zur  Erblindung  führen  wird. 

Der  jugendliche  grüne  Star  (Hydrophthalmus,  Buphthalmus)  hat  seine 
Schrecken  noch  nicht  verloren.  Auch  bei  der  weit  fortgeschrittenen  konserva¬ 
tiven  und  operativen  Behandlung  der  Drucksteigerungen  am  Auge  ist  die 
Prognose  beim  kindlichen  grünen  Star  als  ungünstig  zu  bezeichnen. 

Die  Kinder  haben  ein  schweres  Schicksal;  sie  sind  durch  die  Vergrößerung 
der  Augäpfel  äußerlich  erkennbar  entstellt,  vielfach  von  Schmerzen  geplagt. 
Wiederholte  Operationen  bringen  vielfältiges  Leiden,  und  die  Beeinträchti¬ 
gung  des  Sehvermögens  und  des  Gesichtsfeldes  durch  Schädigung  des  Seh¬ 
nerven  läßt  sich  nicht  aufhalten.  Das  Buphthalmuskind  wird  nach  wie  vor 
in  den  Blindenanstalten  zu  finden  sein.  Vielfach  wurde  ein  Auge  entfernt. 
Auf  erbliche  Einflüsse  ist  zu  achten. 

Wenn  man  sich  die  Frage  auf  erlegt,  ob  die  hohe  Kurzsichtigkeit  (Myopie) 
als  Erblindungsursache  zu-  oder  abgenommen  hat,  so  ist  darauf  hinzuweisen, 
daß  durch  die  seit  50  Jahren  bestehende  Möglichkeit,  die  Netzhautablösungen 
einer  operativen  Behandlung  zu  unterziehen,  wesentliche  Gefahrenmomente 
herabgemindert  sind.  —  Im  jugendlichen  Alter  kann  auch  heute  eine  sehr 
schwerwiegende  Myopie  durch  Netzhautablösung  zur  Erblindung  führen  mit 
geringer  Aussicht  einer  operativen  Behandlung  und  Besserung.  Die  Zahl  der 
Erwachsenen,  welche  zumindest  auf  beiden  Augen  infolge  hoher  Kurzsichtig¬ 
keit  blind  werden,  hat  sicher  abgenommen. 

Das  Gliom  der  Netzhaut  ist  eine  der  gefährlichsten  Geschwülste  des  Auges, 
und  es  entwickelt  sich  meist  im  ersten  Kindesalter.  Häufig  tritt  die  Ge- 


84 


schwulst  beidseitig  auf.  Selten  werden  Eltern  damit  einverstanden  sein,  daß 
man  beide  Augen  entfernt.  In  solchen  Fällen  können  Radiumbestrahlungen 
versucht  werden. 

Eine  sorgfältige  Diagnosenstellung  ist  notwendig,  weil  ähnliche  Krankheits- 
bilder  aus  anderer  Ursache  Vorkommen.  Gliom-Kinder  werden  nach  wie  vor 
in  den  Blindenanstalten  anzutreffen  sein. 

Tuberkulose,  Skrofulöse  und  auch  Syphilis  an  den  Augen  nehmen  ab.  Die 
Prognose  der  schweren  skrofulösen  Augenentzündungen  ist  günstiger  ge¬ 
worden.  Dichte  Narbentrübungen  werden  seltener.  Die  tiefe  Hornhaut¬ 
entzündung  auf  kongenital  syphilitischer  Grundlage  (Keratitis  parenchyma- 
tosa)  gehört  heute  zu  Seltenheiten  und  wird  von  den  Assistenten  in  der 
Augenklinik  kaum  noch  gesehen.  — 

Außerdem  sind  bei  Endzuständen  von  schweren  Augenerkrankungen  mit 
dichten  Hornhauttrübungen  neue  Möglichkeiten  einer  Besserung  durch  die 
Ausbreitung  der  Hornhautüberpflanzung  (Keratoplastik)  entstanden. 

In  den  letzten  20  Jahren  hat  dieses  operative  Verfahren,  an  dessen  Vervoll¬ 
kommnung  Herr  Professor  L  ö  h  1  e  i  n  ,  Berlin,  maßgeblich  beteiligt  war, 
an  Bedeutung  zugenommen.  Es  gibt  einzelne  Krankheitsfälle  in  verschiede¬ 
nem  Lebensalter,  die  durch  eine  Hornhautüberpflanzung  (es  kann  Hornhaut¬ 
material  vom  Leichenauge  überpflanzt  werden)  gebessert  werden  können. 
Allerdings  gehört  zur  Hornhautüberpflanzung  eine  sorgfältige  Indikations- 
stellung  jedes  einzelnen  Krankheitsfalles  und  eine  sehr  erfahrene  operative 
Technik  und  Nachbehandlung. 

Die  Hornhautüberpflanzung  ist  ein  eigenes  Kapitel  der  Augenheilkunde  ge¬ 
worden.  Der  Wunsch,  eine  Erblindung  bei  Trübung  der  Hornhaut  zu  heilen, 
ist  schon  100  Jahre  alt.  Selbstverständlich  kann  die  Besserung  des  Seh¬ 
vermögens  nur  dann  eintreten,  wenn  die  Linse  und  der  Glaskörper  klar  sind 
und  Sehnerv  und  Netzhaut  funktionieren.  — 

Man  geht  so  vor,  daß  von  einem  Leichenauge  ein  Stück  klare  Hornhaut 
heraustrepaniert  wird;  dieses  Stück  wird  nach  Entfernung  der  getrübten 
Partie  am  kranken  Auge  zum  Inplantat,  d.  h.  zu  dem  zur  Heilung  bestimm¬ 
ten  Stück.  Eine  Fülle  von  Komplikationen  können  den  Erfolg  in  Frage  stellen, 
z.  B.  Einwachsen  von  Gefäßen,  Verschwartungen  durch  Blutungen,  Gefähr¬ 
dung  durch  grauen  und  grünen  Star.  Der  Arzt  ist  bei  jedem  Patienten,  bei 
dem  eine  Hornhautüberpflanzung  in  Frage  kommt,  auch  seelisch  in  einer 
schwierigen  Lage,  weil  er  nicht  sicher  ist,  ob  die  Hoffnungen  des  Patienten 
erfüllt  werden  können. 

Gerade  bei  jugendlichen  Blinden  sollte  man  mit  zu  optimistischen  Schilde¬ 
rungen  vorsichtig  sein. 

LIngeklärte  Vergiftungen  können  durch  Sehnervenschwund  zur  Erblindung 
führen;  im  jugendlichen  Alter  werden  Tabak  und  Weingeist  seltener  als 
Ursache  in  Frage  kommen. 

Einen  großen  Prozentsatz  der  Erblindeten  stellen  nach  wie  vor  Patienten 
mit  jugendlichem  Star  dar.  Es  kommt  allerdings  heutzutage  seltener  vor, 


85 


daß  die  Operationen  des  jugendlichen  grauen  Stars  zu  keinem  Erfolg  geführt 
haben.  Infolge  entzündlicher  Prozesse  und  Verwachsungen  an  der  Pupille 
wird  ein  brauchbares  Sehvermögen  nicht  erzielt.  Die  sympathische  Ophthal¬ 
mie,  d.  h.  die  Entzündung  des  zweiten  Auges  nach  Verletzung  oder  Opera¬ 
tion  des  anderen  Auges,  ist  ebenfalls  unter  den  heutigen  therapeutischen 
Situationen  fast  gar  nicht  mehr  anzutreffen. 

Zusammenfassend  ist  zu  sagen,  daß  die  Augenheilkunde  in  der  Tat  in  den 
letzten  150  Jahren  solche  Fortschritte  gemacht  hat,  daß  sich  das  Krankengut 
weitgehend  verändert  hat.  Dadurch  haben  sich  auch  die  Erblindungsursachen 
verändert  und  das  Menschengut  der  Blindenanstalten;  die  Zahl  der  Erblin¬ 
dungen  hat  abgenommen. 


Die  Blindenselbsthilfe  seit  1945 


Von  Dr.  Alfons  Gott  w  a  1  d 
Vorsitzender  des  Deutschen  Blindenverbandes 

Im  Jahre  1872  wurde  in  Hamburg  die  erste  Blindengenossenschaft  und  im 
Jahre  1874  in  Berlin  der  erste  Blindenverein,  nämlich  der  „Allgemeine 
Blindenverein  Berlin“,  gegründet.  Damit  war  die  Blindenselbsthilfe  auf  den 
Plan  getreten. 

Die  Entwicklung  bis  zum  heutigen  Tage  erfolgte  in  drei  Abschnitten.  Der 
erste  reicht  bis  zum  Jahre  1912,  dem  Jahr  der  Gründung  des  Reichsdeutschen 
Blindenverbandes;  dann  folgt  die  Wirksamkeit  des  Reichsdeutschen  Blinden¬ 
verbandes  bis  zum  Jahre  1945.  Den  dritten  Abschnitt  bildet  die  Zeit  von 
1945  bis  zum  heutigen  Tage. 

Die  beiden  ersten  Abschnitte  werden  ausführlich  in  einer  Schrift  behandelt, 
die  der  Deutsche  Blindenverband  herausgibt  und  die  demnächst  erscheinen 
wird.  Der  dritte  Abschnitt  befindet  sich  zu  sehr  im  Fluß,  als  daß  es  schon 
angezeigt  wäre,  eine  ausführliche  Darstellung  zu  geben.  Das  Wegstück,  das 
wir  seit  1945  zurückgelegt  haben,  ist  hierfür  noch  zu  kurz. 

Wohl  aber  ist  es  richtig,  sich  einmal  umzuschauen  und  einen  Überblick 
über  das  zu  verschaffen,  was  erreicht  wurde  und  was  noch  zu  erreichen  ist. 


I. 

Infolge  des  Zusammenbruchs  von  1945  mußte  auch  die  Organisation  der 
Blindenselbsthilfe,  der  Reichsdeutsche  Blindenverband  mit  seinen  Unter¬ 
gliederungen,  seine  Tätigkeit  einstellen.  In  der  sowjetischen  Zone  wurde  sie 
nicht  wieder  aufgenommen.  Dort  ist  das  Bestehen  von  Blindenvereinen  ver¬ 
boten.  Dort  gibt  es  keine  Verbände  der  Blindenselbsthilfe  mehr. 

Infolge  der  besonderen  Verhältnisse  in  Berlin  nahm  auch  der  Reichsdeutsche 
Blindenverband  als  solcher  seine  Tätigkeit  nicht  wieder  auf.  Für  die  in  den 
westlichen  Besatzungszonen  gelegenen  Blindenerholungsheime  Timmen¬ 
dorfer  Strand,  Kniebis  und  Wertheim  wurden  gerichtliche  Abwesenheits- 
pfleger  bestellt,  so  daß  diese  Heime  während  einer  Übergangszeit  bis  zur 
Übernahme  durch  den  Deutschen  Blindenverband  ein  Eigenleben  führten. 
Das  in  der  sowjetischen  Zone  gelegene  Vermögen  des  Reichsdeutschen  Blin¬ 
denverbandes  wurde  von  sowjetzonalen  Stellen  übernommen. 

In  den  Westzonen  nahmen  dagegen  die  Landesblindenvereine  in  den  Jah¬ 
ren  1945/46  ihre  Tätigkeit  wieder  auf,  und  auch  der  „Allgemeine  Blinden¬ 
verein  Berlin  folgte  bald  nach.  Zum  Teil  waren  es  die  gleichen  Männer 


87 


wie  vor  dem  Zusammenbruch;  zum  Teil  traten  neue  Männer  an  die  Spitze 
der  Vereine. 

Das  System  der  Besatzungszonen  und  der  Neugliederung  der  Länder  brachte 
auch  eine  Veränderung  in  der  Organisation  der  Blindenselbsthilfe  mit  sich. 
In  Baden- Württemberg  bildeten  sich  zwei  Badische  Blindenvereine,  einer 
für  Nordbaden  (amerikanische  Zone),  einer  für  Südbaden  (französische  Zone). 
In  Übereinstimmung  mit  der  Schaffung  des  Landes  Niedersachsen  wurden 
die  in  diesem  Gebiet  tätigen  Blindenvereine  zum  ,, Blindenverband  Nieder¬ 
sachsen“  zusammengefaßt. 

Heute  gibt  es  in  jedem  Land  der  Bundesrepublik  und  in  West-Berlin  einen 
dem  Deutschen  Blindenverband  angeschlossenen  Blindenverein.  In  den  Län¬ 
dern  Nordrhein-Westfalen  und  Baden-Württemberg  gibt  es  je  drei,  und  zwar 
in  Nordrhein-Westfalen  den  Blindenverband  Nordrhein  sowie  den  West¬ 
fälischen  und  den  Lippischen  Blindenverein  und  im  Lande  Baden- Württem¬ 
berg  den  Württembergischen  Blindenverein,  den  Blindenverein  Südbaden  mit 
der  Geschäftsstelle  in  Freiburg  und  den  Badischen  Blindenverein  (für  Nord- 
baden)  mit  der  Geschäftsstelle  in  Mannheim. 

Die  Blindenvereine  der  britischen  Zone  schlossen  sich  im  Jahre  1946  zum 
,, Deutschen  Blindenverband  e.  V.  im  Gebiet  der  britischen  Zone“  zusammen. 
Vorsitzender  war  Hans  Klötscher,  Braunschweig,  und  seit  1947  Her¬ 
mann  Pothmann,  Essen. 

Die  Blindenvereine  der  amerikanischen  Zone  gründeten  keinen  die  ganze 
Zone  umfassenden  eingetragenen  Verein,  sondern  sie  bildeten  unter  der  Füh¬ 
rung  von  Otto  G  1  ä  n  z  e  1  ,  Stuttgart,  eine  Arbeitsgemeinschaft  unter  dem 
Namen  „Deutscher  Blindenverband  im  Gebiete  der  amerikanischen  Zone“. 
In  der  französischen  Zone  fand  überhaupt  keine  Zusammenfassung  statt. 

Im  November  1947  kamen  Vertreter  der  beiden  deutschen  Blindenverbände 
von  der  britischen  und  amerikanischen  Zone  in  Wiesbaden  zusammen.  Es 
wurden  eine  Reihe  von  sachlichen  Problemen  des  Blindenwesens  besprochen. 
Zu  einer  ständigen  Zusammenarbeit  der  beiden  zonalen  Verbände  kam  es  je¬ 
doch  nicht. 

Eine  Sonderentwicklung  ging  in  den  Jahren  1947  und  1948  in  der  britischen 
Zone  vor  sich.  Sie  hatte  allerdings  nur  episodischen  Charakter.  Ich  meine  die 
Ausschüsse  für  das  Blindenwesen.  In  jedem  Land  der  britischen  Zone  wurde 
ein  solcher  Ausschuß  gebildet,  bestehend  aus  sieben  Personen:  zwei  Kriegs¬ 
blinden,  zwei  Zivilblinden,  einem  Vertreter  der  Blindenanstalten  und  zwei 
Behördenvertretern.  Die  Ausschüsse  für  das  Blindenwesen  hatten  aber  ledig¬ 
lich  beratende  und  empfehlende  Funktion. 

Über  den  Ausschüssen  der  Länder  stand  der  Zonenausschuß  für  das  Blinden - 
wesen  mit  Hans  Voigt  (kriegsblind),  Hamburg,  als  Vorsitzendem  und 
Dt.  Alfons  Gott  wald  (zivilblind),  Timmendorfer  Strand,  als  stellver¬ 
tretendem  V orsitzenden,  an  der  Spitze.  Diesem  Zonenausschuß  gehörte  als 
Behördenvertreter  Dr.  W  e  b  e  r  —  der  spätere  Sozialminister  von  Nord- 
rhein-Westfalen  und  Schöpfer  des  Nordrhein- Westfälischen  Blindengeld¬ 
erlasses  von  1951  —  an. 


88 


Eine  Zeitlang  existierte  auch  unter  Professor  Dr.  Carl  Str  ehl  ein  Tri- 
zonenausschuß,  der  die  drei  Westzonen  umfaßte,  in  der  amerikanischen  und 
französischen  Zone  aber  keinen  Unterbau  hatte. 

Das  Positive  dieser  Ausschüsse  lag  darin,  daß  in  ihnen  die  Vertreter  der 
Blindenselbsthilfe  und  die  Behördenvertreter  gemeinsam  an  einem  Tische 
die  Probleme  durchsprachen.  Darüber  hinaus  aber  haben  sie  keinerlei  Be¬ 
deutung  erlangt.  Sie  haben  dann  auch  ihre  Tätigkeit  im  Jahre  1949  ein¬ 
gestellt.  Die  gesamte  Arbeit  wurde  von  den  Organisationen  der  Blindenselbst¬ 
hilfe  durchgeführt.  Lediglich  in  Nordrhein- Westfalen  besteht  heute  noch 
der  Landesblindenausschuß,  dem  die  Selbsthilfeorganisationen  einige  zentrale 
Aufgaben  zugewiesen  haben. 

Mit  der  Gründung  der  Bundesrepublik  war  dann  der  Zeitpunkt  gekommen, 
auch  die  Selbsthilfeverbände  des  Blindenwesens  bundesweit  zusammenzu¬ 
fassen.  Im  Oktober  1949  wurde  in  Meschede  der  ,, Deutsche  Blindenverband 
e.V.,  Spitzenverband  der  Blinden  im  Gebiet  der  Bundesrepublik  Deutschland“, 
gegründet1).  Vorsitzender  des  Verbandes  wurde  der  Geschäftsführer  des  Baye¬ 
rischen  Blindenhundes  Friedrich  Paul,  München,  dem  ein  Jahr  später  der 
Geschäftsführer  des  Schleswig-Holsteinischen  Blindenvereins,  Dr.  Alfons 
Gottwald,  Timmendorfer  Strand,  folgte.  Ende  November  1953  wurde 
die  Verbandsgeschäftsstelle  von  Timmendorfer  Strand  nach  Bad  Godesberg 
verlegt,  wo  der  Verband  ein  eigenes  Haus  erworben  hat.  Zur  Zeit  setzt  sich 
der  Verbandsvorstand  folgendermaßen  zusammen: 

Geschäftsführender  Vorsitzender: 

Dr.  Alfons  Gottwald, 

Amtsgerichtsrat  z.  Wv.  und  Rechtsanwalt; 

Stellvertretender  Vorsitzender : 

Dr.  Horst  Geissler, 

Regierungsrat  im  Bundesminislerium  des  Innern; 

Beisitzer: 

Frau  Dr.  Heister, 

Geschäftsführerin  des  Blindenhundes  in  Hessen; 

Emst  Sontheim, 

Telefonist  bei  der  Stadt  Kempten  und  Vorsitzender  des  Bayerischen 
Blindenhundes  sowie  Leiter  der  Allgäuer  Blindenarbeitszentrale; 

Alfred  Stoeckel, 

Konzertsänger  und  Vorsitzender  des  Allgemeinen  Blindenvereins  Berlin; 
Wilhelm  Marhauer, 

geschäftsführender  Vorsitzender  des  Blindenverbandes  Niedersachsen  und 
Geschäftsführer  der  Konzertgemeinschaft  blinder  Künstler  Deutschlands 
e.  V. 


*)  Am  5.  Juni  1956  trat  der  Blindenverein  für  das  Saarland  e.  V.  dem  Deutschen  Blinden¬ 
verband  e.  V.  als  15.  Mitgliedsverein  bei. 


89 


Neben  dem  Deutschen  Blindenverband  e.  V.  steht  der  Bund  der  Kriegs¬ 
blinden  Deutschlands  e.  V.  Beide  Organisationen  arbeiten  in  allen  Fragen 
kameradschaftlich  zusammen. 

Als  spezielle  Organisationen  der  Blindenselbsthilfe  bestehen:  Der  Verein  blin¬ 
der  Geistesarbeiter  Deutschlands  e.  V.,  Sitz  Marburg,  die  Konzertgemeinschaft 
blinder  Künstler  Deutschlands  e.  V.,  Sitz  Hannover,  und  als  Spitzenorgani¬ 
sation  des  Blindenhandwerks  die  Deutsche  Blindenarbeit  e.  V.,  Sitz  Bonn. 
Die  Deutsche  Blindenarbeit  e.  V.  ist  ein  Dachverband,  der  aus  drei  selbstän- 
digen  Sparten  besteht,  nämlich  aus  dem  Verband  für  das  Blindenhandwerk 
e.  V.,  Sitz  Bonn  (Zivilblindensparte),  der  Kriegsblindenhandwerkerfürsorge 
G.  G.  m.  b.  H.,  Sitz  Bonn,  und  der  Arbeitsgemeinschaft  der  Blindenbildungs¬ 
anstalten,  Sitz  Hannover. 


II. 

Die  Aufgaben  der  Blindenselbsthilfe  sind  sozialpolitischer,  fürsorgerischer, 
kultureller  und  rein  menschlicher  Art. 

Die  Grundkonzeption  knüpft  an  die  allgemeinen  Menschenrechte  an,  wie  sie 
jetzt  in  den  Artikeln  1  bis  3  des  Bonner  Grundgesetzes  niedergelegt  sind. 
„Auch  der  Blinde  hat  ein  Recht  auf  Leben  in  Würde“  hieß  es  auf  dem 
Spruchband,  mit  dem  das  Rednerpodium  beim  ersten  Zivilblindenparlament 
am  19.  September  1951  in  Bonn  geschmückt  war.  Auch  der  Blinde  hat  ein 
Recht  auf  freie  Entfaltung  der  Persönlichkeit,  das  durch  Artikel  2  des  Grund¬ 
gesetzes  allen  Bürgern  der  Bundesrepublik  garantiert  wird.  Aus  diesen 
Grundrechten  folgen  insbesondere  das  Recht  auf  Arbeit,  das  Recht  auf  Aus¬ 
bildung  und  das  Recht  auf  Blindengeld.  Dies  ist  mit  wenigen  Worten  das 
sozialpolitische  Programm  der  heutigen  Blindenselbsthilfe. 

Das  Recht  auf  Arbeit  wurde  für  die  Zivilblinden  im  Schwerbeschädigten  - 
gesetz  von  1953  verankert.  Während  das  alte  Schwerbeschädigtengesetz  von 
1923  nur  die  Möglichkeit  der  Gleichstellung  vorsah,  sind  die  Zivilblinden 
jetzt  von  Gesetzes  wegen  Schwerbeschädigte  und  haben  damit  einen  Rechts¬ 
anspruch  auf  einen  Arbeitsplatz.  Dieser  Erfolg  der  Blindenselbsthilfe  kann 
gar  nicht  hoch  genug  eingeschätzt  werden.  Die  Idee  des  sozialen  Rechts¬ 
staates  (Artikel  20  des  Grundgesetzes)  hat  hier  Gestalt  gewonnen.  Seitdem 
besteht  die  Arbeit  des  Deutschen  Blindenverbandes  und  seiner  Untergliede¬ 
rungen  darin,  das  Gesetz  in  die  Wirklichkeit  umzusetzen,  d.  h.  dafür  zu 
sorgen,  daß  die  Zivilblinden  Arbeitsplätze  in  Wirtschaft  und  Verwaltung 
erhalten. 

Auf  dem  Gebiet  der  Berufsausbildung  ist  unser  Ziel  noch  nicht  erreicht. 
Zwar  wurde  durch  das  Fürsorgeänderungsgesetz  von  1953  der  §  6  e  RGr. 
dahin  ergänzt,  daß  zum  notwendigen  Lebensbedarf  bei  Blinden  auch  „Hilfe 
zur  Ausbildung  für  einen  angemessenen  Beruf“  gehört.  Aber  diese  Hilfe 
wird  nur  im  Rahmen  der  öffentlichen  Fürsorge  gewährt;  d.  h.,  damit  ein 
Blinder  eine  sachgemäße  berufliche  Ausbildung  erhalten  kann,  werden  er 
und  seine  Angehörigen  für  eine  nicht  unerhebliche  Zeit  auf  das  Niveau  von 


90 


Fürsorgeempfängern  herabgedrückt.  Daß  diese  Regelung  —  so  großzügig 
auch  die  Fürsorgebehörden  sein  mögen  —  dem  Recht  auf  Leben  in  Würde 
nicht  entspricht  und  darüber  hinaus  den  Rehabilitationswillen  nicht  stärkt, 
dürfte  ohne  jeden  Zweifel  sein.  Hier  liegt  eine  Aufgabe,  die  noch  zu  lösen  ist. 
In  diesem  Zusammenhang  sei  die  blindentechnische  Grundausbildung,  also 
der  Unterricht  in  Blindenschrift  und  Maschineschreiben,  hervorgehoben.  Es 
hat  Sozialministerien  gegeben,  die  sich  auf  den  Standpunkt  stellten,  daß  sie 
die  Mittel  für  die  blindentechnische  Grundausbildung  späterblindeter  Bürsten¬ 
macher  nicht  bewilligen,  weil  ein  Bürstenmacher,  der  in  einer  Blindenwerk¬ 
statt  arbeitet,  zur  Verrichtung  dieser  Arbeit  nicht  die  Punktschrift  und  das 
Maschineschreiben  zu  beherrschen  brauche.  Erst  durch  eine  Eingabe  des 
Deutschen  Blindenverbandes  hat  das  Bundesministerium  des  Innern  klar¬ 
gestellt,  daß  auch  ein  blinder  Bürstenmacher  im  Rahmen  des  §  6  e  RGr.  die 
Kosten  für  die  blindentechnische  Grundausbildung  erstattet  erhält.  Es  hat 
nämlich  bestätigt,  daß  in  der  Regel  die  Kosten  für  diese  Ausbildung  unter 
§  6  e  RGr.  fallen  (vgl.  Blindenwelt  1952,  Heft  11). 

Auch  die  Durchführung  der  Umschulungsmaßnahmen  hat  die  Blindenselbst¬ 
hilfe  vielfach  in  die  eigene  Hand  genommen.  Die  Telefonistenausbildung  in 
Kempten,  durchgeführt  von  der  „Fachgruppe  Telefonisten  des  Bayerischen 
Blindenhundes“,  ist  nicht  nur  in  Deutschland,  sondern  vielfach  auch  im  Aus¬ 
land  weitgehend  bekannt.  Andere  Landesblindenvereine  führten  Kurse  für 
bindentechnische  Grundausbildung,  für  Umschulung  zum  Stenotypisten,  für 
Weiterbildung  von  Masseuren  sowie  hauswirtschaftliche  Lehrgänge  für  blinde 
Frauen  und  Mädchen  durch.  Die  Einrichtung  einer  Industrieumschulungs- 
stätte  für  Späterblindete  ist  ein  Problem,  das  hoffentlich  bald  seiner  Ver¬ 
wirklichung  zugeführt  werden  kann. 

Neben  Berufsumschulung  und  Berufseinsatz  ist  das  wichtigste  Problem,  mit 
dem  sich  die  Blindenselbsthilfe  seit  dem  Jahre  1945  befaßt  hat,  das  Problem 
des  Blindengeldes. 

Es  ist  völlig  ausgeschlossen,  auf  wenigen  Druckseiten  von  der  Entwicklung 
dieses  Problems  ein  auch  nur  einigermaßen  vollständiges  Bild  zu  geben.  Das 
muß  einer  besonderen  Schrift  Vorbehalten  bleiben.  Es  sei  mir  daher  gestattet, 
mich  auf  nachstehenden  Überblick  zu  beschränken: 

1949:  Bayerisches  Blindengeldgesetz 
1950:  Hessisches  Blindenpflegegeldgesetz 
1951:  Nordrhein-Westfälischer  Blindenpflegegelderlaß 
1952:  Berliner  Blindenpflegegelderlaß 

1953:  Schaffung  des  §  11  f  RGr.  durch  das  Fürsorgeänderungsgesetz 
1953:  Bayerisches  Blindenpflegegeldgesetz 

(Blindenpflegegeld  von  90, —  DM  mtl.  ohne  Einkommensgrenze) 
1954:  Berliner  Blindenpflegegeldgesetz 

(Blindenpflegegeld  von  90, —  DM  mtl.  ohne  Einkommensgrenze) 
1955:  Neuer  Nordrhein- Westfälischer  Blindenpflegegelderlaß 

(Blindenpflegegeld  von  90, —  DM  mtl.  Einkommensgrenze: 

410, —  DM  mtl.,  bei  Berufstätigen  470, —  DM  mtl.). 


91 


Welche  unendliche  Kleinarbeit  des  Deutschen  Blindenverbandes  und  seiner 
Mitgliedsvereine  sich  hinter  dieser  Aufzählung  gesetzlicher  Bestimmungen 
verbirgt,  kann  nur  der  ermessen,  der  an  dieser  Arbeit  teilgenommen  hat. 
Sie  ist  noch  nicht  beendet,  das  Ziel  ist  noch  nicht  erreicht. 

Erstrebt  wird  als  sozialpolitische  Maßnahme,  die  jedem  Blinden  helfen  soll, 
sich  in  der  menschlichen  Gesellschaft  zu  behaupten,  ein  allgemeines  Blinden¬ 
geld  ohne  Einkommensgrenze  in  der  gesamten  Bundesrepublik. 

Neben  der  sozialpolitischen  Arbeit  hat  die  fürsorgerische  Tätigkeit  der 
Blindenselbsthilfe  keineswegs  an  Bedeutung  verloren.  Im  Gegenteil.  Was 
den  Umfang  der  Tätigkeit  betrifft,  so  steht  sie  bei  den  Mitgliedsvereinen 
des  Deutschen  Blindenverbandes  an  erster  Stelle.  Allerdings  hat  sich  die  Art 
unserer  Fürsorgearbeit  gegen  früher  wesentlich  verändert. 

Durch  die  Erfolge  der  Blindenselbsthilfe  auf  beruflichem  Gebiet  und  auf 
dem  Gebiet  des  Blindengeldes  ist  die  frühere  Massennot  der  Blinden  beseitigt. 
Es  ist  nicht  mehr  notwendig,  immer  und  überall  mit  kleinen  Geldbeihilfen 
auszuhelfen,  die  doch  nur  einen  Tropfen  auf  den  heißen  Stein  bedeuteten. 
Zwar  werden  auch  in  Zukunft  —  wie  unter  Sehenden,  so  auch  unter 
Blinden  —  Menschen  in  wirtschaftliche  Bedrängnis  geraten,  und  es  ist  eine 
selbstverständliche  Aufgabe  unserer  Schicksalsgemeinschaft,  ihnen  zu  helfen. 
Es  ist  aber  zu  hoffen,  daß  es  Einzelfälle  bleiben.  Hierfür  im  Rahmen  der 
Sozialreform  Sorge  zu  tragen,  ist  eine  weitere  wichtige  Aufgabe  der  Blinden¬ 
selbsthilfe. 

Indem  die  Blindenvereine  auf  dem  Gebiet  individueller  Geldbeihilfen  ent¬ 
lastet  werden,  bekommen  sie  Arbeitskraft  und  Mittel  für  die  Durchführung 
anderer  fürsorgerischer  Aufgaben  frei.  So  konnten  sie  sich  mit  Erfolg  der 
Schaffung  von  Wohnungen  für  Blinde,  der  Errichtung  von  Wohn-,  Er- 
holungs-  und  Altersheimen  widmen.  So  konnten  sie  in  großem  Umfange 
'Radiogeräte  und  Blindenhilfsmittel  an  ihre  Mitglieder  abgeben.  Im  ein¬ 
zelnen  habe  ich  die  fürsorgerischen  Leistungen  der  Blindenselbsthilfe  in 
meinem  gleichnamigen  Aufsatz  in  ,,Die  Blindenwelt“  1954,  Heft  7/8,  dar¬ 
gestellt  und  darf  darauf  verweisen. 

Gegenüber  der  Frühzeit  der  Blindenselbsthilfe  hat  also  eine  zweifache 
Akzentverschiebung  stattgefunden.  Der  Schwerpunkt  der  Arbeit  rückte  von 
der  Fürsorge  mehr  und  mehr  zu  dem  sozialpolitischen  Gebiet  hin.  Innerhalb 
der  fürsorgerischen  Arbeit  selbst  trat  die  Unterstützung  wegen  wirtschaft¬ 
licher  Notlage  zurück  gegenüber  den  wirklich  produktiven  Hilfen. 

Im  Vordergrund  der  kulturellen  Arbeit  stand  die  Errichtung  der  Deutschen 
Blindenhörbücherei.  Im  Februar  1951  fand  in  Bonn  die  erste  Besprechung 
über  dieses  Thema  statt;  aber  erst  nach  drei  Jahren  konnte  nach  mühevollen 
Verhandlungen  im  Februar  1954  in  Marburg  die  Deutsche  Blindenhör¬ 
bücherei  G.  G.  m.  b.  H.  gegründet  werden,  und  erst  ein  weiteres  Jahr  später 
wurde  im  April  1955  der  Leihverkehr  aufgenommen. 

Unter  dem  Gesichtspunkt  unseres  Themas  bietet  sich  ein  Vergleich  mit  der 
Hamburger  Punktschriftbücherei,  der  „Zentralbibliothek  für  Blinde“  an. 


92 


Im  Jahre  1905  fand  sich  in  Hamburg  ein  Kreis  von  sehenden  Blinden¬ 
freunden  zusammen  und  schuf  einen  Fürsorgeverein  mit  der  Aufgabe,  eine 
Punktschriftbibliothek  zu  errichten.  Ganz  anders  der  Vorgang  50  Jahre 
später.  Jetzt  traten  die  beiden  großen  Verbände  der  Blindenselbsthilfe  zu¬ 
sammen  und  gründeten  in  Gemeinschaft  mit  zwei  führenden  Blinden - 
einrichtungen  und  unter  engster  Fühlungnahme  mit  dem  Bundesministerium 
des  Inneren  eine  gemeinnützige  Gesellschaft  mit  beschränkter  Haftung,  die 
,, Deutsche  Blindenhörbücherei“.  Heute  sind  es  die  Blinden  selbst,  die  sich 
in  kameradschaftlicher  Zusammenarbeit  mit  den  zuständigen  Behörden  ihre 
Einrichtungen  schaffen. 

Damit  will  ich  den  Überblick  über  die  Tätigkeit  der  Blindenselbsthilfe 
abschließen.  Es  war  nicht  möglich,  im  Rahmen  eines  Aufsatzes  in  einer 
Festschrift  alle  Einzelheiten  zu  schildern.  Die  Arbeit  der  Blindenselbsthilfe 
ist  so  mannigfaltig  wie  das  Leben  selbst.  Ich  hoffe  aber,  daß  es  mir  ge¬ 
lungen  ist,  mit  wenigen  Strichen  ein  anschauliches  Bild  von  unserem 
Wollen  und  Streben  und  von  unserer  Arbeit  in  den  letzten  zehn  Jahren 
zu  zeichnen. 


93 


40  Jahre  Bund  der  Kriegsblinden 

\  on  Friedrich  Wilhelm  H  y  m  m  e  n  , 

Hauptschriftleiter  der  Monatszeitschrift  „Der  Kriegsblinde“ 

Wenn  sich  die  deutschen  Kriegsblinden  auch  nicht  rühmen  wollen,  einen 
entscheidenden  W  andel  im  Blindenbildungswesen  hervorgerufen  zu  haben, 
so  lassen  sich  doch  Zusammenhänge  eigener  Art  feststellen,  die  —  wenigstens 
seit  1914  die  Geschichte  der  Blindenbildung  mit  der  Geschichte  des 
Bundes  der  Kriegsblinden  verbinden.  Einzelne  Wurzeln  reichen  auch  weiter 
zurück,  so  etwa  die  Einrichtung  von  Umschulungsstätten  für  die  Kriegs¬ 
blinden  der  Freiheitskriege.  Es  waren  fünf  sogenannte  „Werkschulen“,  die 
bedeutendste  von  ihnen  in  Königsberg,  die  lange  Zeit  hindurch  bestanden 
und  mancherlei  Anregungen  ausstrahlten.  Aber  erst  mit  dem  Jahr  1914 
werden  die  Kriegsblinden  zu  einem  Faktor  im  deutschen  Blindenwesen, 
zunächst  noch  passiv  und  geduldig,  dann  aber  mehr  und  mehr  aus  eigener 
Initiative  handelnd.  Ohne  Frage  hat  sich  damit  ein  Wandel  in  der  gesell¬ 
schaftlichen  Position  aller  Blinden  vollzogen.  Gewiß  ist  das  zu  einem  guten 
Teil  nicht  ein  unmittelbares  Verdienst  des  Bundes  der  Kriegsblinden, 
sondern  eine  unvermeidliche  Folge  jener  für  die  Umwelt  und  für  die 
Behörden  neuen  Situation:  Das  bis  dahin  übliche  System,  das  im  Grunde 
auf  eine  Isolierung  und  Degradierung  des  Blinden  hinauslief,  ließ  sich  bei 
diesen  verwundeten  Soldaten,  die  ja  bis  dahin  als  Sehende  mitten  im  Leben 
gestanden  hatten,  nicht  amvenden.  Der  Unwille  und  der  Protest  der  jungen 
Kriegsblinden  machte  das  sehr  bald  deutlich. 

Schon  Ende  1914  lagen  etwa  190  erblindete  Soldaten  in  den  Lazaretten. 
Was  sollte  mit  diesen  Männern  geschehen?  Die  zuständigen  Behörden  waren 
bei  allem  guten  Willen  —  zunächst  hilflos,  sie  entließen  die  Kriegs¬ 
blinden  vielfach  in  die  Heimat,  sobald  die  Wunden  ausgeheilt  waren,  ohne 
Umschulung,  ohne  jede  Fürsorge.  Den  Kriegsblinden  stand  ein  unerträg¬ 
licher  sozialer  Abstieg  bevor,  denn  die  Bezüge  nach  dem  Mannschafts-Ver¬ 
sorgungsgesetz  von  1906  erlaubten  kein  lebenswertes  Leben,  ja,  nicht  einmal 
die  Gründung  einer  Ehe.  Wenn  überhaupt  eine  Umschulung  vorgenommen 
wurde,  so  beschränkte  sie  sich  auf  den  traditionellen  Beruf  des  Bürsten¬ 
machers,  ohne  daß  man  sich  um  den  bisherigen  Beruf  des  Kriegsblinden 
viel  kümmerte  und  ohne  daß  für  die  eigentliche  Berufsausübung,  also  etwa 
den  Vertrieb  der  Ware,  Vorsorge  getroffen  wurde.  Ein  Dasein  des  Elends 
schien  unvermeidbar,  doppelt  bedrückend  dadurch,  daß  der  Kriegsblinde 
nach  dem  Wesen  der  Zeit  dem  mitleidigen  Wohlwollen  von  Fürsorge-  und 
Wohltätigkeitsvereinen  ausgeliefert  war.  So  wurde  schon  zu  Beginn  des 
Jahres  1915  zu  öffentlichen  Sammlungen  zugunsten  der  Kriegsblinden  auf- 
gerufen.  Mehrere  Millionen  Mark  kamen  zusammen,  vor  allem  bei  der 
„Deutschen  Kriegsblindenstiftung  für  Landheer  und  Flotte“,  aber  die  Kriegs- 


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blinden  selber  hatten  keinerlei  Mitspracherecht  bei  der  Verteilung  dieser 
Mittel,  auch  in  den  ersten  Jahren  nach  der  Gründung  ihres  Bundes  noch 
nicht.  Der  Reichsdeutsche  Blindenverband,  im  Jahre  1911  gegründet,  richtete 
aus  solchen  Sammelerträgen  ein  Erholungsheim  für  Kriegsblinde  in  Binz 
auf  Rügen  ein.  Hier  kamen  im  Sommer  1915  zum  ersten  Mal  Kriegsblinde 
zusammen.  Bis  dahin  hatte  kaum  eine  Verbindung  zwischen  ihnen  bestanden, 
kaum  eine  Möglichkeit  zur  Aussprache.  So  begann  der  Weg  des  Kriegs  - 
blindenbundes  eigentlich  hier  in  Binz,  zunächst  mit  dem  Schmieden  von 
Plänen,  bald  aber  auch  mit  ernsthaften  Aktionen.  Dazu  gehörte  einige  Ent¬ 
schlußkraft,  denn  der  Gedanke  der  Selbsthilfe  war  noch  neu,  und  er  war 
den  Behörden  obendrein  höchst  unwillkommen.  Noch  gab  es  keinen  einzigen 
deutschen  Kriegsopferverband!  In  jeder  Hinsicht  mußte  Neuland  betreten 
werden.  Wohin  der  Weg  führen  sollte,  mußte  also  im  Ungewissen  bleiben. 

Bis  Anfang  Februar  1916  hatte  ein  kleiner  Kreis  aktiv  gewordener  Kriegs¬ 
blinder  mühsam  die  Anschriften  von  rund  200  Kameraden  erfaßt,  die  sich 
bereit  erklärt  hatten,  dem  zu  gründenden  Verband  beizutreten.  So  konnte 
am  5.  März  1916  die  offizielle  Gründung  des  ,, Bundes  erblindeter  Krieger 
e.  V.“  vollzogen  werden.  37  Kriegsblinde  waren  dazu  in  einem  Lokal  in  der 
Linkstraße,  nahe  dem  Potsdamer  Platz  in  Berlin  und  nahe  dem  privaten 
Kriegsblindenumschulungsheim  der  Frau  von  Ihne  in  der  Bellevuestraße, 
zusammengekommen.  Vorsitzender  wurde  Wilhelm  Hefermann,  ein 
damals  29jähriger  Kriegsblinder,  der  vor  dem  Kriege  Grubensteiger  im 
Ruhrgebiet  gewesen  war.  Erheblich  an  der  Gründung  beteiligt  war  auch 
der  spätere  Bundesvorsitzende  bzw.  langjährige  Berliner  Landesverbands - 
Vorsitzende  Axel  Bischof  f. 

Mit  einem  Idealismus  ohnegleichen  gingen  die  führenden  Kriegsblinden 
daran,  ihre  Organisation  auszubauen  und  schlagkräftig  zu  machen.  Das 
gelang  trotz  der  Kriegsnot  in  erstaunlich  kurzer  Zeit,  obwohl  die  Behörden 
sich  anfangs  sogar  weigerten,  die  Anschriften  von  Kriegsblinden  heraus¬ 
zugeben.  Schon  1916  entstanden  in  den  meisten  deutschen  Bundesländern 
Bezirksgruppen,  im  Januar  1917  kamen  die  ersten  gedruckten  Mitteilungen 
heraus,  ein  Jahr  später  schon  die  Monatszeitschrift  ,,Der  Kriegsblinde“, 
nachdem  im  Oktober  1917  der  erste  große  Verbandstag  Kriegsblinde  aus 
dem  gesamten  Reichsgebiet  nach  Berlin  geführt  hatte.  Mitte  Oktober  1918 
traf  man  sich  in  Berlin  zum  ersten  „Bundestag“  des  Kriegsblindenbundes, 
noch  ganz  im  Zeichen  der  Kämpfe  um  die  Anerkennung  des  Bundes  als 
Partner  der  Regierungsstellen  und  Behörden.  Aber  dann  war  es  geschafft: 
Die  Voraussetzung  dafür,  daß  die  Stimme  der  Kriegsblinden  gehört  und 
respektiert  wurde,  war  nach  drei  Jahren  erreicht,  —  ein  Vorgang,  dessen 
historische  Bedeutung  nicht  unterschätzt  werden  darf!  Denn  was  in  den 
Jahren  nach  1919  selbstverständlich  wurde,  etwa  daß  der  zuständige  Par¬ 
lamentsausschuß  sich  die  Forderungen  und  Vorschläge  der  Kriegsblinden 
vortragen  ließ,  war  noch  wenige  Jahre  zuvor  als  ganz  und  gar  abwegiger, 
utopischer  Gedanke  erschienen,  selbstverständlich  auch  für  den  Kreis  der 
Zivilblinden. 


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Inzwischen  aber  war  während  der  Kriegsjahre  noch  etwas  weit  Bedeut¬ 
sameres  geschehen:  Das  Tor  zur  Welt  neuer  Blindenberufe  war  auf  gestoßen 
worden.  Die  jungen  Kriegsblinden  hatten  sich  innerlich  nicht  damit  abfinden 
können,  vom  Beruf  des  Kaufmanns  oder  des  Beamten  oder  auch  des  Industrie¬ 
arbeiters  zum  Beruf  des  Bürstenmachers  umzusatteln.  In  diesen  Bestrebungen 
fanden  sie  hervorragende  sehende  Helfer  wie  den  Leiter  eines  Berliner  Kriegs¬ 
blindenlazaretts,  Geheimrat  Dr.  Paul  Silex,  einen  damals  berühmten 
Augenarzt.  Er  war  es,  der  zusammen  mit  seiner  blinden  Mitarbeiterin 
Betty  Hirsch  sich  über  die  teils  grotesken  Voreingenommenheiten  der 
Öffentlichkeit  hinwegsetzte  und  für  die  Wünsche  der  Kriegsblinden  Ver¬ 
ständnis  hatte.  Das  begann  im  Herbst  1915,  als  Kriegsblinde  in  einer 
Spandauer  Munitionsfabrik  die  Arbeit  aufnahmen  —  die  ersten  blinden 
Industriearbeiter  der  Welt  ,  das  setzte  sich  fort  mit  der  Entwicklung  des 
Telefonistenberufs,  ebenso  und  schon  1916  —  mit  der  Erschließung  von 
Büroberufen  als  Maschinenschreiber,  Aktenhefter  und  dann  auch  als  Steno - 
typist,  das  fand  seinen  vorläufigen  Abschluß  mit  dem  ersten  Kursus  für 
blinde  Masseure,  der  im  Oktober  1918  begann.  Das  Auftreten  der  Kriegs¬ 
blinden  hatte  auch  die  Gründung  der  Marburger  Blindenstudienanstalt  zur 
Folge  und  nicht  zuletzt  auch  —  es  war  im  August  1916  in  Oldenburg  — 
die  erste  systematische  Ausbildung  des  Blindenführhundes.  Es  war  eine  Zeit 
des  fruchtbaren  Aufbruchs  im  gesamten  Blindenwesen. 

Der  ,,Bund  erblindeter  Krieger“  förderte  diese  Entwicklung  nach  Kräften 
und  begann  sehr  früh  mit  einer  Berufsfürsorge  auch  auf  dem  schon  damals 
schwierigen  Gebiet  des  Blindenhandwerks.  Eine  Leistung  besonderer  Art 
ist  auch  der  Aufbau  einer  eigenen  Kur-  und  Erholungsfürsorge.  Schon  1919 
wurde  mit  einem  Pachtheim  an  der  Ostsee  der  erste  Versuch  gemacht,  und 
seit  1920  mit  dem  Ankauf  des  ersten  eigenen  Kurheims  —  betreibt  der 
Verband  eine  umfassende  Kurfürsorge,  die  allerdings  heute  dem  ständig 
noch  anwachsenden  Kurbedürfnis  der  Kriegsblinden  nicht  gerecht  werden 
kann,  obwohl  acht  eigene  Heime  mit  576  Betten  zur  Verfügung  stehen 
(davon  276  Betten  für  die  begleitenden  Ehefrauen  und  für  Kinder).  Der 
Aufbau  der  Handwerkerfürsorge  begann  ebenfalls  kurz  nach  Ende  des  ersten 
Weltkrieges,  und  zwar  zunächst  in  einzelnen  süddeutschen  Bereichen,  um 
durch  zentrale  Übernahme  von  Einkauf  und  Verkauf  den  einzelnen  kriegs¬ 
blinden  Handwerker  zu  entlasten  und  ihm  eine  möglichst  ergiebige  Be¬ 
schäftigung  zu  sichern.  Heute  bestehen  neun  als  gemeinnützig  anerkannte 
Arbeitsfürsorge -Einrichtungen  des  Verbandes,  dazu  als  zentrale  Institution 
die  „Deutsche  Kriegsblindenhandwerkerfürsorge  GmbH“.  Über  diese  40  Jahre 
seit  1916  hinweg  sind  die  meisten  Aufgabengebiete  die  gleichen  geblieben, 
nicht  zuletzt  natürlich  auch  der  hartnäckige  Kampf  um  die  Sicherung  einer 
gerechten  Rentenversorgung.  Der  damalige  „Bund  erblindeter  Krieger“ 
erreichte  hier  schon  bei  der  Schaffung  und  Verbesserung  des  Reichsversor¬ 
gungsgesetzes  von  1920  die  Maßstäbe  und  Prinzipien,  die  bis  heute  gelten. 

Damals  allerdings,  nach  dem  ersten  Weltkrieg,  waren  es  im  ganzen  Reichs¬ 
gebiet  nicht  ganz  5000  Männer,  die  als  Soldaten  ihr  Augenlicht  verloren 
hatten.  Sie  fanden  sich  zu  einer  so  engen,  sich  gegenseitig  helfenden 

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Schicksalsgemeinschaft  zusammen,  daß  die  machtpolitischen  Organisations¬ 
eingriffe  des  Dritten  Reiches  ihnen  nichts  anhaben  konnten.  Es  gelang 
sogar,  den  Bund  als  ,,e.  V.“  bis  1940  praktisch  unangetastet  zu  erhalten, 
auch  wenn  er  als  ,, Fachabteilung“  der  NSKOV  (der  Kriegsopfergliederung 
der  NSDAP)  geführt  werden  mußte. 

Nach  1940  hatte  sich  der  Bund  aber  erst  eigentlich  zu  bewähren:  Der  zweite 
Weltkrieg  brachte  rund  8000  Kriegsblinde  mit  sich  (genau  ließ  sich  die 
Zahl  nie  erfassen),  darunter  auch  Frauen  und  Kinder,  die  durch  den  Luft¬ 
krieg  oder  die  Kämpfe  bei  der  Besetzung  des  Landes  ihr  Augenlicht  ver¬ 
loren  hatten.  Dieser  zweiten  Generation  von  Kriegsblinden  standen  alle 
Organe  des  Kriegsblindenbundes  in  einer  Weise  zur  Seite,  die  nicht  genug 
gerühmt  werden  kann.  Den  jüngeren  Kriegsblinden  wurde  der  Weg  in  ein 
neues  Leben,  wenigstens  bis  Kriegsende,  so  leicht  wie  irgend  möglich  ge¬ 
macht,  nicht  zuletzt  auch  in  psychischer  Hinsicht.  Vor  allem  aber  blieben 
den  jüngeren  Kriegsblinden  die  Kämpfe  erspart,  die  zwischen  1915  und 
1925  für  sie  ausgefochten  worden  sind:  die  Kämpfe  um  die  Respektierung 
von  Berufs-  und  Bildungsmöglichkeiten,  die  auch  dem  Leben  in  Dunkelheit 
einen  Inhalt  geben  können. 

Nicht  erspart  blieb  ihnen  jedoch  das  Elend  einer  Nachkriegszeit,  die  nicht 
nur  das  Recht  auf  eine  staatliche  Versorgung,  sondern  sogar  den  Zusammen¬ 
schluß  in  einem  Verband  versagte.  Sehr  vorsichtig,  aber  dennoch  mit  ziel¬ 
strebiger  Energie  wurden  nach  1945  in  den  einzelnen  Ländern  die  Zellen 
des  Bundes  wieder  aufgebaut.  Es  entstanden  zunächst  selbständige  Kriegs¬ 
blindenverbände  auf  Landes-  oder  Zonenebene,  und  im  September  1949 
schlossen  sich  diese  zum  ,,Bund  der  Kriegsblinden  Deutschlands  e.  V.“  zu¬ 
sammen.  Zum  Vorsitzenden  wurde  der  damalige  Amtsgerichtsrat  Dr.  Peter 
Plein  gewählt,  der  schon  von  1929  bis  1936  den  Vorsitz  innegehabt  hatte. 
(1953  übernahm  Oberstudienrat  i.  R.  Dr.  Hans  Ludwig  den  Vorsitz, 
nachdem  Dr.  Plein  in  den  Justizdienst  zurückgekehrt  war  und  bald  darauf 
Bundesrichter  am  Bundessozialgericht  in  Kassel  wurde.)  Die  Neugründung 
des  Bundes  erfolgte  gerade  rechtzeitig,  um  die  wichtigsten  Grundforderungen 
der  Kriegsblinden  bei  der  Schaffung  des  Bundesversorgungsgesetzes  durch¬ 
setzen  zu  können.  Eine  nicht  geringere  Aktivität  erforderte  die  Berufs¬ 
fürsorge,  vor  allem  die  Vermittlung  von  Arbeitsplätzen.  Die  Kurfürsorge 
mußte  auf-  und  ausgebaut  werden;  nur  vier  Heime  waren  dem  Bund  ver¬ 
blieben,  zwischen  1950  und  1955  konnten  vier  weitere  Heime  erworben  und 
eingerichtet  werden.  Auch  in  kultureller  Hinsicht  wurde  manches  unter¬ 
nommen:  Die  Monatszeitschrift  ,,Der  Kriegsblinde“  erscheint  wieder  seit 
September  1949,  dazu  kommt  in  einer  Auflage  von  jeweils  mindestens 
100  000  Exemplaren  seit  dem  Winter  1950/51  das  ,, Kriegsblindenjahrbuch“, 
das  bei  der  sehenden  Umwelt  für  ein  besseres  Verstehen  wirbt.  Im  Frühjahr 
1952  wurde  zum  ersten  Mal  der  ,, Hörspielpreis  der  Kriegsblinden“  verliehen, 
der  einzige  auf  Bundesebene  bestehende  Rundfunkpreis,  gestiftet  vom  Bund 
der  Kriegsblinden  als  Dank  an  die  Rundfunkautoren.  Alljährlich  entscheidet 
ein  Preisgericht,  dem  neun  sehende  Fachkritiker  und  neun  kriegsblinde 
Rundfunkhörer  angehören,  welches  im  Vorjahr  von  einer  Rundfunkanstalt 


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gesendete  Hörspiel  das  beste  des  Jahres  genannt  werden  kann.  Die  Kriegs¬ 
blinden  wollen  mit  dieser  Preisstiftung  zeigen,  daß  sie  vollen  Anteil  am 
geistigen  Leben  haben,  einen  Anteil,  den  sie  auch  durch  ihre  Beteiligung  an 
dei  Gründung  und  Leitung  der  Deutschen  Blinden -Hörbücherei  unter¬ 
streichen. 

\  on  vielen  anderen  Arbeitsgebieten  des  Bundes  wäre  noch  zu  berichten, 
so  etwa  von  der  Arbeit  der  Blindensportgruppen,  von  der  Wohnungs-  und 
Siedlungsfürsorge,  von  der  Beteiligung  des  Bundes  an  maßgebenden  Gremien 
in  Bonn,  von  den  Bemühungen,  auf  dem  Gebiet  des  Blindenhandwerks  auf 
Bundesebene  zusammen  mit  den  Zivilblinden  und  den  Bildungsanstalten 
Schritt  für  Schritt  weiterzukommen,  vom  Kontakt  mit  ausländischen  Bruder- 
verbänden  und  nicht  zuletzt  von  der  kameradschaftlichen  Gesinnung,  die 
all  diese  Arbeit  trägt.  Rückschauend  muß  aber  ein  Wort  der  Dankbarkeit 
gesagt  werden,  gerichtet  an  verständnisvolle  Helfer  in  Regierung  und  Par¬ 
lament,  in  den  Behörden  und  der  Industrie,  gerichtet  aber  auch  an  die 
Blindenbildungsanstalten  und  an  die  Blindenlehrerschaft,  die  nach  1914 
und  vor  allem  nach  1959  mit  wohltuend  einfühlsamer  Aufgeschlossenheit 
den  Kriegsblinden  mit  der  Vermittlung  von  Kenntnissen  und  Fertigkeiten 
neuen  Lebensmut  gaben. 


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INHALTSVERZEICHNIS 


Grußwort  7 

von  Senator  Professor  Dr.  Tiburtius 

Der  Blindenbildungsanstalt  Berlin -Steglitz  zum  Gruß  9 
von  Bezirksstadtrat  Grigoleit 

Vorwort  1  ^ 

von  Dr.  Jurczek 

Aus  der  Geschichte  der  Blindenbildungsanstalt 
Berlin-Steglitz  13 

von  Elisabeth  Hoffmann -Haibach 

Drei  Schritte  in  der  Entwicklung  des  Blinden - 
bildungsgedankens  27 

von  Josef  Bischofs 


Eine  Auswahl  blindenpsychologischer  Erkenntnisse 
in  heutiger  Sicht  44 

von  Günter  Glorius 

Die  technischen  Errungenschaften  für  Blinde 

in  den  letzten  150  Jahren  5g 

von  Wilhelm  Heimers 

150  Jahre  Blindenhandwerk  als  Aufgabe  der  Blinden - 
bildung  77 

von  Alfred  Schild 

Rückgang  der  Blindheit  in  den  letzten  150  Jahren 
infolge  der  Fortschritte  in  der  Augenheilkunde  82 

von  Professor  Dr.  med.  Kurd  Vogelsang 

Die  Blindenselbsthilfe  seit  1945  87 

von  Dr.  Alfons  Gottwald 

40  Jahre  Bund  der  Kriegsblinden  94 

von  Friedrich  Wilhelm  Hymmen 


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